Zu enge Reithalfter - wie Sie das Leid der Pferde beenden können

So verschnallen Sie Reithalfter richtig


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Reithalfter richtig verschnallen
Foto: Rädlein

 

Reithalfter richtig verschnallen
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Hannoversches Reithalfter richtig verschnallt
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Mexikanisches Reithalfter richtig verschnallt
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Englisches Reithalfter richtig verschnallt
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Die CAVALLO-Messung zeigt: Jedes zweite Reithalfter ist zu eng, oft ohne dass Reiter das so wollen. Warum knebeln viele ihre Pferde trotzdem? Und wie schnallt man die Riemen richtig - wie zeigen es in unserer Fotostrecke!

Aktuell 2017: Unterstützen Sie die Petition gegen zu enge Nasenriemen mit ihrer Unterschrift auf der Equitana bei CAVALLO! Hier gibt's mehr Infos.

Dreamboy ist in festen Händen – zu festen. Das hannoversche Reithalfter des dunkelbraunen Springpferds ist so eng gezurrt, dass der Wallach kaum noch Luft bekommt. Seine Nüstern blähen sich unter Hochspannung, die Lippen sind fest aufeinander gepresst, Dreamboys Blick wirkt starr. Das Pferd hat Schmerzen.

Wir befinden uns in einem Reitstall bei Stuttgart: Freizeit- und Turnierreiter reichen sich hier die Klinke in die Hand. Perfekte Bedingungen. Wofür? In den vergangenen Wochen überprüfte die CAVALLO-Redaktion gemeinsam mit Tierärztin Dr. Kerstin Tönnies aus Hattersheim/Hessen die Reithalfter von insgesamt 100 Freizeit- und Turnierpferden. Je buntgemischter ein Stall, umso mehr Eindrücke konnten wir sammeln und hinterfragen, welche Reitertypen was geschnallt haben.

Als Messinstrument nutzten wir einen Prototyp namens „F&F“, den die Tierärztin speziell für solche Messungen entwickelte. Was uns dazu bewegte? Viele Reiter verschnallen die Reithalfter falsch, wie wir immer wieder auf unseren Reisen quer durch Europa feststellen müssen. Warum tut sich nichts, und was könnte die Knebelpraxis endlich beenden?

In über 30 Jahren hat sich zu wenig fürs Pferdemaul getan

Vor allem in der Turnierszene haben stramme Nasenriemen feste Tradition. „Dabei diskutieren wir das leidige Thema seit über 30 Jahren“, bemängelt Dr. Madeleine Martin, Landestierschutzbeauftragte vom Hessischen Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Verbraucherschutz und Landwirtschaft in Wiesbaden. „Wir kommen in dieser Sache keinen Schritt weiter.“

Die Ergebnisse unserer Messungen scheinen Dr. Martin recht zu geben: Über die Hälfte der kontrollierten Reithalfter saßen zu eng. Was betroffene Reiter dazu sagten? Die schlimmsten Ausreden und Missverständnisse haben wir auf jeder Seite hervorgehoben.

Auch Dressurausbilder Michael Putz (http://www.michael-putz.de) muss bei fast allen Lehrgängen die Nasenriemen korrigieren. „Viele Reiter wissen es nicht besser – und sind regelrecht erschrocken, wenn ich sie auf zu enge Riemen aufmerksam mache.“

CAVALLO ist die Knebelpraxis an Pferdemäulern freilich schon länger ein Dorn im Auge. Ob wissentlich oder nicht: Zu enge Nasenriemen sind Tierquälerei! Bereits vor 14 Jahren überprüften wir zusammen mit Michael Putz die Reithalfter einiger hundert Turnierpferde. Bei gut einem Drittel waren sie zu fest geschnallt. Putz kritisierte damals, die Richtlinien seien nicht präzise und machten es schwer, objektiv zu beurteilen, ab wann ein Riemen zu fest ist. Doch:

Reiter sollten es besser wissen. In der aktuellen 30. Auflage der „Grundausbildung für Reiter und Pferd“ der Richtlinien für Reiten und Fahren (FN, 2014) kann jeder anhand der allseits bekannten Zweifingerregel nachvollziehen, was sich rund ums Pferdemaul gehört. Das wäre zuvor freilich auch schon möglich gewesen: Das Werk basiert nämlich wie alle Vorgänger auf der Heeresdienstvorschrift von 1912 (H.Dv.12). In der stand bereits deutlich, dass „der Kinnriemen nur so eng geschnallt sein“ soll, „dass das Pferd noch kauen kann.“

