Rasse-Porträt: Dülmener Wildpferde unter dem Sattel

Was macht ein Wildpferd aus?

Dülmener Wildpferde unter dem Sattel: Auf Turnieren zeigt Pinocchio Konkurrenten eine lange Nase, von Reitern fordert er Konsequenz. So klug sind die seltenen Wildfänge.

Was ein Wildpferd ausmacht, spürt auch CAVALLO-Redakteurin Regina Kühr beim Testritt. Auf drei von vier extra für heute bereitgestellten Dülmenern fühlt sie sich anfangs zwar geduldet und sicher, bekommt aber wenig Zugang zu ihnen. Nur Westernpferd King Lu, den sie gebisslos auf Bosal steuert, ist sofort kommunikationsbereit.

Im Februar 1994 wurde die Rasse in die „Rote Liste der bedrohten Haustierrassen“ aufgenommen und aktuell sogar zur gefährdeten Nutztierrasse des Jahres 2014 bestimmt. Der Zuchtbestand wird auf zirka 290 Tiere beziffert, wovon etwa 250 wild leben, der Rest befindet sich in Privathand. Die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) stuft Dülmener Wildpferde als stark gefährdet ein. Will niemand die coolen Zottelponys?

„Ein Problem ist womöglich, dass man die Tiere nicht richtig einordnen kann“, sagt Britta Becker, Veranstaltungsleiterin der Interessengemeinschaft des Dülmener Wildpferdes. „Mit einem Zuchtziel von 1,25 bis 1,35 Metern Stockmaß sind sie für große Erwachsene zu klein, für Kinder unter Anleitung eines Erwachsenen aber geeignet. Ich denke, man sollte die Zuchtziele auf größere Exemplare erweitern.“ Dazu kommt, dass manche Wildfänge wenig kosten. Hannah Königs Kashmir ging für nur 250 Euro nach Bayern. „Oft schlagen unerfahrene Leute zu, die kein Geld für eine solide Ausbildung haben“, weiß Britta Becker. „Aufzucht und Training eines Jährlings erfordern jedoch viel Geduld und Fachwissen – nicht nur bei Wildpferden.“

Wer ihre Sprache versteht und die Tiere nicht unter Druck setzt, hat jedoch ein gutmütiges, trittsicheres und nervenstarkes Pony für alle Reitsportdisziplinen an seiner Seite. Das 13-jährige Testpferd Moses etwa war bis vor kurzem noch Hengst, ist wie der siebenjährige Pegasus bis A-Dressur und E-Springen ausgebildet und wird von Besitzerin Andrea Loru aus Wesel im Schulbetrieb eingesetzt. „Ich reite ihn regelmäßig selbst und achte sehr darauf, dass die Kinder ihn artgerecht behandeln“, erklärt die Reitlehrerin. „Davon profitieren beide Seiten, das Pferd und der Nachwuchs.“


26.01.2014
Autor: Regina Kühr
© CAVALLO
Ausgabe Dezember 2013 /2013