Was bedeutet Gähnen beim Pferd?

Alles über gähnende Pferde

Was bedeutet Gähnen beim Pferd?
Foto: Rädlein
Stress, Frust oder Entspannung? Forscher sind den Ursachen des Gähnens auf der Spur. Schauen Sie wachsam hin, wenn Ihr Pferd häufig das Maul aufreißt.

Gähnen gehört zum Morgen wie Kaffee zum Frühstück. Das reflexartige Verhalten ist wie ein Wecker für Gehirn und müde Muskeln. Es macht uns aufmerksam und wach. Ob Mensch, Pferd, Hund oder Maus: Die meisten Wirbeltiere reißen mehrfach täglich das Maul auf. Und bei allen sieht es gleich aus: Das Maul öffnet sich weit, der Kiefer verschiebt sich und die Augen klappen meist genüsslich zu. Herrliche Gesichtsgymnastik! Nur Giraffen hat dabei noch niemand beobachtet. Warum nicht? Das bleibt rätselhaft.

Zahlreiche Auslöser fürs Gähnen beim Pferd

Beim Pferd hingegen lüfteten Forscher jüngst spannende Geheimnisse rund ums Gähnen – die für unseren Umgang mit den Tieren wichtig sind. Denn aus dem reflexartigen Verhalten lässt sich aufs Wohlbefinden unserer Vierbeiner schließen. Pferde gähnen nicht nur, wenn sie müde sind oder morgens in Schwung kommen. „Auch Stress, Begegnungen mit anderen Pferden oder körperliche Gründe wie Schmerzen können Gähnen auslösen“, sagt Verhaltensforscherin Dr. Carole Fureix von der Uni Plymouth in England.

Wann ist Gähnen ein Zeichen für Überforderung? Wann steckt einfach Entspannung dahinter? Welche Rolle spielt es beim Training? Das entschlüsseln Forscher, Tierärzte und Trainer für Sie im Folgenden. Fest steht: Reiter sollten wachsam hinschauen, ob und in welchen Situationen ihr Pferd auffällig häufig gähnt. So finden Sie heraus, wie es dem Tier geht.

Gähnen am Morgen - kein Grund für Sorgen

Pferde gähnen in der Frühe besonders häufig. Dieses Phänomen erstreckt sich quer durchs Tierreich. Das weite Öffnen des Mauls rüttelt den Körper wach und macht das Gehirn aufmerksam. Raubtiere wie Löwen etwa stellen sich mit Gähnen auf eine bevorstehende Jagd ein. Sportler tun es vor dem Wettkampf.

Was dabei genau im Körper passiert, darüber streiten Experten. Sicher ist aber: Es strömt nicht mehr Frischluft ins Gehirn, nur weil Mund oder Maul sich weit öffnen. Die gängigste Erklärung gehört also ins Reich der Mythen. Der Psychologe Robert Provine belegte bereits 1987, dass die Sauerstoffversorgung nicht die Häufigkeit des Gähnens beeinflusst. Mit dem Gehirn könnte es aber dennoch zu tun haben.

Neuere Theorien besagen, dass Gähnen das Gehirn kühlt. Dieses erhitzt sich etwa bei körperlicher Anstrengung und heißen Außentemperaturen. Menschen gähnen bei Wärme öfter als bei Kälte. Versuche zeigen: Gähnen reguliert den Temperaturhaushalt und macht den Gähnenden leistungsbereit.

Gähnen ist bei Hengsten oft der Startschuss für einen Kampf

Forscherin Carole Fureix beobachtete in Pferdeherden, dass männliche Tiere häufig im Zusammenhang mit aggressivem Verhalten gähnen. „Zum Beispiel, wenn die Hengste drohen, beißen, treten oder sich gegenseitig jagen und verfolgen“, sagt die Expertin. Gähnen ist in dem Fall ein Zeichen für Anspannung. Forscher vermuten, dass sozialer Stress der Grund ist, weshalb Hengste häufiger gähnen als Stuten.

Pferde gähnen auch in freundschaftlichen Momenten

Das kommt vor etwa bei der Suche nach Anschluss. Sie zeigen das Verhalten oft bei der Annäherung an einen Herdenkollegen, beim Beschnuppern, beim gegenseitigen Fellkraulen und bei engem Körperkontakt. Legt ein Pferd vertrauensvoll den Kopf auf dem Rücken des Freundes ab, ist das nicht selten mit einem herzhaften Gähnen verbunden. Das Verhalten kann also auch ein Zeichen für Zusammenhalt, Entspannung und Wohlgefühl sein.

Oft gähnen Pferdefreunde gemeinsam

Gähnen steckt an. Forscher werten es als Zeichen von Empathie, wenn einer sich vom anderen mit Gähnen anstecken lässt. Scheinbar zeigt es, dass man mit dem anderen mitfühlt. Schimpansen gelten als besonders empathisch. Sie lassen sich sogar anstecken, wenn sie Artgenossen bloß im Zeichentrick gähnen sehen. Die „Gähn-Infektion“ funktioniert auch artübergreifend.

Studien mit Hunden belegen: Je enger die Verbindung zum Herrchen, desto eher gähnt der Hund mit. Bei Pferden gibt es dazu noch keine Versuche. Aber wer die Tiere beobachtet, kann oft feststellen: Gähnen erfasst die Gruppe wie eine Welle und schwappt von einem zum anderen über. Es gibt einfach kein Halten.

