Test: Plastik am Pferd - wie giftig sind Spielzeug und Schüsseln aus Kunststoff?

Gefährliche Schadstoffe im Plastik?

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Schwermetalle, PAK oder Weichmacher: Im Labor nehmen wir Futterschüsseln und Spielzeug aus Kunststoff für Pferde unter die Lupe. Wie stark sind sie mit Schadstoffen belastet?

Quietschbunt, abwaschbar und robust – Kunststoffprodukte sind aus dem Pferdestall nicht mehr wegzudenken. Als Zeitvertreib hängen Spielbälle in Boxen und Offenställen, Zwischenmahlzeiten schlabbert heute fast jedes Pferd aus einer Kunststoffschüssel. Aber sind die bunten Helfer wirklich so harmlos, wie sie aussehen? Schließlich wurden in Kinderspielzeug, Plastiktrinkflaschen oder Lebensmittelverpackungen immer wieder gefährliche Schadstoffe gefunden. Sind Produkte für Pferde genauso oder womöglich noch stärker belastet? Und was steckt überhaupt im Kunststoff? Wir klären auf.

Was ist Kunststoff genau?

Futterschüsseln oder Spielzeug fürs Pferd bestehen aus unterschiedlichen Kunststoffen – also Werkstoffen, die hauptsächlich aus großen, netzartig aneinandergereihten Molekülen bestehen. Es gibt weit über 200 verschiedene Kunststoffarten: Dazu zählen Gummi und Kautschuk genauso wie die häufig für Lebensmittelverpackungen eingesetzten Stoffe Polyethylen und Polypropylen oder der bekannte Kunststoff Polyvinylchlorid (PVC). In allen Kunststoffen können problematische Stoffe enthalten sein – etwa als Weichmacher, Bindemittel oder Abfallprodukte aus dem Produktionsprozess.

Deshalb schickten wir fünf verschiedene Produkte fürs Pferd ins Labor. Wir ließen drei Spielzeuge und zwei Futterschüsseln stichprobenartig auf unterschiedliche Schadstoffe untersuchen, wie etwa Phthalate, Nonylphenol und Schwermetalle. Diese können das Hormonsystem beeinflussen und Leber, Nieren oder Gehirn schädigen. Auch die polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe (PAK) nahmen wir unter die Laborlupe. Diese Stoffe sind zum Teil krebserregend; auch sogenannte Chlorparaffine stehen im Verdacht, Krebs zu erzeugen.

Was haben wir gefunden?

Für unseren Test prüften die Wissenschaftler jedes Produkt auf je zwei Schadstoffgruppen. Entwarnung gab es für Schwermetalle, Chlorparaffine und Nonylphenol: Die Stichproben fielen negativ aus oder die Konzentration war so gering, dass sie nicht nachgewiesen werden konnte.

Bei PAK und Weichmachern gab es auffälligere Funde: Eine Futterschüssel aus schwarzem Gummi ließen wir auf 18 verschiedene PAK testen. Sie enthielt insgesamt 17,5 Milligramm (mg) pro Kilogramm in der Summe an PAK. Das überschreitet den empfohlenen Grenzwert für Produkte, die sich mit dem GS-Zeichen für geprüfte Sicherheit schmücken wollen; an diesem orientierten wir uns zur Bewertung. Der Grenzwert liegt bei 10 mg/kg und gilt für Produkte, mit denen Menschen länger als 30 Sekunden oder immer wieder kurzzeitig Hautkontakt haben. Für Kinderspielzeug oder Produkte, mit denen Menschen Mundkontakt haben, sind die Anforderungen für das GS-Zeichen sogar noch strenger: Sie dürfen nur 1 Milligramm PAK pro Kilogramm in der Summe enthalten.

Diese strengen, freiwilligen Grenzwerte konnten nicht alle Produkte im PAK-Test einhalten. Denn auch im aufblasbaren Pferdespielball fanden sich PAK: nämlich der Kohlenwasserstoff Naphtalin mit einem Gehalt von 2,2 mg/kg. Der Grenzwert für Produkte, mit denen Menschen über längere Zeit oder wiederholt Hautkontakt haben, liegt bei nur 2 mg/kg, denn Naphtalin steht in Verdacht krebserregend zu sein.

Wie bedenklich sind diese Ergebnisse?

