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100 Krankheiten - Das große CAVALLO Symptom-Lexikon
Tetanus - Tollwut - Tränen-Nasen-Kanal-Blockade
Im CAVALLO Symptom-Lexikon finden Sie die Symptome der 100 wichtigsten Pferdekrankheiten. Hier: Tetanus - Tollwut - Tränen-Nasen-Kanal-Blockade.
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Tetanus
Wundstarrkrampf (Tetanus) macht die Muskeln steif und verursacht Krämpfe (Spasmen), die gelegentlich auch ausbleiben. Meist beginnt die Krankheit damit, dass sich das Pferd steif und schwerfällig bewegt. Besonders Wenden und Rückwärtstreten bereiten ihm Mühe.
Dann ändern sich Körperhaltung und Verhalten: Die Tiere werden schreckhafter und empfindlicher, ihre Reflexe sind stärker ausgeprägt als bei gesunden Pferden.
Sie blähen die Nüstern, ziehen Maulwinkel und Ohren nach hinten und heben leicht den Schweif. Manche von ihnen verlieren den Appetit, andere hören beim Fressen plötzlich auf zu kauen, so dass ihnen Futter aus dem Maul fällt. Nun krampfen, ausgelöst vor allem durch Berührungen, Geräusche oder grelles Licht, besonders die Hals- und Kiefermuskulatur.
Nach etwa 24 Stunden werden Krämpfe und Schmerzen beim Kauen und Schlucken stärker. Bald sind die Muskeln so hart, dass das Pferd weder das Maul öffnen noch schlucken kann. Deshalb tropft oft Speichel aus dem Maul.
Die Krämpfe weiten sich vom Kopf auf den ganzen Körper aus, bis alle Muskeln bretthart sind. Krampfen jene Muskeln, die zum Stehen gebraucht werden, geht das Pferd in die sogenannte Sägebockhaltung: Es stellt die Beine weit auseinander und streckt den Kopf nach vorne und unten.
Später kann es Hals und Kopf nicht mehr senken, was Fressen vom Boden unmöglich macht. Der Dauerkrampf der Rückenmuskulatur führt nach einer Weile zum sogenannten Opisthotonus. Dabei drückt das Pferd die Wirbelsäule ins Hohlkreuz und biegt Kopf und Hals nach hinten.
Ein weiteres auffälliges Symptom ist der Nickhautvorfall. Die im inneren Augenwinkel sitzende Nickhaut überdeckt einen größeren Teil der Hornhaut als üblich. Bei leichtem Schlag gegen den Kopf oder auch bei Berührungen des Augapfels fällt die Nickhaut noch weiter vor.
Die Ohren sind im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit starr nach vorne gerichtet. Vor allem Fohlen strecken häufig den Schweif gerade vom Körper weg. Sie bekommen Schweißausbrüche, der Puls steigt über die üblichen 30 bis 44 Schläge pro Minute. Sie atmen rasch und flach.
Tollwut
Anfangs ist das infizierte Pferd schreckhaft und unruhig. Die Bisswunde, durch die Tollwutviren ins Pferd gelangen, juckt. Deshalb scheuert, leckt oder benagt es die Wunde, die meist an Maul, Nüstern oder Vorderbeinen sitzt. Manche Pferde scharren, stampfen und peitschen mit dem Schweif. Die Unruhe steigert sich langsam zur rasenden Wut: Das Pferd tobt in der Box und schlägt gegen die Wände. Selten beißt oder schlägt es Menschen oder andere Pferde.
„Das klassische Erregungsstadium gleicht aber eher dem Stadium der sogenannten Stillen Wut“, sagt Professor Peter Thein, Virologe und Pferdefachtierarzt an der Universität München. Solche Pferde sind nicht aggressiv, sondern apathisch und liegen viel.
Nach der Wut-Phase ändern sich Körperhaltung und Verhalten: Die Pferde sind erschöpft und schwitzen. Sie verweigern Wasser und Futter. Stattdessen versuchen sie, Holz, Pferdeäpfel und andere ungewöhnliche Stoffe zu fressen. In diesem Stadium kann Tollwut leicht mit Kolik verwechselt werden: Die Pferde stöhnen und wälzen sich. Sie stehen breitbeinig und wollen äpfeln oder urinieren, schaffen es aber nicht. Bei diesen Krampfanfällen, die meist nur kurz dauern, zucken die Kau- und Atemmuskeln.
Kauen und Schlucken schmerzen. Deshalb tropfen Speichel und Futterreste aus Maul und Nüstern. Häufig wiehert das Pferd heiser. Es hält seinen Kopf schief, wenn Gesichtsnerven gelähmt sind. Einige Pferde erblinden. Das tollwutkranke Pferd hat Fieber (höher als die normale Temperatur von 37,5 bis 38,3 Grad).
Manche Hengste schachten den Schlauch aus; Stuten spritzen wie in der Rosse Urin. „Die Pferde zeigen Orientierungs- und Koordinierungsstörungen sowie eine fortschreitende Lähmung der Hinterhand“, beschreibt Professor Thein das Endstadium der Krankheit. Puls und Atmung sind hoch, das Pferd schwankt und bricht zusammen.