Gähnen beim Pferdetraining

Parelli-Instruktorin Silke Vallentin aus Bröhsen bei Leipzig nutzt diesen ansteckenden Effekt fürs Training. „Ich gähne herzhaft, wenn ich dem Pferd Entspannung anzeigen will“, sagt sie. Ihre Erfahrung zeigt: Oft spiegeln die Pferde das Verhalten. Vor allem, wenn schon ein Vertrauensverhältnis besteht. Es kann aber auch beim ersten Kontakt klappen. Die Persönlichkeit des Pferds spielt laut der Horsemanship-Trainerin ebenfalls eine Rolle. Kürzlich begegnete sie zum ersten Mal einem wilden Mustang, den sie ausbilden sollte. Bei der ersten Annäherung gähnte die Pferdefrau herzhaft – und das Pferd tat es ihr nach. „So ein rohes Tier ist besonders fein in seiner Wahrnehmung“, meint Silke Vallentin. Sie nutzt Gähnen nun bei der Bodenarbeit mit dem Mustang. Die Trainerin gähnt etwa, bevor sie die Stute berührt, um ihr zu zeigen: Alles ist gut. Ich will dich nur streicheln.

Spannung abbauen durch Gähnen

Sie wollen auch mal Gähnen als Entspannungstechnik für Ihr Pferd ausprobieren? „Damit gemeinsames Gähnen klappt, muss die Körpersprache stimmen“, so Vallentin. Sie fährt dabei ihr Energielevel runter und rundet den Rücken. So ahmt sie die Dehnung der Oberlinie nach und simuliert selbst körperliche Entspannung.

Gähnen die Pferde mit dem Reiter mit, hat das körperliche Auswirkungen. Die Vierbeiner verschieben den Unterkiefer und entlasten das Kiefergelenk. So baut sich Spannung ab.

Alles Wissenswerte zum Thema Gähnen:

Pferde gähnen beim Training häufig, wenn sie angespannt sind. Da Gähnen aber im Allgemeinen so mit Müdigkeit verknüpft ist, missverstehen Reiter das Verhalten leicht. Das erlebte auch Dr. Vivian Gabor, Leiterin des Instituts für Verhalten und Kommunikation in Greene (www.ivk-menschundpferd.com) auf einem Lehrgang. Sie sollte vor Zuschauern Bodenarbeit mit einem fremden Quarter Horse vorführen. Das Pferd konnte kaum aufhören zu gähnen – was beim Publikum Lachen auslöste. „Der Wallach war aber nicht müde, sondern durch die ungewohnte Situation schlichtweg gestresst“, sagt Vivian Gabor. Die Trainerin gab dem Wallach eine Pause und erklärte den Zuschauern das Verhalten. Bei dem Quarter Horse war das Gähnen eine typische Übersprungshandlung. Diese tritt bei Konflikten auf.

Gähnen als Ersatzhandlung

Das Pferd kann seinem Trieb nicht nachgehen und fliehen. Also wählt es als Ersatzhandlung eine scheinbar sinnlose Aktivität und gähnt. „Wir machen sowas auch, kratzen uns etwa aus Verlegenheit oder fassen uns ins Gesicht“, sagt Dr. Vivian Gabor. Bei Pferden lässt sich die Übersprungshandlung oft bei der Fütterung im Offenstall beobachten. Frisst der Chef an der Raufe und lässt die anderen Tiere nicht ans Heu, stehen diese daneben und gähnen – aus Frust.

Frust, stereotypes Verhalten, Haltung und Gähnen hängen zusammen. Erste Hinweise darauf fand Dr. Carole Fureix. Sie studierte über Monate das Verhalten von in Einzelboxen lebenden Pferden in Schulbetrieben. Was beobachtete sie? „Pferde, die besonders häufig gähnen, zeigen auch besonders häufig Stereotypien wie etwa Koppen“, so die Expertin. Auffällig ist laut Studie zudem, dass beide Verhaltensweisen besonders in Situationen auftreten, die unangenehm sind.

Frust ist für Forscher auch eine Erklärung dafür, warum Pferde in Boxenhaltung bis zu 60 Mal häufiger gähnen als etwa wildlebende Przewalski-Pferde. Die Haltung beeinflusst das Wohlbefinden – und damit auch die Gähnrate.

Gähnen kann ein Zeichen für Schmerzen sein

Zu Trainerin Vivian Gabor kam einmal ein Pferd in Beritt, das immer gähnte, wenn es sich nach links stellen sollte. „Ich vermutete eine Blockade als Ursache und rief einen Physiotherapeuten“, erzählt die Trainerin. Und tatsächlich: Nach der Behandlung gähnte das Pferd deutlich seltener unterm Sattel.

Gähnen kann folglich handfeste körperliche Ursachen haben. „Gähnt ein Pferd extrem häufig, quasi alle paar Minuten, sollte man es untersuchen lassen“, rät Professor Hartmut Gerhards, Leiter der Pferdeklinik der LMU München. Gähnen gilt etwa als Symptom bei Magengeschwüren– und kann sogar auf Blutverlust hindeuten. Nehmen Sie es also ernst, wenn das Pferd sehr oft das Maul aufreißt.

Übersetzungshilfe Pferd-Deutsch, Deutsch-Pferd

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CAVALLO Kommunikation Foto: Lisa Rädlein
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Bilderrätsel: Wie fühlt sich dieses Pferd?

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CAVALLO Kommunikation Foto: Lisa Rädlein
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01.08.2017
Autor: Alena Brandt
© CAVALLO
Ausgabe 07/2017