Standpunkt: Sinnlose Produkte für Pferd und Reiter

Das soll Pferden helfen?

CAVALLO Dressurreiten Galopp
Foto: Rädlein
Ausrüstung im Reitsport: Gut, dass sich heute so viele Leute den Kopf zerbrechen, was Pferd und Reiter helfen könnte. Hilft uns das wirklich? Ganz sicher? CAVALLO findet: Weniger ist oft mehr.

Früher war nicht alles besser. Natürlich nicht. Früher – sagen wir: bis vor rund 30 Jahren – standen etliche Pferde noch in Ständern, tranken Wasser statt Tee, fraßen Heu und Hafer. Von Dingen wie Mikroorganismen, ob nützlich oder gefährlich, wusste der gemeine Reiter noch nichts. Er sah damals nur Mäuse im Trog.

Ganz früher arbeiteten Pferde im Geschirr, früher als Schul-, Jagd- oder Turnierpferde. Das war, bevor sie zu ewigen Kleinkindern mutierten, die heute – in Regenzeug gemummelt – buntes Spielzeug in ihrem Sandkasten herumschubsen. Heraus kullern Leckerbröckchen, die das nun maximal in Teilzeit tätige Pferdekind nicht dick und ihm trotzdem Spaß machen.

Früher trugen Pferde, deren Schädel viel länger waren als heute, Trensen so dick wie mein Teenie-Handgelenk. Um die Trensenringe herum friemelten wir hässliche rotbraune Gummischeiben, was die Maulwinkel schonen sollte. Über individuell angepasste Gebisse und die Anatomie der Maulhöhle redete man in unserem ländlichen Reitverein um 1980 leider so wenig wie über die hohe Kunst der Anlehnung. Impuls, Signal, feine Verbindung – solche Wörter kannte ich aus dem Physik-, nicht aus dem Reitunterricht.

Heute sind solche Wörter in aller Munde, auch wenn sie dort häufig liegen bleiben, weil der Weg vom Reitermund bis zur Zügelhand ja doch ein weiter ist. Um diese Lücke zwischen reiterlichem Willensbekundungsorgan und ausführenden Körperteilen zu überbrücken, wird die Spannweite an Hilfsmitteln mit jedem Jahr beachtlicher. Nicht immer dient das Pferd und Reiter.

Es gibt heute Gebisse, deren Ums Maul geschmiert: Früher war Sattelseife das Mittel gegen Zähneknirschen. Die Wurzel des Übels erwischt man damit so wenig wie mit Kautabletten. Zweck keiner mehr überblickt. Gar nicht bis mehrfach gebrochen, mit oder ohne anatomische Ergonomie, mit viel, wenig oder ohne Anzug. Mit Zungenfreiheit, mit Rollen zum Klimpern und Kiefer lockern oder zurechtweisendem Löffel – für Pferde, die ihre Zunge vor der Trense in Sicherheit bringen wollen. All dies von Apfelgeschmack, Auriund Argentan bis Kupfer oder Eisen, süßlich rostend oder pflegeleicht glänzend, gehalten von Reithalftern, die man kraftsparend über Umlenkrollen verschnallt. Warum dieser Flaschenzug zum Zuknallen ausgerechnet „schwedisch“ heißt?

Keine Ahnung. Wem all das Gedöns zu viel wird, der kann Gebiss und Riemen beliebig minimieren. Vom Kappzaum diverser Spielarten bis zu Knotenhalfter und Hackamore mechanisch, gehebelt oder manuell ist heute alles erfunden, womit man Pferde sinnvoll oder sinnfrei an der Nase führen kann.


02.08.2013
Autor: Christine Felsinger
© CAVALLO
Ausgabe April 2013/2013