Test und Tipps: Hilfe für Außenseiter-Pferde

So helfen Sie Außenseitern in der Herde

Foto: Rädlein Test und Tipps: Hilfe für Außenseiter-Pferde
Wenn Pferde in der Herde scheitern, leiden oft alle beteiligten Tiere. Wie kommt es zu Sozial-Versagern? Und wie lässt sich die Herden-Harmonie fördern?

Für Toni war das WG-Leben ein Alptraum. Die spanische Stute verstand die Sprache ihrer Mitbewohner schlecht, wurde getreten, gebissen und ausgegrenzt. Aus Angst hielt sie Abstand – sogar zum Fressen. Als Toni immer dünner wurde, brachte ihre Besitzerin die Stute zu Pferde-Verhaltensexpertin Dr. Margit Zeitler-Feicht von der Technischen Universität München-Weihenstephan. Die Wissenschaftlerin vermittelte einen passenden Partner: „Zufällig hatte ich das richtige Pferd im Stall“, sagt Zeitler-Feicht. Nick ist nachsichtig und extrem sozial. Und obwohl Toni auch mit ihm nie flüssig pferdisch sprechen wird, kann sie mit Nick zusammen glücklich Pferd sein.

Die richtige Zusammensetzung der Herde

Theoretisch kann jedes Pferd mit Artgenossen glücklich werden. In der Praxis platzt der schöne Traum vom Gruppenleben aus Gründen, die so bunt sind, wie die Stallgemeinschaften selbst. Oft feht es an Platz oder die Gruppe ist falsch zusammengesetzt. Alter, Geschlecht der Tiere sowie die Gruppengröße tragen viel dazu bei, ob in einer Herde Krieg herrscht oder Frieden regiert.

So weiß man, dass Wallache um Stuten buhlen. Sind diese knapp, mutieren selbst friedliche Herren zum Macho. Pferde vertragen sich oft gut mit Gleichaltrigen; hier sind Spiel- oder Ruhebedürfnisse ähnlich gestrickt. Einzelne Jungpferde sind in Gruppen so schwer integrierbar wie Kleinkinder im Kurhotel für Senioren: Bestenfalls geht man sich aus dem Weg, schlimmstenfalls auf die Nerven. Da sie noch rangniedrig sind, werden sie benachteiligt und zum Außenseiter, wenn sie keinen älteren Freund finden.

Altersstruktur beachten

Gerade ältere Pferde können zudem unvermittelt biestig werden – oft haben sie Angst vor Schmerzen. „Mit ruppigem Gehabe halten sie die Jungen auf Abstand, weil ihnen beim Toben vielleicht die Beine zwacken“, gibt Dr. Willa Bohnet von der tierärztlichen Hochschule Hannover zu bedenken. Manch alten Haudegen schmerzt außerdem der drohende Verlust seines Ranges. Zu zweit ertragen Senioren diesen Altersfrust leichter als allein. Hinter unerwarteten Attacken von friedlichen Pferden könnnen im Einzelfall auch Krankheiten stecken, Hormonstörungen etwa oder ein Hirntumor. Zum Glück ist das selten.

Viel häufiger erleben Verhaltensforscher, dass einzelne Pferde in der Gruppe scheitern und teilnahmslos, aggressiv oder ängstlich auf Kollegen reagieren. Das kann ein Zeichen für eine tiefer liegende Störung sein – so wie bei Toni.

Gute Sozialisation von Fohlenbeinen an

"Meist ist die Kinderstube schuld an auffälligem Verhalten", sagt Dr. Willa Bohnet. Fohlen lernen von ihrer Mutter und Spielpartnern, welche Strategien im Umgang mit Artgenossen erfolgreich sind. Fehlen diese Kontakte, läuft die Sozialisierung aus dem Ruder.

Besonders benachteiligt sind Flaschenfohlen mit einer Fehlprägung auf den Menschen. Die eigenen Artgenossen jagen ihnen später oft regelrecht Angst ein. Ähnlich geht es Fohlen, die zwar bei der Mutter, aber ohne gleichaltrige Gefährten aufwachsen.

Kommunikationsdefizite machen Probleme

Was eine drohende Hinterhand wirklich bedeutet, wie schnell man weichen muss und wann andere tatsächlich zubeißen, lernen Pferde nämlich nur, wenn sie in den ersten ein bis zwei Lebensjahren ihr natürliches Verhaltensrepertoire unter Gleichaltrigen einüben können. „Sie entwickeln sonst eine soziale Deprivation“, sagt Zeitler-Feicht, aus deren Feder auch das Standardwerk „Handbuch Pferdeverhalten“ stammt. Sie rät, gerade bei Freizeitpferden, die wie Toni aus dem Ausland kommen, ganz genau hinzuschauen. Denn Pferde mit Kommunikationsdefiziten gibt es häufiger, als man denkt.

