Weltmeister der Vielseitigkeit: Michael Jung und Sam

Exklusiv-Interview mit Michael Jung: "Dran bleiben und immer weiter machen"

Woran erkennt man einen guten Reiter? Im CAVALLO-Interiew gab Michael Jung, den amtierenden Weltmeister der Vielseitigkeit, überraschende Antworten.

 

CAVALLO Weltreiterspiele 2010 Kentucky
Foto: Alltech FEI Games

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CAVALLO: Sie sind Weltmeister der Vielseitigkeit. Stellen Sie sich überhaupt noch die Frage, ob Sie ein guter Reiter sind?
Michael Jung: (lacht) So ganz bewusst nicht. Aber egal ob ich ein Springen oder eine Weltmeisterschaft gewonnen habe, stelle ich mir schon die Frage, ob es gut ausgesehen hat. Auch die Zuschauer, die nicht fachkundig sind, sollen die Harmonie zwischen Reiter und Pferd erkennen. Das ist mir ganz wichtig.

Zweifeln Sie auch manchmal an sich?
Ja. Ab und zu kommt das auch heute noch bei der Ausbildung von jungen Pferden vor. Zum Beispiel, wenn sie an ganz leichten Sprüngen Fehler machen und es in der Ausbildung einfach nicht weiter geht. Da fragt man sich schon, was man wohl falsch macht…

Und wie kommen sie über diese Momente hinweg?
Wichtig ist dran bleiben und immer weiter machen. Man darf sich nicht entmutigen lassen. Man muss ständig nach einem anderen Lösungsweg suchen. Mir hilft dabei oft eine Videoanalyse. Es ist gut, sich nicht nur auf sein Gefühl zu verlassen. Wenn man sich die Situationen von unten anschaut, sieht man die Fehler noch einmal mit anderen Augen.

 

CAVALLO Weltreiterspiele 2010 Kentucky
Foto: Alltech FEI Games

Ist man eigentlich auf jedem Pferd ein guter Reiter?
Ein Profi muss sich auf jeden Fall auf jedes Pferd einstellen können. Und das in möglichst kurzer Zeit. Bei der Weltmeisterschaft sowieso. Da müssen die Reiter im Finale die Pferde wechseln. Natürlich gibt es aber auch bei mir Pferde, die ich vom Typ her lieber habe.

Woran erkennen Sie einen guten Reiter?
Am Stil, nicht am Erfolg. Und am Körperbau des Pferds. Viele Pferde entwickeln bei ihren Reitern eine ähnliche Figur. Die Muskulatur an Schulter, Hals, Rücken und Hinterhand ist gleichmäßig aufgebaut. Bei vielen kann man über Jahre hinweg beobachten, wie ihre Pferde runder und hübscher werden, und an Ausdruck gewinnen.

Was glauben Sie, wo sitzt das Talent im Körper eines guten Reiters?
Im Kopf. Talent heißt für mich, wenn jemand was instinktiv richtig macht. Beim Reiten braucht man ein gutes Gespür dafür, was dem Pferd gut tut. So wie man beim Fußball einfach weiß, wie man den Ball kicken muss, damit er in einem bestimmten Bogen ins Tor fliegt.

Was braucht man noch, um ein guter Reiter zu werden?
Zwei Dinge: Einfühlungsvermögen fürs Pferd, damit man weiß, an welchen Tagen man arbeiten kann und an welchen Tagen man besser ausreitet. Und Selbstdisziplin, damit man den Trainingsplan, den man sich aufstellt auch einhalten kann.

Wären Sie auch Weltmeister geworden, wenn Sie in einem anderen Umfeld aufgewachsen wären?
Ich wäre auf alle Fälle Reiter geworden. Wäre ich so gut geworden? Ich weiß es nicht… Es wäre sicher auch als Bereiter möglich gewesen. Allerdings hätte ich mich da wahrscheinlich spezialisieren müssen.

Ihr Vater hat eine Reitschule, Sie hatten doch sicher immer die passenden Pferde…
Überhaupt nicht. Bei meinem ersten Parcours ist mir das Pony rückwärts in die Hecken gerannt. Ich hatte sehr oft Pferde, die keiner reiten wollte. Ich habe nie ein fertiges Springpferd bekommen, sondern immer junge Pferde ausgebildet. Es war ein langer Weg. Aber es war zu schaffen.

Was würden Sie sagen: Wann ist ein Reiter gut genug für die Geländestrecke?
Natürlich muss man zuerst Dressurreiten und Springen können, bevor man sich an feste Hindernisse im Gelände wagt. Fürs Bergauf- und Bergabgaloppieren und für kleine Baumstämme reicht es, wenn der Reiter sicher und ordentlich über einen E-Parcours kommt.

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17.01.2011
Autor: Stefanie Böck
© CAVALLO
Ausgabe 12/2010