Interview mit Jan-Hein Swagemakers

Interview mit Jan-Hein Swagemakers: „Positive Dopingfälle vermeiden“

Dr. Jan-Hein Swagemakers ist seit einem halben Jahr Mannschaftstierarzt der deutschen Springreiter. Zwischenbilanz: Dort gibt es seither zumindest keine neuen Dopingsünder.

 

CAVALLO Springtraining
Foto: Rädlein Das Wohl der Pferde muss auch im Sport an erster Stelle stehen.

Im CAVALLO-Interview spricht der 48-Jährige über seine ersten Amtsmonate und darüber, dass der Pferdesport viel sauberer ist, als er momentan dargestellt wird.

Doping im Spitzensport - Diskussion im Forum

CAVALLO: Was haben Sie im vergangenen halben Jahr erlebt?
Swagemakers: Eine schöne deutsche Meisterschaft in Balve, ein wunderschönes Turnier in Aachen, eine gute Zusammenarbeit mit den Bundestrainern Otto Becker und Heinrich Engemann, den Springreitern und mit Warendorf. Es ist viel Arbeit, aber auch eine tolle Herausforderung!

Wie ist die Stimmung bei den Springreitern?
Pferde und Reiter sind gut drauf. Nur bei der Anwendung von Medikamenten sind die Reiter unsicher. Täglich bekomme ich Anrufe, auch von Tierärzten, zur Verwendung von Salben, Fliegensprays, Futtermitteln und Medikamenten. Zudem kontrolliere ich Stallbücher und untersuche die Pferde, um weitere positive Dopingfälle zu vermeiden.

Hört sich so an, dass viele Reiter und Tierärzte die Doping-Bestimmungen nicht verstehen.
Richtig. Dabei ist im Reglement der FEI und FN alles geregelt, aber es ist nur nach mehrfachem Durchlesen klar zu verstehen. Dazu kommt das Problem mit der Medikation. In den Human-Sportarten gibt es eine Positiv- und Negativliste. Wenn ein Sportler zum Arzt geht, überlegt letzterer sich die nötige Therapie, schaut auf der Liste, was er anwenden darf und was nicht. Der Sportler ist gut versorgt. Im Pferdesport muss die Therapie nach der Ausscheidungszeit ausgewählt werden, vorausgesetzt, der Einsatz schadet der Gesundheit des Pferds nicht.

Von welchen Faktoren hängt die Ausscheidungszeit eines Medikaments ab?
Sie hängt von der Art, Menge, Dauer der Anwendung, Fütterung, dem Arbeitspensum, der Wasseraufnahme, Säuregehalt im Urin, Stress, früher verabreichter Medikamente und noch vielen anderen Faktoren ab.

Das Mittel mit der kürzesten Ausscheidungszeit ist aber doch nicht zwangsläufig die beste Therapie?
Die Medikamentenwahl ist manchmal nicht einfach. Beispiel: Ein Pferd bekommt zwei Tage vor einem Turnier eine leichte Krampf-Kolik. Eine Injektion würde sofort helfen. Aufgrund der Injektion ist jedoch ein Turnierstart nicht möglich. Also wird zunächst versucht, die Kolik etwa durch Homöopathika zu beseitigen. Für mich wäre aber die krampflösende Spritze der bessere Tierschutz.

Werden die Tierärzte von den Reitern unter Druck gesetzt?
Da hat jeder die Wahl, sich unter Druck setzen zu lassen oder nicht. Ich sehe da kein Problem.

Haben Sie in Ihrer Laufbahn als FEI-Tierarzt schon mal einem Reiter geraten nicht zu starten? Wenn ja, wie hat dieser reagiert?
Ja, als FEI-Tierarzt häufiger, als praktischer Tierarzt sehr häufig. Nur einmal habe ich miterlebt, dass ein Reiter doch gestartet ist, ansonsten scheinen die Reiter zu verstehen, dass mir die langanhaltende Gesundheit ihres Pferdes wichtiger ist als ein strahlendes Gesicht.

