CAVALLO Standpunkt: Reithengste in Boxenhaltung leiden

Halten Sie Ihren Hengst artgerecht?

CAVALLO Hengsthaltung - Kastrieren
Foto: Lenz
Sie leben isoliert, werden aggressiv, stehen unter Strom. Reithengste leiden unnötig, findet CAVALLO Chefredakteurin Melanie Tschöpe. Sie fordert: Mehr Mut zum finalen Schnitt.

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Zack! Der Rappe schießt durch den Lamellenvorhang aufs Paddock. Flapp, flapp – schon saust der Friesenhengst zurück in seine Box. Hoch aufgerichtet, die Muskeln gespannt, Augen und Nüstern aufgerissen. Es ist Nachmittag, Rush hour im Reitstall. Dauernd passieren Pferde die Box.

Ihr Bewohner, Hengst Harke, begleitet jeden einzelnen hektisch, giftet, schnappt oder blubbert. Harke war einer von sechs Reithengsten in einem Freizeitreiterstall im Speckgürtel einer Großstadt. Neben ihm bewohnten noch drei junge PRE-Hengste, ein älterer Friesen-Hengst und ein junger Tinker-Hengst die Boxen der großzügigen Anlage.

Sie sind typische Vertreter eines bedenklichen Trends in deutschen Reitställen: der Hengsthaltung durch Freizeitreiter.

Immer mehr Hengste bevölkern Pensionsställe

Verlässliche Zahlen gibt’s nicht. Denn die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN), Versicherungen und Berufsgenossenschaften erfassen das Reitpferde-Geschlecht nicht systematisch. Friesenhengst Harke ist ein typisches Beispiel. Weil Einzelkoppeln mit ausreichen hohen Zäunen und genügend Abstand zueinander fehlten, kamen er und die anderen Hengste wenig auf die Weide.

Zog ein Hengst oder sein Nachbar um, musste oft die ganze Boxenreihe neu sortiert werden. Trotzdem fand nicht jeder Hengst einen guten Platz. Für Harke bedeutete der rege Pferdeverkehr direkt vor seiner Box nämlich eine Menge Stress. Weil immer wieder auch Stuten vorbeigeführt wurden, kam er kaum noch zur Ruhe.

Oft leiden Hengste in einem normalen Reitstall

„Ihr arttypisches Bedürfnis nach Sozialkontakt wird in Reitanlagen häufig nicht erfüllt“, erklärt Christa Wyss, Agrar-Ingenieurin am Schweizer Nationalgestüt Agroscope in Avenches. „Dabei können Hengste sogar in Gruppen leben, wenn die Bedingungen stimmen.“ So wie für 8 bis 10 Freiberger, die in Avenches nach der Decksaison gemeinsam auf einer großen Weide stehen.

„Sie haben genug Platz und Futter, Kumpel zum Spielen und keine anderen Pferde in der Nähe“, schildert Christa Wyss. „Sogar ältere Hengste, die seit ihrer Aufzucht nur die Box kannten, kommen gut klar. In sechs Jahren musste bisher nur ein Hengst wieder gehen, weil er zu viel Unruhe stiftete.“

Boxenhaltung kann gelingen - ist aber anspruchsvoll

„Hengste brauchen Sozialkontakt, Freilauf, freie Sicht auf die Umwelt und immer ausreichend Futter als Beschäftigung“, erklärt Christa Wyss. Und genau das fehlt in vielen Ställen. An Raufutter mangelt es oft generell. Zudem stehen Hengste häufig isoliert in dunklen Boxen, ohne Kontakt zu Artgenossen und ohne Sicht auf die Vorgänge im Stall. Diese Haltung führt zu sozialer Frustration.

Studien haben gezeigt, dass daraus Aggressionen entstehen. Hengste, die im Umgang schon prinzipiell anspruchsvoller sind als Stuten und Wallache, werden so noch schwieriger. Die Folge: Noch mehr Stress und wachsende Isolation.

Ein Umfeld ohne Stuten senkt den Stress

Ein bewährtes Konzept, wie Dressurausbilder Richard Hinrichs erklärt: „An Instituten wie der Spanischen Hofreitschule Wien gibt es weit und breit keine Stuten.“ Auf seinem Hof in Burgwedel bei Hannover hält es der Ausbilder ebenso: „Unter sich sind die Hengste einfach entspannter.“ Dass er deshalb auch mal auf eine talentierte Stute verzichten muss, bedauert der Trainer schon.

„Aber ich riskiere nicht, dass meine Hengste deswegen Stress bekommen“, sagt Richard Hinrichs. Schließlich sollen sie konzentriert und zufrieden in der Dressur mitarbeiten. Das klappt nur, wenn ihnen nicht dauernd der Duft von Stuten um die Nase weht.

Fotostrecke: Pferdestall im Test - Hengsthof am Wümmegrund

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CAVALLO Stall-Scout Hengsthof am Wümmegrund Maren Schulze Foto: Agnes Lorenz
CAVALLO Stall-Scout Hengsthof am Wümmegrund Foto: Agnes Lorenz
CAVALLO Stall-Scout Hengsthof am Wümmegrund Foto: Agnes Lorenz

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17.10.2016
Autor: Redaktion CAVALLO / Melanie Tschöpe
© CAVALLO
Ausgabe /2016