Rasse-Porträt: Dülmener Wildpferde unter dem Sattel

Wildfang ignoriert Menschen

Dülmener Wildpferde unter dem Sattel: Auf Turnieren zeigt Pinocchio Konkurrenten eine lange Nase, von Reitern fordert er Konsequenz. So klug sind die seltenen Wildfänge.

Selbst der bekannte Pferdetrainer Frédéric Pignon kam bei einem Lehrgang erst nicht an Kashmir heran. Hannah König erinnert sich: „Mein Pony tat, als ob der Mann Luft wäre. Peinlich.“ Pignon blieb laut Hannah König cool und wartete ab, bis Kashmir auf ihn zuging. „Es ist typisch für Wildpferde, dass sie entscheiden, wann ein Kontakt zustande kommt“, erklärt die Ausbilderin. Das mag verwirren. „Dülmener Wildpferde sehen zwar aus wie knu ge Kinderponys“, sagt Pinocchios Besitzerin Britta Becker. „Man darf aber nicht vergessen, dass sie das erste Lebensjahr ohne Kontakt zum Mensch aufwachsen. Sie haben eine größere Individualdistanz, kennen keine Berührungen.“

Am liebsten verlassen sich die Dülmener Wildpferde auf sich selbst. Das ist pfiffige Überlebensstrategie. In der Wildbahn müssen die Tiere in Bruchteilen von Sekunden reagieren und Entscheidungen fällen. Wie klug sie sind, zeigt sich auch bei der Haltung: Gefriert im Winter beispielsweise eine Tränke, klopft ein Wildpferd das Eis lässig mit den Hufen auf, während domestizierte Pferde in der Regel hilflos davor stehen. Wo lernen die Ponys ihr cleveres Verhalten?

Originale Dülmener Wildpferde werden im Merfelder Bruch, einem fast 400 Hektar großen Naturschutzgebiet 12 Kilometer westlich von Dülmen/Nordrhein-Westfalen, geboren. Männliche Absetzer werden jeden letzten Samstag im Mai beim traditionellen Wildpferdefang verkauft. Das Gelände ist Eigentum der Herzog von Croÿ‘schen Verwaltung. Dülmener sind Pferde, die von Privatzüchtern gezogen werden – auch wenn die wilden Verwandten ebenfalls oft nur „Dülmener“ genannt werden.

Die Wildlinge leben mehr oder weniger sich selbst überlassen. Sie müssen mit wechselndem Nahrungsangebot und jeder Witterung klarkommen. Nur bei extremem Frost gibt es Heu an wenigen Futterstellen. Echte Wildpferde sind die Originale rein zoologisch betrachtet aber nicht. Sie alle haben deutliche Domestizierungsmerkmale wie lange Mähne und Schopf. Der typische Aalstrich ist das auffälligste Merkmal ihrer ursprünglichen Herkunft. Die Falben gibt es in verschiedenen Farbabstufungen. Weiße Abzeichen sind nicht erwünscht.


26.01.2014
Autor: Regina Kühr
© CAVALLO
Ausgabe Dezember 2013 /2013