Ähnlich wie Autisten

Das zu erkennen, ist freilich nicht ganz leicht. Ein Hinweis: übertrieben ängstliche oder aggressive Reaktionen. Hob ein Pferd aus der Gruppe kurz das Bein, sprang Toni etwa sofort zur Seite – sie konnte nicht einordnen, ob ein gefährlicher Tritt folgte oder den Kollegen bloß eine Fliege kitzelte.

Solche Pferde sind oft allein, aber werden sie auch gemobbt? „Soweit würde ich nicht gehen“, sagt Dr. Vivian Gabor von der Universität Göttingen. „Der Begriff ist problematisch, weil er absichtsvolles Handeln voraussetzt und auf tatsächlichen Schaden abzielt – eine menschliche Regung, die Pferden fern ist.“

Pferde wie Toni sind in ihrer Sozialkompetenz ähnlich eingeschränkt wie Autisten. Ebenso geht es Boxen-Pferden, die lange Zeit nur Gitter zwischen sich und anderen hatten. Beide deuten Körpersignale falsch oder nehmen sie gar nicht erst wahr. Allein dadurch ecken sie bei Artgenossen an und werden unter schlechten Umständen zum Außenseiter. Je nach Persönlichkeit antworten sie auf normales Herdenverhalten mit übertriebener Aggression (Angstbeißer), Angst oder Apathie. Manche wirken in der Gruppe regelrecht gelähmt. Sie versuchen gar nicht erst, an Futter zu kommen, obwohl es genug für alle gibt.

Sichtbare Stress-Symptome

Der Stress spiegelt sich im Erscheinungsbild. Betroffene Pferde magern ab, sind oft verletzt und zeigen Übersprungshandlungen wie Leerkauen oder Gähnen, manche Schwitzen im Stehen. Und selbst die Beine können verräterische Spuren tragen: Schmutz und Abschürfungen am Karpalgelenk können bedeuten, dass Pferde aus Schlafmangel sprichwörtlich in die Knie gehen (siehe CAVALLO 2/2017).

Wenn Außenseiter in einer Gruppe leiden oder massiv stören, gibt es nur eine Lösung: Ausziehen. Wird ein Pferd immer wieder Opfer von Übergriffen, selbst regelmäßig zum Täter oder fehlen ihm Futter, Wasser und Schlaf, muss es die Gruppe verlassen. Entweder gibt es auf dem Betrieb eine andere Lösung oder man muss den Stall wechseln. Manchen verhilft ein Neuanfang in einem anderen Stall zum Happy End mit Herde. Ängstliche Außenseiter können ebenso wie aufmüpfige Aufwiegler in einer neuen Gruppe auch eine neue Rolle einnehmen.

Ein Freund hilft

Für Pferde mit eingeschränktem Sozialverhalten ist der Weg zum Glück in der Gruppe jedoch oft steinig. „Der erste Schritt führt in die Paddockbox neben ein gut sozial verträgliches anderes Pferd“, empfiehlt Dr. Zeitler-Feicht. Hier kann das Tier über den Zaun sicheren Kontakt zum Nachbarn pflegen und sich bei Bedarf zurückziehen. Wenn es Vertrauen zu anderen gewinnt, kann man es später sukzessive in passende Kleingruppen integrieren.

Dabei hilft ein guter Freund. Allerdings sind Pferde bei Freundschaften oft wählerisch. Laut Dr. Zeitler-Feicht bevorzugen erwachsene Pferde oft Kollegen, deren Fellfarbe der Mutter oder einem ehemaligen Freund ähnelt. Und Stallbetreiber erleben immer wieder, dass manche Rassen sich untereinander bevorzugen und andere sogar ausgrenzen. Besonders Isländern wird das nachgesagt.

Freunde als Integrations-Helfer für Außenseiter. Gemeinsame Erlebnisse, etwa ein Lehrgang mit Übernachtung, fördern Seilschaften zwischen Pferden – und wirken in der Gruppe oft positiv nach. Deshalb sollte man neue Pferde möglichst zu zweit in eine bestehende Herde integrieren.

Der Prozess sollte laut Vivian Gabor fix gehen. „Statt Neulinge über Wochen in die Gruppe rein- und rauszubringen, klappt es aus meiner Erfahrung besser, sie ein paar Tage in der Integrationsbox aufzustallen und danach direkt zu den anderen zu lassen – auf einer großen Fläche, die die Neulinge vorab allein erkunden konnten.“

Und wenn das alles nicht hilft? Für manche Pferde ist und bleibt das Herdenleben zu nervenaufreibend. Dann müssen andere Lösungen gefunden werden. Wie die 2er-WG für Toni. Die fühlt sich mit ihrem Nick so wohl, dass sie ausreichend schläft und ordentlich futtert – ganz wie es sich für ein zufriedenes Pferd gehört.

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03.10.2017
Autor: Anja Burkhart
© CAVALLO
Ausgabe 09/2017