Die PAK- Werte sind zwar leicht erhöht – Grund zur Panik besteht jedoch nicht. Dafür waren die entdeckten Werte in Spielball und Futterschüssel zu gering. Auch wenn die Schüssel in der Summe deutlich mehr PAK enthielt, als die Richtlinie des GS-Zeichens empfiehlt: Als hoch krebserregend ist nur einer der gefundenen PAK eingestuft, nämlich Benzoepyren. Dieser war als Einzelstoff aber so niedrig konzentriert, dass er sogar die Obergrenze der EU-Spielzeugrichtlinie einhielt.

Dazu kommt, dass momentan noch schwer abzuschätzen ist, wie gesundheitsschädlich PAK für Pferde sind. Hier fehlt es an Grundlagenforschung. Eine Einstufung als krebserregend gilt zunächst unabhängig von der Spezies. Die Frage ist nur: In welcher Dosis schaden die Stoffe bei Pferden, und wie viel PAK nehmen sie durch Verschlucken, über die Luft oder die Haut auf? Die Aufnahme über die Haut funktioniert laut Experten bei Mensch und Tier grundsätzlich nach gleichen Prinzipien; bei jeder Spezies gibt es aber Besonderheiten. Auch beim Pferd können über die Haut aufgenommene Stoffe unter bestimmten Umständen auf den gesamten Organismus wirken.

Wie viel der Schadstoffe Pferde aufnehmen, ist noch nicht erforscht. Die Menge hängt unter anderem auch davon ab, wie viele PAK überhaupt im Plastik stecken, wie fest sie darin gebunden sind und wie lange das Pferd Kontakt mit dem Material hat.

Wie sieht es mit Weichmachern aus?

Der zweite auffällige Fund in unseren Stichproben: Phthalate. Sie machen als Weichmacher einige Kunststoffe biegsam und bruchsicher, vor allem das spröde PVC.

Der aufblasbare Spielball im Test bestand zu 60 Prozent aus dem Phthalat DINP. „Das ist relativ viel. Einige Kunststoffe brauchen Weichmacher, üblich sind aber Maximalgehalte von 20 bis 30 Prozent“, sagt Dr. Ines Anderie vom PFI. Phthalate können ab einer gewissen Dosis gesundheitsschädlich sein: Einige Arten können das Hormonsystem beeinflussen oder fortpflanzungsgefährdend sein. Das in unserem Test gefundene DINP steht in Verdacht, die Leber zu schädigen. Experten aus den EU-Ländern halten es aber für unwahrscheinlich, dass von DINP-haltigen Produkten ein Risiko für Verbraucher ausgeht. Trotzdem ist DINP gemeinsam mit anderen Phthalaten in Spielzeug und Babyartikeln, die von Kindern in den Mund genommen werden können, vorsorglich verboten worden. Für andere Produkte – wie Pferde-Spielzeug – gibt es keine gesetzlichen Regelungen.

Wie kommen die Schadstoffe ins Plastik?

Weicher Kunststoff ist oft auffällig, harter eher unbedenklich – das könnte man aus unserem Test schließen. Ganz so einfach ist es zwar nicht. Trotzdem kann Elastizität ein Indikator sowohl für enthaltene Weichmacher als auch für einen möglicherweise hohen PAK-Gehalt sein. „PAK können zum Beispiel durch verunreinigte Weichmacheröle oder durch Erdölkomponenten in den Kunststoff gelangen“, erklärt Dr. Ines Anderie vom PFI. „PAK können aber generell in allen Kunststoffarten vorkommen, weil bei der Herstellung hohe Temperaturen benötigt werden. Dabei entstehen die Schadstoffe.“

Auch von der Farbe hängt ab, wie hoch das Schadstoff-Risiko ist: Schwarze Kunststoffprodukte wie die geprüfte Futterschüssel aus Gummi sind mit höherer Wahrscheinlichkeit mit PAK belastet als quietschbunte Kollegen. „Schwarze Materialien werden oft mit Industrierußen aus Kohlenstoff eingefärbt. Diese enthalten PAK“, erklärt Dr. Ines Anderie.

