Die Angst der Pferde vor dem Reiter

Am längeren Hebel

Sie müssen Psycho-Stress, Rollkur, harte Paraden und scharfe Gebisse erdulden. Damit machen viele Reiter ihren Pferden derart Angst, dass die nur zwei Auswege haben: Entweder sie kuschen. Oder sie rasten aus und werden gefährlich.

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Schiere Panik trieb den Hengst auf die Barrikaden. Bei jeder Piaffe kletterte er die Hallenbande hoch und brachte Passagiere in Not. „Er galt als Mörderpferd, kannte nur Kandare und Schlaufzügel“, empört sich die Schweizer Dressur-Legende Christine Stückelberger. In ihrem Kirchberger Stall landete das Spitzenpferd schließlich zur Korrektur – weil der vorigen Trainerin, einer bekannten Olympiareiterin, endgültig der Geduldsfaden riss.

Wie diesem Hengst geht es Tausenden Pferden: Sie haben Angst vor ihren Reitern. Beißen beim Satteln, flüchten beim Aufsteigen, verweigern Lektionen oder springen aus dem Dressurviereck. Diese Panik vor dem Menschen und seinen Ansprüchen klebt pechzäh im Gehirn, lässt sich kaum wieder löschen.

Für Christine Stückelberger ist es unverständlich, wie man Pferde so in Panik versetzen kann, dass sie schon beim Aufzäumen zittern. „Sie tun alles für einen, wenn man sie gut behandelt. Ich reite den angeblichen Mörderhengst nun auf Trense, er benimmt sich wie ein Schaf“, sagt die Eidgenossin, die mit Köpfchen und Diplomatie gegenüber dem Pferd 1976 Olympiasiegerin wurde. Sie entstammt einer Reiter-Generation, die ihre Pferde häufiger lobte als einschüchterte.

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10.01.2016
Autor: Christine Felsinger
© CAVALLO
Ausgabe 07/2007