„Erfahrungsgemäß wird Tollwut erst in einem sehr späten Stadium erkannt oder falsch diagnostiziert“, sagt der Virologe. Weil ihre Symptome mit vielen Krankheiten verwechselt werden können, kommen tollwutinfizierte Pferde mit unterschiedlichsten Diagnosen in die Kliniken – etwa Verdacht auf Kolik, Rehe, Tetanus, Vergiftung oder Schlundverstopfung.
Weil das Virus am lebenden Pferd nicht nachweisbar ist, müssen andere Erkrankungen, zum Beispiel Störungen des zentralen Nervensystems, spinale Ataxien, Bornasche Krankheit, Herpes und andere Viruserkrankungen
systematisch ausgeschlossen werden.
Nach dem Tod des Pferds untersucht ein Labor das Gehirn, um das Tollwutvirus sicher zu diagnostizieren. Dafür gibt es mehrere Testverfahren. Beim Immunfluoreszenztest wird das Antigen des Tollwutvirus’ mit einem Farbstoff markiert. Es ist damit unter UV-Licht sichtbar. Vom Virus veränderte Nervenzellen im Gehirn (Negri-Körperchen) lassen sich an Gewebeschnitten unterm Elektronenmikroskop bestimmen. Die modernste Methode ist der Nachweis des typischen Virusproteins mit spezifischen Antikörpern am Gehirnschnitt.
Beim Inokulationstest spritzt man Mäusen aufgeschwemmte Gehirnzellen des tollwutverdächtigten Pferds. Waren diese Zellen infiziert, werden die Hinterbeine der Mäuse in den folgenden 20 Tagen gelähmt.
Tränen-Nasen-Kanal-Blockade
Jeder Lidschlag benetzt die Hornhaut im Auge, damit sie nicht austrocknet. Dazu produzieren die Tränendrüsen 20 bis 30 Milliliter wässrigen Film pro Minute, der am Rand des oberen Augenlids aus dem Tränensack tropft. Er sammelt sich im inneren Augenwinkel, ehe ihn der Lidschlag gleichmäßig über die Hornhaut verteilt.
Überschüssige Tränenflüssigkeit sickert in den unteren Tränensack, dessen Öffnung wie ein dunkel gefärbtes Pünktchen vorne unter dem Augapfel liegt. Von dort fließt sie durch den rund 25 Zentimeter langen Tränennasenkanal in die Nasenhöhle. Dieses Abflussrohr ist eine dünne Schleimhaut, die von einer knöchernden Rinne umschlossen wird. Es kann leicht verstopfen, und dann läuft die Tränenflüssigkeit nicht mehr ab.
„Ein bis zwei Tröpfchen im inneren Augenwinkel sind normal. Wenn es heiß, staubig oder sehr trocken ist, können es auch mehr sein“, sagt Augenspezialist Professor Hartmut Gerhards, Leiter der Klinik für Pferde an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Ist der Kanal verstopft, tränen die Augen dagegen andauernd. Manchmal tropft es nur aus einem Auge, wenn die Tränenflüssigkeit nicht richtig abfließt.
Durch den ständigen Tränenfluss (Epiphora) ist die Haut unter dem inneren Augenwinkel feucht und verkrustet. Entzündet sich der Tränennasenkanal, wölbt sich manchmal der Oberkiefer, oder das Nasenbein schwillt an. Einige Pferde reiben ständig den Kopf, weil sie das Gefühl eines Fremdkörpers am Auge haben.
Ob das Tränenleitsystem vom Auge zur Nase verstopft ist, prüft der Tierarzt, indem er Fluoreszein ins Auge träufelt. „Der grünliche Farbstoff ist im Normalfall in 30 Sekunden in den Nüstern angekommen“, sagt Professor Gerhards.
Untersuchen Tierärzte den Kanal von der Nase her, sedieren sie das Pferd gewöhnlich. In die rundliche Öffnung in der Nasenscheidewand (wo die pigmentierte in die unpigmentierte Schleimhaut übergeht) führen sie eine Knopfkanüle oder einen elastischen Katheter ein und pressen mit Druck eine körperwarme Spülflüssigkeit, etwa Natriumchlorid- oder Kaliumpermanganatlösung, in den Tränengang. Sind Tränennasenkanal, Tränensäcke und Tränenpünktchen frei, spritzt ein kleiner Strahl der Spülflüssigkeit aus den Tränenpünktchen des jeweiligen Auges.
Gelingt die Spülung nicht, steckt der Tierarzt unter Narkose einen feinen Nylonkatheter durch einen Tränenpunkt mindestens bis in den Tränensack und spritzt Kontrastmittel in den Kanal. Auf dem Röntgenbild kann man dann erkennen, ob und wo der Kanal verstopft ist.
Weiterführende Informationen zu Ursachen, Risikopatienten, Verlauf, Folgeerscheinungen, Behandlung und Prävention dieser Krankheiten finden Sie im großen CAVALLO-Medizin-Kompendium.



