CAVALLO Standpunkt: Reithengste in Boxenhaltung leiden

Die Kastration bringt mehr Vor- als Nachteile

CAVALLO Hengsthaltung - Kastrieren
Foto: Lenz
Sie leben isoliert, werden aggressiv, stehen ständig unter Strom. Reithengste leiden – und zwar völlig unnötig, findet CAVALLO Chefredakteurin Melanie Tschöpe. Sie fordert: Mehr Mut zum finalen Schnitt.

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Wenn Hengst von Stuten umgeben werden, dann richtig. Das ist die Devise, wenn es um Hengste geht. Dürfen sie mit einer kleinen Herde leben, ist das nahezu ideal. Doch dafür muss man züchten oder unfruchtbare Stuten zur Verfügung haben. Und viel Fläche, sodass die Gruppe Ruhe findet.

Wer seinem Hengst keine pferdegrechte Haltung garantieren kann, sollte ihn kastrieren. Doch viele Reiter scheuen die Operation. So wie Stephanie Polzin, die Besitzerin von Friesenhengst Harke: „Er war neun, als ich ihn bekam. Tierärzte rieten davon ab ihn legen zu lassen, er wäre zu alt.“

Eine immer noch weit verbreitete Fehleinschätzung. Fachleute sind sich heute weitgehend einig, dass auch ältere Hengste erfolgreich kastriert werden können. Sind die Tiere fit, können sie selbst mit knapp 20 noch unters Messer. Mit dem passenden Operations-Verfahren ist das Risiko nicht wesentlich größer als bei jungen Hengsten.

Die OP bringt mehr Vor- als Nachteile

Danach verbessert sich das Leben für die Hengste oft nachhaltig. Sobald der Testosteron-Spiegel sinkt, werden sogar ältere Tiere schnell ruhiger. Manches über Jahre tief verwurzelte Verhalten bleibt zwar bestehen. Aber viele Ex-Hengste können sehr gut mit anderen Pferden in Gesellschaft leben.

So war das auch in Harkes Stall. Ein Macho nach dem anderen kam unters Messer. Zum Glück. Denn die meisten von ihnen waren kurz darauf Teil von kleinen Weidegruppen und bekamen endlich ausreichend Auslauf und Sozialkontakt.

Auch Harke ist seit gut einem Jahr nun Wallach

Die Kastration verlief ideal: „Schon zwei Wochen nach der OP blubberte er Pferde in der Nähe nicht mehr an“, sagt Stephanie Polzin. Beim Umzug vier Wochen später integrierte Harke sich problemlos in die dortige Wallach-Weidegruppe. Weitere sechs Wochen später durfte er in einen Wallach-Laufstall umziehen, wo der 14-jährige Friese seither zufrieden lebt.

Typische Hengstprobleme sind weg

„Harke ist seit der Operation viel ausgeglichener als früher“, erzählt seine Besitzerin. „Ich musste ihn früher täglich voll auslasten, damit er im Umgang kontrollierbar blieb. War er verletzt und durfte mal nicht so viel arbeiten, konnte er aus dem Nichts heraus ausrasten.“ Hengste brauchen tatsächlich sehr viel abwechslungsreiches Training, um ausgelastet und zufrieden zu sein.

Inzwischen verträgt der Friese mehrtägige Reitpausen gut. Und Stephanie Polzin muss nicht mehr für Reiter mitdenken, die die Risiken im Umgang mit Hengsten unterschätzen. Sie kann sogar entspannt in Urlaub fahren: „Harke ist so brav, ihn kann jetzt jeder versorgen. Als Hengst ging das nicht.“

Hengste können noch ganz andere Sorgen machen. Das zeigt der Blick in die USA. Dort gibt es immer mehr ungewollte und ausgesetzte Pferde. Die „Unwanted Horse Coalition“ (UHC), eine Vereinigung von Pferde-Fachleuten, hat 2010 die „operation gelding“ (Operation Wallach) ins Leben gerufen. Mit Spenden finanziert sie landesweit Kastrationen, um ungeplante Fohlen zu verhindern.

Soweit sind wir hierzulande zum Glück noch nicht. Dennoch ist der Schritt zum finalen Schnitt eine gute Tat. Einen Reithengst zum Wallach zu machen, lohnt sich. Vor allem fürs Pferd, das artgerechter leben kann.

Fotostrecke: Pferdestall im Test - Hengsthof am Wümmegrund

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CAVALLO Stall-Scout Hengsthof am Wümmegrund Maren Schulze Foto: Agnes Lorenz
CAVALLO Stall-Scout Hengsthof am Wümmegrund Foto: Agnes Lorenz
CAVALLO Stall-Scout Hengsthof am Wümmegrund Foto: Agnes Lorenz

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17.10.2016
Autor: Redaktion CAVALLO / Melanie Tschöpe
© CAVALLO
Ausgabe /2016