Streit um Verlauf der Abstimmung zur FEI-Medikationsliste

Wie kann es sein, dass europäische Reitnationen für eine Medikationsliste stimmen, die in den betreffenden Ländern gegen Tierschutzbestimmungen verstößt? CAVALLO hat recheriert und Dr. Dennis Peiler, Pressesprecher der FN, dazu befragt.

Petition im Netz - Ihre Unterschrift gegen die gegen die Medikamentenfreigabe der FEI

Auf Nachfrage von CAVALLO bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) hatten die Mitglieder der FEI-Jahresversammlung seit 20. Oktober 2009 die sogenannte „Current List“ vorliegen. Sie besteht aus drei Teilen: einer Verbotsliste mit Stoffen, die ein Pferd weder im Wettkampf zu noch zu therapeutischen Zwecken in der wettkampffreien Zeit bekommen darf. Teil zwei ist eine Medikationsliste. Sie enthält zur Therapie Substanzen, mit denen einen Pferd in der wettkampffreien Zeit behandelt werden darf. Beim Turnier muss das Pferd jedoch frei von wirksamen Substanzen sein. Der dritte Teil enthält erlaubte Substanzen wie unterstützende Präparate. Über diese Liste sollte am 19. November 2009 abgestimmt werden.

Am 13. November 2009 brachte die FEI die „Progressive List“ in Umlauf, die die Medikationsliste der „Current List“ ersetzen sollte. Die “Progressive List“ erlaubt den Einsatz bestimmter Stoffe bis zu einer bestimmten Obergrenze auch während des Wettkampfes. Darunter beispielsweise Laktanase und Phenylbutazon („Buta“). Die Folge dieser Praxis wäre, dass Pferde, die nicht „fit to compete“ sind, einfach wettkampftauglich fürs Turnier gemacht werden.

Aufgrund der Bekanntgabe der „Progressive List“ zwei Tage vor Beginn der FEI-Tagung am 15. November 2009 hätten viele Teilnehmer keine Zeit mehr gehabt, mit ihren eigenen Fachleuten abzustimmen. Stattdessen gab es am Abend des 18. November 2009 einen Workshop, bei dem beide Listen diskutiert wurden. An diesem Workshop nahm ungefähr die Hälfte der FEI-Mitglieder teil. Sie lehnten die „Progressive List“ eindeutig ab.

Bei der Abstimmung am 19. November 2009 gingen jedoch offenbar viele der beim Workshop abwesenden FEI-Mitglieder wohl von der unveränderten „Current List“ aus. Die FN und andere Verbände haben versucht, eine Abstimmung zu Gunsten der mit der „Progressive List“ modifizierten „Current List“ zu verhindern, scheiterten aber mit 53 zu 48 Stimmen. Die Liste soll am 1.1.2010 in Kraft treten.

Die FN lehnt die „Progressive List“ ab. „Sie entspricht nicht unseren ethischen Auffassungen, konterkariert Bemühungen um einen sauberen Sport und widerspricht dem FN-Reglement. Das sieht die Null-Toleranz-Lösung vor, das heißt: Während des Wettkampfes muss das Pferd frei von wirksamen Substanzen sein“, erklärt FN-Pressesprecher Dr. Dennis Peiler gegenüber CAVALLO.

Zudem verstoße die Praxis, kranke Pferde mit unerlaubten Mitteln für einen Wettbewerb einsatzfähig zu machen, gegen die nationale Tierschutzgesetzgebung. Das treffe auch für Frankreich, die Schweiz, Schweden, Dänemark und Norwegen zu.

Fraglich ist auch, wie sich das neue FEI-Reglement auf internationale FEI-Turnier in Deutschland auswirkt. „Welche rechtlichen Konsequenzen hätte es für einen ausländischen Reiter, der sein Pferd nach FEI-Regeln behandelt, wenn er beispielsweise beim CHIO in Aachen startet? Mit welchen Konsequenzen müsste der Turnierveranstalter rechnen? Wir prüfen diese und andere Fragen derzeit“, so FN-Justiziar Dr. Joachim Wann.

Klar ist jedoch, dass deutsche Reiter aus internationalen FEI-Turnieren im Ausland im Nachteil wären. FN-Präsident Breido Graf zu Rantzau stellte daher bereits die Teilnahme der deutschen Equipe an den Weltreiterspielen 2010 in Kentucky in Frage. Er kündigte zugleich an, dass die FN alles unternehmen werde, dass die „Progressive List“ in Deutschland nicht in Kraft treten werde.

Gleichwohl suche die FN mit Hochdruck nach einer gemeinsamen Lösung mit der FEI, wie FN-Pressesprecher Dennis Peiler betonte. Sollte dies nicht gelingen, wäre einer Spaltung des Weltverbandes möglich. FN-Präsident Graf zu Rantzau hält die Umwandlung des European Equestrian Forum (EEF) in einen eigenen europäischen Verband für möglich. Dem EEF gehören derzeit 40 europäische Mitgliedsverbände an.

FEI gibt Doping frei - zur Diskussion im CAVALLO-Forum

25.11.2009
Autor: John Patrick Mikisch
© CAVALLO