Alles über den Schwung beim Pferd

Schwung gibt's auch im Schritt: Interview mit Nancy Nicholson

Dr. Nancy Nicholson von der Miami University in Oxford, US-Bundesstaat Ohio, beschäftigt sich intensiv mit den den biomechanischen Grundlagen des Dressurreitens. Die Ergebnisse ihrer Forschung fasste sie im Buch „Biomechanical Riding & Dressage: A Rider’s Atlas“ zusammen.

 

Schwung - Nancy Nicholson
Foto: privat Nancy Nicholson auf ihrem Morganhorse Max.

CAVALLO: Die Reitlehre sagt, dass Pferde nur im Trab und Galopp Schwung entwickeln können, nicht jedoch im Schritt weil der keine Schwebephase hat. Stimmt das?

Nancy Nicholson: Ganz und gar nicht. Aus physikalischer Sicht ist Schwung nichts anderes als Masse in Bewegung. Jeder Körper, der sich bewegt, hat Schwung, also auch jedes Pferd in jeder Gangart und sogar jedes einzelne Bein in der Bewegung. Schwung hat nichts mit der Gangart zu tun, sonder bedeutet, dass eine Vorwärtsbewegung flüssig beibehalten wird.

CAVALLO: Was bedeutet Schwung dann in der Dressur?

Nancy Nicholson: Es gibt zwei Faktoren, die den dressurmäßigen Schwung beeinflussen. Zum einen die Energie, mit der sich das Pferd aus der Hinterhand am Boden abdrückt, im Englischen und Französischen Impulsion genannt. Impulsion ist vor allem eine mentale Qualität. Sie bezeichnet gemäß der französischen Schule den Willen des Pferds, sich unter dem Reiter energisch vorwärts zu bewegen. Der zweite Faktor sind elastische Gänge. Oft wird von Schwung gesprochen, wenn eigentlich die elastischen Bewegungen eines Pferds gemeint sind. Unter diesem Aspekt gelten Pferde als besonders schwungvoll, die in allen Gelenken, aber besonders in der Fessel und im Fesselgelenk, sehr elastisch sind. Je tiefer der Fesselkopf eines Beins sich in der Stützphase zum Boden senkt, desto mehr Energie speichert dieses Bein, um sie beim Abfußen wieder heraus zu lassen. Das Pferd bewegt sich schwungvoll, selbst in der Piaffe, in der es ja keinen Raum mehr gewinnt.

CAVALLO: Schwung und Schwebephase haben also nichts miteinander zu tun?

Nancy Nicholson: Nicht unbedingt. Die Bedeutung der Schwebephase für den dressurmäßigen Schwung wird überschätzt. Ein Pferd schwebt umso länger, je schneller es läuft. Rein physikalisch hat ein Pferd in höherem Tempo deshalb mehr Schwung. Doch die Geschwindigkeit sagt nichts über den dressurmäßigen Schwung, der auch in langsamem Tempo, ganz ohne Schwebephase, vorhanden sein sollte. Verkürzte Gangarten wie Passage oder versammelter Galopp bleiben mit kurzer oder ganz ohne Schwebephase schwungvoll, sofern sie korrekt geritten werden. Und auch schwere Pferde, die wegen ihres Gewichts weniger oder gar keine Schwebephase zeigen, können viel Schwung entwickeln.

CAVALLO: Dann liegen Reiter, die den Schwung durch höheres Tempo fördern wollen, falsch?

Nancy Nicholson: Nicht immer. Für schwungvolle Bewegungen muss die aufgenommene Energie zum richtigen Zeitpunkt herausgelassen werden. Bei zu niedrigem Tempo ist die Zeit zwischen Auf- und Abfußen für die aufgenommene Energie zu lang. Es geht Energie ungenutzt verloren, bevor das Pferd abfußt. Die Bewegungen wirken matt und träge. Für bessere Schwungentfaltung muss der Reiter das Tempo etwas erhöhen. Allerdings darf das Pferd auch nicht zu schnell sein. Denn ist die Zeit zwischen Auf- und Abfußen zu kurz, wird nicht alle aufgenommene Energie genutzt. Das Pferd zeigt eilige, aber schwunglose Tritte, also den bekannten Nähmaschinen-Trab.

CAVALLO: Welche Rolle spielt der Rücken für den Schwung?

Nancy Nicholson: Er ist sehr wichtig. Nur über einen elastischen Rücken und Rumpf kann die vertikale Energie aus der Beinbewegung in eine horizontale Vorwärtsbewegung des ganzen Pferds umgesetzt werden. Ohne diese elastische Brücke würde ein Pferd vermutlich ähnlich staksen wie ein Vogel Strauß, dessen Rumpf und Rippen starr sind und der durch lange Schwebephasen sehr schnell wird, aber sich nicht elastisch bewegt.

18.11.2008
Autor: Melanie Tschöpe
© CAVALLO
Ausgabe 05/2008