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100 Krankheiten - Das große CAVALLO Symptom-Lexikon
Anämie - Andrologische Probleme - Ataxie - Atypische Weidemyoglobinurie
Im CAVALLO Symptom-Lexikon finden Sie die Symptome der 100 wichtigsten Pferdekrankheiten. Hier: Anämie, Andrologische Probleme, Ataxie, Atypische Weidemyoglobinurie.
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Anämie
Anämie (Blutarmut) schwächt das Pferd, lässt es lust- und teilnahmslos werden. Es bringt nicht mehr die gewohnte Leistung und ermüdet bereits nach kurzer Belastung. Manche anämischen Pferde bewegen sich unsicher.
Trockene oder blasse, auch gelblich verfärbte Schleimhäute sind ein weiteres wichtiges Symptom. Bei manchen Tieren ist der Puls so schwach, dass man ihn kaum fühlen kann, aber schneller als bei einem gesunden Pferd (28 bis 40 Schläge pro Minute). „Häufig liegt auch die Atemfrequenz über dem Normalwert von 10 bis 20 Atemzügen pro Minute“, sagt Tierarzt Dr. Volker Sill von der Pferdeklinik Bargteheide in Schleswig-Holstein.
Viele von ihnen sind unruhig, leiden unter Muskelzittern und Schweißausbrüchen, wobei die Körpertemperatur sinken kann. Bei manchen Patienten verfärbt sich der Urin oder Kot dunkel, bei anderen kommt es zu Blutungen der Haut, Schleimhaut und sonstiger Organe.
Andrologische Probleme
Kryptorchiden (Klopphengste) benehmen sich wie Hengste und decken Stuten, obwohl ihre Hoden verkümmert und verborgen sind. Bei einseitigen Kryptorchiden ist nur einer der Hoden voll entwickelt; der andere ist viel kleiner. Bei beidseitigen Kryptorchiden sind beide Hoden unterentwickelt; die Hodensäcke sind klein, aber mit der Hand zu fühlen. Ein praller Hodensack beweist allerdings nicht, dass er tatsächlich beide Hoden enthält: Die eiförmigen Hoden sind für ungeübte Finger von Nebenhoden, Fettgewebe oder verlagerten Darmschlingen kaum zu unterscheiden.
Bei einem Darmvorfall rutscht der Dünndarm in den Hodensack (Hernia scrotalis) oder den Leistenkanal (Hernia inguinalis); manchmal schon vor der Geburt. Bei einer Skrotalhernie ist der Hodensack durch den darin liegenden Dünndarmabschnitt stark vergrößert.
Wenn dann noch der Leistenring den vorgefallenen Darm im Hodensack oder Leistenkanal abschnürt, treten heftige Koliksymptome auf. Die Pferde haben Schmerzen, reagieren empfindlich auf Berührungen an Bauch und Genitalien und wollen sich nicht bewegen. Sie stellen die Beine nach vorne und hinten heraus, drehen sich zum Bauch um, manche wälzen sich.
Wenn ein Hengst kastriert wird, kann der Darm durch die Kastrationswunde nach außen rutschen. Oft hängt daneben ein Stück dünne Haut aus der Bauchhöhle. Dieses Netz (Omentum) ist wie der Darm grauweiß und klebrig.
Tumore an Penis, Hodensack, Hoden oder Vorhaut (Präputium) sind eine weitere Pferdemänner-Plage. „Es schmiert, eitert und stinkt“, beschreibt Dr. Peter Pongs, Tierarzt aus dem baden-württembergischen Unterschneidheim-Zöbingen, die ersten Anzeichen für Tumore (Neoplasien). Sie können gut- oder bösartig sein und handballgroß werden.
Glatte Papillome und belagähnliche bis blumenkohlwuchernde Plattenepithelkarzinome sind Tumore des Penis und der Vorhaut. Aus der Vorhautöffnung fließen Blut und eine weißlich, schmierige Flüssigkeit. Größere Tumore sieht man beim Ausschachten als Geschwulste oder Schwellung der Vorhaut (manchmal bis zur Leistengegend). Das Pferd hat Probleme beim Harnen.
Bei Hoden-Tumoren schwillt der Hodensack. Das Gewicht des Tumors zieht ihn nach unten. Sarkome der Vorhaut und des Hodensacks setzen sich im Unterhautgewebe fort, wobei das Geschwür das Gewebe zerfrisst. Karzinome können melonengroß werden und nach außen oder zum Penis hin aufbrechen.
Melanome oder Sarkoide sind zunächst nicht schmerzhaft. Wenn sie sich aber durch Dreck oder Reibung entzünden, können sie wuchern und schmerzen. Manchmal bemerkt man einen Tumor erst, wenn das Pferd den Penis nicht mehr einziehen kann.
Ataxie
Ataxie ist keine Krankheit, sondern ein Sammelbegriff für gestörte oder fehlende Koordination der Bewegungsabläufe. Viele Pferde haben bereits beim Stehen Probleme. Je länger sie an Ataxie leiden, desto wackliger werden sie. Manche brechen plötzlich in der Hinterhand ein und stürzen aus dem Stand, häufig ausgelöst durch unerwartete laute Geräusche oder andere Außenreize. Die Sturzgefahr steigt, wenn sich die Pferde bewegen. Vor allem abruptes Abstoppen, sogar aus dem Schritt, bereitet ihnen enorme Schwierigkeiten. „Das ist besonders gut zu erkennen, wenn das Pferd geführt wird und man plötzlich wendet. Dabei knicken die Pferde bei einer Linkswendung im rechten Sprunggelenk federnd zusammen, die Hinterhand bricht nach außen weg“, erklärt Pferdefachtierarzt Dr. Michael Nowak von der Tierklinik Karthaus in Dülmen/Nordrhein-Westfalen.
