Junge Filmemacherin dokumentiert Gaucho-Leben

"In Argentinien habe ich reiten gelernt"

Die junge Dokumentarfilm-Autorin Jana Richter war eigentlich nur zu Besuch in Argentinien. Doch nach einem Ausritt mit den Gauchos war sie fasziniert von den Pferden und den Menschen. Sie beschloss einen Film über die Gauchos zu drehen. "In Argentinien habe ich reiten gelernt", erzählt sie. Im Interview erfahren Sie mehr über diese spannende Zeit.


CAVALLO Gauchos
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Filme sind ihre Leidenschaft: Jana Richter mit ihrer Kamera.
Foto: RichterProduction

CAVALLO: Was hat Sie zu Ihrem Dokumentarfilm über das Leben argentinischer Gauchos inspiriert?

Jana Richter: Im Jahr 2003 reiste ich zum ersten Mal in das kleine Bergdorf Chicoana in Argentinien. Dort begleitete ich Jose Mellado, einen Gaucho, bei seiner Arbeit in den Bergen. Jose Mellado ritt damals neben mir auf einem Pferd, das noch nicht gezähmt und aus diesem Grund sehr ängstlich war.

Während wir ritten, zähmte Jose das Pferd. Das tat er nicht etwa mit Worten und auch nicht mit Gewalt, sondern allein durch seine Energie und durch das Vertrauen, das er dem Pferd in diesem Moment vermittelte. Das war für mich ein magischer Augenblick und ich beschloss dieses Erlebnis in einem Film festzuhalten, um ihn auch mit anderen Menschen zu teilen.

Im Jahr 2005 kehrte ich deshalb nach Chicoana zurück. Ich wollte die Gauchos, ihre Familien, ihr Leben und ihre Pferde kennenlernen und selbst erfahren, ob auch für mich das Glück der Erde auf dem Rücken der Pferde liegt. Neun Monate begleitete ich sie mit meiner Kamera. Am Ende entstand der Film „Gauchos: Wer nicht aufsteigt, kann auch nicht runterfallen“.

Wie muss man sich das Leben der Gauchos vorstellen, die nicht nur einen – den Job des südamerikanischen Cowboys haben – sondern auch in ihren regulären Berufen arbeiten?

Für die südamerikanischen Cowboys ist das Leben als Gaucho ihre Leidenschaft. Wenn sie diese aufgeben, würden sie einen Teil ihrer selbst verleugnen. Sie wissen, dass ihr Leben dann womöglich komfortabler, einfacher und risikofreier wäre, aber sie würden sich dann nicht so lebendig fühlen.

In Deutschland sagt man oft: Mach es dir doch nicht so schwer. Die Gauchos wissen, dass man manchmal besser den schwierigen Weg im Leben nehmen sollte, weil erst er es ermöglicht zu lernen und Erfahrungen zu sammeln. Der Gaucho sagt deshalb: Wer nicht aufsteigt, kann auch nicht runterfallen - Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Gauchos arbeiten zwar in anderen Berufen, um ihre Familien versorgen zu können. Richtig leben tun sie jedoch mit und auf ihren Pferden, wie auch bei ihrer Arbeit in den Bergen und beim Rodeo.

Wie lernt ein Gaucho heute sein Handwerk?

Indem er schon als Kind anfängt, als Gaucho zu arbeiten. Kinder üben die Fähigkeiten, die sie später als Gaucho brauchen, oft auf sehr spielerische Weise, werden dabei jedoch von älteren Gauchos gefördert und ermutigt.

Gauchos nehmen ihre Kinder, wenn diese den Wunsch äußern, oft mit in die Berge und geben ihnen kleinere Aufgaben, damit sie die Chance haben, Erfahrungen zu sammeln und Fertigkeiten zu entwickeln.

Man wird auch nur Filmemacher, indem man Filme macht und von anderen Filmen und Filmemachern lernt. Man wird Gaucho, indem man die Arbeit eines Gauchos verrichtet und dabei ständig von anderen Gauchos lernt.

Wie beschreiben die Gauchos das Verhältnis von Körper und Seele - im Film heißt es Gleichgewicht - für sich?

Ich glaube Gauchos fühlen instinktiv, was Reiten für ihren Körper und ihre Seele tut. Sie empfinden ein Gefühl von Freiheit und Zufriedenheit bei der Arbeit in den Bergen. Diese Arbeit gibt ihnen Gleichgewicht im Leben. Gauchos sind nach meiner Empfindung wohl eher Menschen der Taten und nicht so sehr Menschen der Worte. Sie würden ihr Verhältnis von Körper und Seele nicht mit Worten ausdrücken. Sieht man jedoch einen Gaucho ein Pferd zähmen, kann man das Verhältnis von Gaucho und Pferd, Körper und Seele eindeutig spüren.