Enge Nasenriemen sollen mieses Reiten kaschieren

Der Grund des Übels: Viele wollen die deutsche Reitlehre befolgen, können aber nicht reiten. Nach der Lehre gelten Maulprobleme als Zeichen harter Hand oder falscher Ausbildung – vorausgesetzt, das Pferd ist gesund und seine Zähne sind in Ordnung. Zeigt es in einer Dressurprüfung die Zunge, ist man jedoch weg vom Fenster. Dasselbe gilt, wenn es mit den Zähnen knirscht oder das Maul aufsperrt. „Das Maul zuzuschnüren geht daher schneller, als an eigenen Fehlern zu arbeiten“, sagt Dr. Martin. Schaurig, denn:

Harte Hände wirken wie Folter

Durch den Zug wird die Zunge schmerzhaft gequetscht. Dem versucht das Pferd zu entkommen, indem es das Maul aufsperrt. Andere Tiere strecken die Zunge heraus – beide Verhaltensweisen sind eine Bankrotterklärung für Reiter.

Also ziehen manche die Riemen so sehr zu, dass das Maul eben geschlossen bleibt. Das Pferd kann dem Druck der Hand nicht mehr entweichen, verspannt in der Kaumuskulatur und folglich auch im Genick. „Je enger der Nasenriemen ist, umso schlimmer die Verspannung“, beobachtet Michael Putz. „Schlechtes Reiten kann man so auf keinen Fall kaschieren."

Ob wissentlich oder nicht: Die Knebelpraxis ist Tierquälerei, bestätigt auch Biologin und Biomechanikerin Dr. Kathrin Kienapfel. In einer Studie über die Verschnallung der Nasenriemen statteten sie und Professor Holger Preuschoft von der Ruhr-Universität Bochum einen Pferdeschädel mit einem kombinierten Reithalfter aus, stellten verschiedene Verschnallungen und Festigkeitsgrade ein. Dann prüften sie, wie weit das Maul noch aufging. „Alle Reitlehren fordern, dass das Pferd beim Reiten am Gebiss kauen kann“, erklärt die Wissenschaftlerin. „Das aber ist nur möglich, wenn die Kiefer voneinander entfernt werden können – mit Spielräumen von mindestens 10 mm zwischen den Mahlzähnen und 17 mm zwischen den Schneidezähnen. Zu eng geschnallte Nasenriemen verhindern dies.“ Auch das kam bei der Studie heraus:

Wo es klemmt, ist egal

Zu eng ist zu eng, sowohl oberhalb des Gebisses verschnallt (englisch) als auch darunter (hannoversch). Wer den Nasenriemen des kombinierten Reithalfters weit genug lässt, jedoch den oft Sperrriemen genannten Zusatzriemen fest zurrt, verstößt gegen den Tierschutz. „Welcher der beiden Riemen zu eng gezogen wird, spielt keine Rolle. Die Zahnreihen bleiben in beiden Fällen geschlossen“, bestätigt Kathrin Kienapfel.

Allerdings verschärft sich der Druck, je weiter unten der Nasenriemen sitzt. „Das hannoversche Reithalfter muss daher immer mehr als zwei Finger weit verschnallt werden, um eine gute Beweglichkeit des Mauls zu ermöglichen“, sagt Michael Putz. Was unsere Experten noch aus solchen Studien folgern, lesen Sie ab der nächsten Seite. Zudem zeigen wir, wie Sie die Zweifingerregel korrekt anwenden und gängige Reithalfter richtig verwenden.

Haben Sie auch genug von zugeschnürten Pferdemäulern und halbherzigen Kontrollen auf Turnieren? Dann unterstützen Sie die Unterschriftensammlung, die CAVALLO zusammen mit der VfD und dem Ausrüster Dauberg&Roth auf der Equitana 2017 durchführt. Wer nicht auf der Messe ist, kann auch online hier unterschreiben.


06.03.2017
Autor: Regina Kühr
© CAVALLO
Ausgabe 06/2016