Auch Rückwärtstreten fällt ihnen oft sehr schwer und kann dazu führen, dass sie sich nach hinten überschlagen. Pferde, die an der sogenannten spinalen Ataxie erkrankt sind, reagieren außerdem extrem empfindlich auf Berührungen am Hals.
Neben Bewegungsstörungen zählen fehlende oder eingeschränkte Hautreflexe zu den typischen Symptomen. Betroffen sind vor allem seitliche Halswand, Kniefalte und Kniegelenk-Streckmuskel. Streicht man mit einem Kugelschreiber oder einem anderen spitzen Gegenstand an diesen Körperstellen entlang, zuckt ein gesundes Pferd. Ein Ataxie-Patient reagiert überhaupt nicht oder nur verzögert. Der Versuch, die Halswirbelsäule zu bewegen, scheitert meist. Muss das Pferd den Hals trotzdem zur Seite biegen, etwa weil jemand ruckartig am Halfter zieht, kann es ebenfalls stürzen.
Die meisten Ataxien verlaufen allerdings weniger dramatisch und machen sich nur durch den eigenartigen Gang bemerkbar. Das Pferd hebt die Beine ruckartig vom Boden und stößt sie anschließend nach vorne. Je nachdem, wie schwer das Pferd erkrankt ist, bewegt es sich leicht schwankend bis torkelnd. In der Regel wankt seine Hinterhand mehr als die Vorhand, manchmal sind sogar ausschließlich die Hinterbeine betroffen. Sie werden übertrieben angewinkelt und anschließend kreisförmig nach vorne geführt, häufig überkreuzen sie sich.
Die Vorderbeine schreiten weit aus, Mittelfuß- und Zehengelenke strecken sich übermäßig nach vorne. Dieser sogenannte „Zinnsoldaten-Gang“ verstärkt sich beim Bergauf- und Bergablaufen. Auch das Tempo der Bewegungen verändert sich: Zum Teil gehen die Pferde wie in Zeitlupe, zum Teil völlig überhastet. Weil es ihnen nicht gelingt, die Bewegungsabläufe der Beine zu koordinieren, stolpern sie häufig und stoßen leicht gegen Hindernisse.
Einige Pferde sind nicht mehr in der Lage, einer geraden Strecke zu folgen und ein anvisiertes Ziel zu erreichen. Kranke Fohlen verfehlen das Euter der Mutterstute, erwachsene Pferde Wassereimer oder Futtertrog.
Andere an Ataxie erkrankte Pferde fallen außerdem durch Kopfzittern auf. Manche können ihren Kopf gar nicht mehr ruhighalten, bei anderen wird das Zittern durch Außenreize ausgelöst.
Atypische Weidemyoglobinurie
Typisch ist plötzliche Muskelschwäche. Die Pferde laufen sehr steif; oft können sie nicht mehr stehen und liegen deshalb auf der Seite.
Ihr Urin ist rot- oder kaffeebraun, ebenso wie beim klassischen Kreuzverschlag (Schwarze Harnwinde, Myoglobinurie). Der Harn wird durch den roten Muskelfarbstoff Myoglobin verfärbt. Dieses Protein aus den Herz- und Skelettmuskelzellen transportiert den Sauerstoff innerhalb der Zellen.
Die Krankheit lässt Querverbindungen in den Muskelfasern zerfallen. Dadurch wird Myoglobin frei und über die Nieren ausgeschwemmt.
Atmen fällt oft schwer, weil Zwerchfell- und Rippenmuskulatur schmerzen. Die Atemfrequenz liegt deutlich über den normalen 8 bis 16 Zügen pro Minute. Der Herzschlag ist zum Teil stark beschleunigt, der Puls kann auf 100 Schläge pro Minute hochrasen (Tachykardie). Die Körpertemperatur kann erhöht sein oder auch bei normalen 37,3 bis 38 Grad liegen.
m Schlucken, weil Zungen- und Kaumuskulatur versagen“ sagt Professor Heidrun Gehlen von der Pferdeklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München, die bereits Untersuchungen zur Ursache der atypischen Weidemyoglobinurie des Pferds durchführte.
Weil sich die Pferde vor Schmerzen verkrampfen und im Liegen mit den Beinen rudern, denken Besitzer manchmal zunächst an eine Kolik.
Klarheit schaffen Blutuntersuchungen: Sie zeigen vor allem einen enormen Anstieg des Muskelenzyms Creatinkinase (CK). Das entsteht, wenn Muskelzellen zerfallen. Blut- und Urinproben zeigen, dass das Myoglobin die Nieren geschädigt hat.
„Bei toten Tieren haben wir auch im Augenkammerwasser massiv erhöhte Harnstoffwerte festgestellt“, sagt Professor Gehlen. Außerdem sieht der Pathologe weißliche, geschwollene Muskelfasern, zum Teil zerstörtes Nierengewebe und degenerierte Herzmuskeln; manchmal auch Lungenödeme mit Schaum in den Bronchien.
Oft haben die Pferde massive Magengeschwüre, „die sich bei starken Schmerzen und Stress sehr schnell entwickeln“, erklärt Professor Gehlen.
Weiterführende Informationen zu Ursachen, Risikopatienten, Verlauf, Folgeerscheinungen, Behandlung und Prävention dieser Krankheiten finden Sie im großen CAVALLO-Medizin-Kompendium.



