Ratgeber für Reiter: Was tun wenn der Reitlehrer grabscht?

Oft wird Missbrauch schweigend ertragen

Grapschereien im Stall? Missbrauch in Reitställen ist immer noch ein Tabuthema. CAVALLO erklärt worauf Kinder, Jugendliche und deren Eltern achten sollten und wo Betroffene schnell Hilfe finden.

Angehende FN-Trainer müssen zur Zulassung einer Trainerprüfung schon jetzt ihr Führungszeugnis vorlegen. Wie wirkungsvoll das ist, bleibt fraglich. Viele Fälle werden außergerichtlich geregelt. Damit gibt es auch keinen Eintrag im Führungszeugnis. Privatställe erreicht die FN-Initiative zudem nicht. Für Karola käme dies alles sowieso zu spät. „Als ich anfing zu reiten, gab es bei uns zu Hause viele Probleme. Der Reitlehrer hatte immer ein offenes Ohr. Ich fühlte mich wirklich wohl bei ihm“, erzählt sie.

Schon bald darf sie eines seiner Ponys reiten. Sie fühlt sich bestätigt. „Das ist eine klassische Täterstrategie. Er schafft Vertrauen und Abhängigkeiten“, sagt Ursula Enders. Lehrbuchhaft spielt Karolas Reitlehrer die Mädchen auf dem Hof gegeneinander aus. Wer nicht spurt, wird mit Pferdeentzug bestraft; psychologischer Druck ist an der Tagesordnung. Dennoch bemüht sich Karola um seine Zuneigung, hält still, wenn er sie in der Box küsst oder anfasst. Sie fühlt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Sprechen kann sie darüber nicht: Ihren Eltern mag sie sich nicht anvertrauen, andere Bezugspersonen fehlen. „Mein ganzes Leben spielte sich auf dem Hof ab.“ Dort gibt es nur den Reitlehrer, die Pferde und die anderen Mädchen. Doch die sind Konkurrentinnen, keine Freundinnen.

Etwas „richtig Schlimmes wie eine Vergewaltigung“ sei ja nicht passiert, redet sich Karola ein. „Und ich hatte den Reitlehrer ja auch lieb, wollte ihm nicht schaden.“ Sie schweigt und wird belohnt: Zeitweise darf sie drei seiner Sportpferde reiten. So geht das jahrelang. Erst als sie ein fremdes Pferd als Reitbeteiligung übernimmt, kann sie sich befreien. Später geht sie mit anderen Betroffenen gegen den Mann vor. Er muss eine Strafe zahlen, wechselt den Verein. Karola ist heute in therapeutischer Behandlung.

Schnelle und unbürokratische Hilfe bieten die Nummer gegen Kummer (0800-1110333) sowie die Hotline der Unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs (0800-2255530).

KONTAKT:

Zartbitter Köln e.V.
Sachsenring 2 - 4
50677 Köln
Tel. 022 1 – 31 20 55
Fax: 022 1 – 9 32 03 97
www.zartbitter.de

01.09.2013
Autor: John Patrick Mikisch
© CAVALLO
Ausgabe 04/2011