Ein Gaucho spricht jedoch in meinem Film sehr klar über das Verhältnis von Körper und Seele beim Reiten. Er arbeitet als Reitlehrer für körperlich oder seelisch behinderte Kinder und sagt, dass Reiten den Körper ins Gleichgewicht bringe. Ist der Körper im Gleichgewicht so komme auch die Seele ins Gleichgewicht. In solchen Momenten könne man erreichen, was immer man auch möchte.

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So schneiden Gauchos die Mähne.
Foto: RichterProduction

Sie lebten neun Monate allein mit den Gauchos – wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Zunächst einmal war es eine wunderschöne Zeit. Es waren jedoch auch körperlich sehr anstrengende Monate. Stunden auf dem Pferd mit einem 12 Kilogramm schweren Kamerarucksack auf dem Rücken. Oft konnte ich mich am nächsten Tag kaum bewegen. Gleichzeitig habe ich mich selten so lebendig gefühlt. Es war auch eine sehr intensive Zeit, in der ich viel über mich gelernt habe. Ich habe lernen dürfen, was Elektrizität, warmes Wasser oder eine Heizung im Winter wirklich bedeutet – wenn man darüber verfügt. Ich habe in den argentinischen Bergen absolute Dunkelheit und unglaubliche Stille erleben dürfen. Dinge, die in meinem Leben in Deutschland selten sind. Ich weiß heute, wie viele Menschen eine Kuh ernähren kann.

Kurzum: Ich hatte das Glück Menschen kennenzulernen, die mich ohne Vorurteile in ihr Leben und ihre Gemeinschaft aufgenommen haben. Ich durfte mit ihrer Hilfe neun Monate das Leben eines Gauchos leben – mit allen Freiheiten und Schwierigkeiten. Das war ein unglaubliches Geschenk der Gauchos von Chicoana.

Ehrliche Partner: Der Gaucho und sein Pferd.
Foto: RichterProduction

Wo kann man Ihren Film sehen und wie konnten Sie ihn finanzieren?

Der Film wurde finanziell vom Hessischen Rundfunk und dem Otto-Braun-Fond gefördert doch erst die Gastfreundlichkeit und Offenheit der Gauchos und ihrer Familien haben die Entstehung des Films möglich gemacht. Während der gesamten Filmproduktion haben mich meine Professoren Yana Drouz und David Safarian unermüdlich unterstützt, gefördert und gefordert. Durch die Gespräche und den Austausch mit ihnen und mit meinen Kollegen der NUR film group hat der Film erst seine endgültige Form gefunden.

Mein Dokumentarfilm war bereits auf Filmfestivals in den Niederlanden, Argentinien, Nepal, Indien, Russland und Deutschland zu sehen und wurde von den Goethe-Instituten in Peru und Chile präsentiert. Er erhielt den Birgitt-Bolsmann-Preis der Kunsthochschule Kassel, den Preis für die Beste Dokumentation in Arad, Rumänien, den Preis für die Beste Kameraarbeit auf dem Cronograf Film Festival in Moldawien und den Golden Deer Award auf dem Dialektus Film Festival in Ungarn.

Was sind Ihre nächsten Ziele?

Ich bin Mitglied der NUR film group, die Student/-innen der Professoren Yana Drouz und David Safarian gegründet haben. Wir sind eine Gruppe von Filmemacher/-innen aus aller Welt, die ihre Filme international produzieren und präsentieren. Wir arbeiten derzeit an verschiedensten Projekten im Dokumentar- und Spielfilmbereich. „Cholita Libre“ der zweite abendfüllende Dokumentarfilm, den ich zusammen mit meiner Kollegin und Co-Regisseurin Rike Holtz in Bolivien gedreht habe, ist zur Zeit auf Festivalreise und hat bereits den Preis der Jury auf dem Mujeres en foco Filmfestival in Buenos Aires gewonnen. Mit meinem Kollegen Behrooz Karamizade drehe ich jetzt einen Dokumentarfilm über Flüchtlinge in Deutschland. Außerdem möchte ich in diesem Jahr den Schnitt eines Dokumentarfilms beenden, den ich in Berg Karabach gedreht habe.

Autor: Diana Maier

© CAVALLO

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