Rasse-Porträt: Dülmener Wildpferde unter dem Sattel

Horsemanship für Wildpferde

Dülmener Wildpferde unter dem Sattel: Auf Turnieren zeigt Pinocchio Konkurrenten eine lange Nase, von Reitern fordert er Konsequenz. So klug sind die seltenen Wildfänge.

 

CAVALLO Dülmener Wildpferde
Foto: Hans Kuczka Galopp marsch: Die Testpferde Pegasus, Pinocchio, King Lu und Moses (von links) zeigen auch im Gelände gute Nerven.

Auch der Dülmener Pinocchio lässt sich längst problemlos am ganzen Körper von Kindern krabbeln, putzen oder spazieren führen. „Die Kleinen fordern ja auch keine S-Lektionen“, grinst Britta Becker. Dass ihr einst so scheuer Wallach einmal Star im Dressurviereck wird, hätte sie im Jahr 1995 niemals gedacht.

„Pinocchio sollte als Beistellpony einer Stute von mir Gesellschaft leisten.“ Natürlich sollte es nicht dabei bleiben und der Wallach ein paar Reitpferdebasics lernen. Das war zunächst gar nicht so einfach. „Ich konnte ihn draußen nicht einfach anfassen oder zu mir locken, beim Einfangen bekam er Panik.“ Becker musste sich Schritt für Schritt an den Jährling herantasten. „Aufhalftern ging anfangs nur in einer Box, weil er sonst stiften gegangen wäre.“

Im Stall imitierte die erfahrene Reiterin Fellpflege, um Vertrauen aufzubauen. Fürs Training an der Frischluft schnappte sie eine Longe, ließ diese lang und ging so mit ihrem Falben auf sicherem Gelände spazieren. „Ich habe den Abstand jeden Tag ein bisschen verkürzt, bis sich Pinocchio an mich gewöhnte.“

Wer sich für ein Dülmener Wildpferd interessiert, sollte sich vorab mit Horsemanship auseinandersetzen und die Tiere im Umgang miteinander beobachten. Das erleichtert den Zugang zu den Wildfängen. Die sind von Natur aus sehr sozial und lassen sich ohne Umstände in eine fremde Gruppe integrieren. „Das liegt daran, dass sie in einer sehr großen Herde aufwachsen und gelernt haben, Artgenossen deutliche Signale zu geben“, sagt Ausbilderin Hannah König. Ihr Kashmir erzieht sogar Fohlen – und wurde als Kleinster unter vielen Großpferden in Kürze unangefochtener Chef.

Im Dressurviereck haben die vielseitig talentierten Wildpferde freilich mehr zu kämpfen. Das weiß Jana Kamps nach 12 Jahren Turniererfahrung mit Pinocchio. Sobald das heute auch durch Messen und Showauftritte bekannte Paar den Abreiteplatz betritt, tuscheln Zuschauer wie Richter. „Du reitest nett“, musste sich Jana Kamps etwa von einem Richter anhören. „Nur das Gerät unter deinem Hintern, das geht nicht“, erzählt die Reiterin und stellt fest: „Mit Warmblütern muss ich weniger exakt reiten. Von Pinocchio verlangen Richter meist einen Tick mehr.“

Den Wallach kümmern solche Kommentare nicht, solange seine Menschen bei ihm sind. Denn dann ist die Welt für den klugen Dülmener Wildfang in Ordnung – und Pinocchio zeigt der Konkurrenz eine lange Nase. Weitere Infos unter: ig-duelmener.de oder www.wildpferde.de


26.01.2014
Autor: Regina Kühr
© CAVALLO
Ausgabe Dezember 2013 /2013