 

CAVALLO Springtraining
Foto: Rädlein Hochleistungssportler unter dem Sattel.

Es heißt: Auf Turnieren dürfen nur gesunde Pferde starten. Gibt es überhaupt noch gesunde Tiere im Spitzensport?
Was ist gesund? Ist ein Brillenträger gesund? Und jemand mit einer Zahnfüllung? In diesem Sinne gibt es keine gesunden Menschen oder Tiere, außer vielleicht unmittelbar nach der Geburt. Anderseits haben wir Menschen die Pflicht, Pferden nichts ab zu verlangen, was sie nicht im Stande sind zu leisten. Daher dürfen wir ein beispielsweise lahmendes Pferd nicht im Sport einsetzen. Das gilt allerdings auch für Freizeitpferde! Hier haben wir Tierärzte eine wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe der Aufklärung.

Scheinbar ist aber vielen Reitern nur eins wichtig: Sie wollen gewinnen. Dabei missachten Sie jegliche ethische Grundgesetze und verstoßen gegen das Tierschutzgesetz. Betrachten die Reiter die Pferde überhaupt noch als Lebewesen? Lieben sie Ihre Pferde?
Gewinnen wollen gehört zum Sport, aber natürlich nicht um jeden Preis. Das Wohl des Pferdes sollte immer vorne stehen. Man darf nicht alle Reiter über einen Kamm scheren: schwarze Schafe hat es immer gegeben und wird es immer geben. Ein Reiter, der ein Pferd nach viel Arbeit und Zeit endlich auf ein gewisses Niveau gebracht hat, wird nicht die Gesundheit diesen Pferdes aufs Spiel setzen, sondern verantwortungsvoll damit umgehen. Ich denke, dass es schwierig ist, den ganzen Tag mit Pferden zu arbeiten und sie nicht als Lebewesen zu sehen. Wenn ich „meine“ Reiter mit ihren Pferden sehe, ist das schon eine besondere Beziehung. Sie kuscheln vielleicht nicht den ganzen Tag, aber die Sorge ums Pferd und dessen Versorgung versuchen sie optimal zu gestalten.

Wer ist Ihrer Meinung nach schuld an der Doping-Misere?
Das Dopingproblem ist hauptsächlich ein Medikationsproblem. Zwei Prozent aller FEI-Proben der letzten zwei Jahre waren positiv. Davon enthielten fünf Prozent Dopingsubstanzen, die restlichen 95 Prozent andere verbotene Inhaltsstoffe. Meist sind das Medikamentenreste, die im Humansport geduldet werden, im Pferdesport jedoch nicht. Manchmal sind es auch Substanzen, die versehentlich ins Pferd kommen. Im Vergleich zu anderen Sportarten ist der Pferdesport viel sauberer, als er zur Zeit dargestellt wird.

Wie kann der Reitsport seinen guten Ruf wiederherstellen?
Aufklärung, sowohl intern wie auch nach außen, Transparenz, beispielsweise durch ein Stallbuch und unangemeldete Trainingskontrollen und ein Regelwerk, das für jedermann klar verständlich ist. Und ganz wichtig: natürlich keine neuen positiven Fälle!

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Zur Person:
Der gebürtige Niederländer Dr. Jan-Hein Swagemakers betreut nicht nur die Springpferde des deutschen Teams, er arbeitet auch in der Tierärztlichen Klinik für Pferde in Lüsche, 60 Kilometer südlich von Oldenburg. Der 48-Jährige ist verheiratet, hat drei Kinder und bezeichnet sich selbst als Hobbyreiter. Der FEI-Tierarzt ist seit 1998 Vertrauenstierarzt des Landesverbandes Weser-Ems. Bei den Weltreiterspielen 2006 in Aachen betreute er das Springreiterteam der Ukraine. Im Mai 2009 trat er die Nachfolge des langjährigen Mannschaftstierarztes Dr. Björn Nolting an.

Autor: Christiane Wehnert
© CAVALLO
Ausgabe 12/2009