Dieser Industrieruß steckt auch in Autoreifen, die manche Pferdebesitzer gerne als Alternative zur Heuraufe nutzen. Außerdem durften PAK-haltige Weichmacheröle bis zum Jahr 2009 unbegrenzt in Reifen eingesetzt werden. Alte, ausgediente Exemplare können also ziemlich belastet sein – als Futterspender sind sie deshalb weniger geeignet.

Auch Stallmatten können mit PAK belastet sein – das zeigte unser Test im Jahr 2010. Nur eine der getesteten Matten konnte die damals für das GS-Zeichen empfohlenen Grenzwerte für Produkte mit längerfristigem Hautkontakt einhalten.

Welche Schadstoffgrenzen gelten?

Die Grenzen sind nicht so klar, wie sie sein könnten. Denn für jede Produktgruppe gelten andere Schadstoffgrenzwerte: Für Kinderspielzeug regelt etwa die europäische Spielzeugrichtlinie, welche Stoffe bis zu welcher Konzentration enthalten sein dürfen. Für Plastikgeschirr und andere Produkte, die mit Lebensmitteln für Menschen in Kontakt kommen, gelten wieder andere Vorgaben.

Klare Regelungen zu Futterschüsseln und Tierspielzeug gibt es dagegen nicht. „Allerdings ist aktuell eine rechtliche Auseinandersetzung darüber im Gange, ob auch Tierspielzeug Spielzeug im Sinne der europäischen Spielzeugrichtlinie ist“, so Rechtsanwalt Dr. Arun Kapoor, der auf Produkthaftung und Produktsicherheitsrecht spezialisiert ist. Regeln müsste das eigentlich der europäische Gesetzgeber – neue Gesetze sind aber nicht in Sicht. Die Regelungen für Kinder- auf Tierspielzeug zu übertragen, sieht der Anwalt kritisch: „Die Vorgaben sind extrem streng und auf den kindlichen Organismus ausgerichtet.“

Und was ist mit den Schadstoff-Obergrenzen der Europäischen Chemikalienverordnung REACH? Sie regelt die Grenzen für verschiedene Produktgruppen, etwa den PAK-Gehalt von Gegenständen, die mit der menschlichen Haut oder dem Mund in Berührung kommen. Könnte man diese nicht einfach auf Pferde-Produkte übertragen? Offenbar nicht. „Ob diese Regelungen auch für Tierprodukte gelten, ist nicht so einfach zu beantworten – dazu muss man sich jedes Produkt, dessen Verwendung und sein Material einzeln ansehen“, meint Rechtsexperte Dr. Arun Kapoor.

Was können Reiter tun?

Augen auf beim Produktkauf – daran sollten sich Reiter orientieren. Bei Futterschüsseln können sie etwa Produkte kaufen, die auch für Lebensmittel geeignet sind. Das ist etwa bei den Schüsseln aus Polyethylen der Marke Tubtrugs der Fall. Ein Exemplar untersuchten wir im Test auf Nonylphenol und PAK, beide Werte waren unbedenklich. Dass die Schüsseln auch für Lebensmittel verwendet werden dürfen, zeigt das Glas-und-Gabel-Symbol der europäischen Union auf dem Etikett.

Für Lebensmittel geeignete Produkte bestehen häufig aus Polyethylen oder Polypropylen – bei der Verarbeitung dieser Kunststoffe sind keine Weichmacher nötig. Generell gelten sie als gesundheitlich relativ unbedenklich.

Aus welchem Kunststoff Gegenstände fürs Pferd genau bestehen, ist jedoch oft nicht leicht nachzuvollziehen – nur wenige Hersteller geben Informationen dazu an. Aufschluss kann ein manchmal aufgedruckter Recyclingcode geben: Ein kleines Dreieck mit dem Werkstoffkürzel verrät, was drin ist.

Verlassen können Reiter sich auch auf ihre Nase: „Wenn Produkte stark riechen, kann das ein Anhaltspunkt für einen höheren PAK-Gehalt sein“, so Ines Anderie vom PFI. Erschnuppern Sie also starken Gummi- oder Öl-Geruch, heißt es vorsichtshalber: Finger weg. Wer beim Kauf den richtigen Riecher hat und sich informiert, findet am Ende also durchaus unbedenkliche Produkte – sodass die Pferde ohne Risiken damit spielen oder ihr Mash daraus schlabbern können.

19.04.2017
Autor: Natalie Steinmann
© CAVALLO
Ausgabe 03/2017