Standpunkt: Sinnlose Produkte für Pferd und Reiter

Overkill der Pferde-Hilfsmittel

Ausrüstung im Reitsport: Gut, dass sich heute so viele Leute den Kopf zerbrechen, was Pferd und Reiter helfen könnte. Hilft uns das wirklich? Ganz sicher? CAVALLO findet: Weniger ist oft mehr.

Im Overkill der Hilfsmittel für Ausbildung und Pferdehaltung geht es heute oft darum, Symptome zuzuschmieren. Damit nimmt man Reitern die Chance auf ungeschminkte Ursachenforschung und eine ehrliche Diagnose mit echter Lösung. Ob wunde Maulwinkel, knirschende Zähne, Zungenfehler oder Anlehnungsmängel: Erst wenn alle denkbaren Ursachen beleuchtet und/oder ausgeschlossen und/oder behoben sind, sollten wir dem Lockruf der Helferlein folgen.

Vorausgesetzt, wir haben welche zur Hand, die wirklich nutzen. Wer voreilig die vermeintlich bequeme Lösung wählt, schafft nur neue Probleme – vor allem, wenn er an die falschen Helfer gerät. Paradebeispiel sind Hilfszügel: Erfunden, um mit klarem Ziel und Zeitlimit eine Ausbildungsklippe zu meistern, ist Verstrippen heute oft Alltag. Jeder kennt Pferde, denen schädliche Schlaufzügel oder unnütze Halsverlängerer den Weg zu natürlicher Balance und Selbsthaltung verriegelt haben. Wie modische Brücken zu Krücken werden, erlebt auch das Sattlerhandwerk. Früher waren Sättel flach, hart und vom strammen Sitzfleisch glattpoliert.

Reiter waren eher sehr sportlich und Pferde noch keine Lampenaustreter. Heute sind die wenigsten Reiter Sportskanonen, dafür haben moderne Pferde von Haflinger bis Holsteiner einen Schwung, der normal Begabte aushebelt. Deshalb bauen etliche Sattler seit den 90-er Jahren trendige Modelle, in denen sich Reiter so sicher fühlen, dass Kritiker von Sitzprothese oder Sitzgefängnis sprechen. Das Handicap: Wuchtige Zwiesel und Pauschen klemmen den Haltsuchenden so ein, dass er erst recht nicht mehr sitzen (= mitschwingen) kann.

Also wird er in Stufe zwei mit dem Sattel verhaftet: Statt blankem Leder hält rutschhemmende Mikrofaser die Silikonbesatzreithose fest. Stiefel kriegen eine Portion Haftpaste, flappende Schenkel montiert man mit Druckknopf ans Sattelblatt.


24.07.2013
Autor: Christine Felsinger
© CAVALLO
Ausgabe April 2013/2013