Bettina Hoy: "Wir fragen uns ständig, was wir unseren Pferden und uns zumuten können"

Kaum eine Disziplin ist so faszinierend wie die Vielseitigkeit. Und kaum eine ist so riskant. Wird Pferden und Reitern zu viel abverlangt? CAVALLO hat Bettina Hoy, Einzel-Europameisterin sowie Mannschafts-Weltmeisterin der Vielseitigkeit, dazu befragt.

CAVALLO: Ist das Coaching der Vielseitigkeitsreiter, die auf internationalem Niveau starten, ausreichend?

Bettina Hoy: Es gibt keine Reiternation auf der Welt, die so viel Wert auf eine korrekte und solide Grundausbildung legt wie die deutsche. Wir Kaderreiter haben ständig Zugang zu Topausbildern aller Reitsportdisziplinen, um uns weiterzubilden. Dieses Angebot wird auch von allen Reitern das ganze Jahr über regelmäßig genutzt.

Dazu kommen regelmäßige Kaderlehrgänge bei unseren Bundestrainern, die sich damit ein genaues Bild über den Trainings- und Leistungszustand jedes einzelnen Reiters und dessen Pferde machen können. Mitglieder der Perspektivgruppe Vielseitigkeit haben dieses Training noch intensiver und regelmäßiger, sie stehen also praktisch ganz Jahr unter qualifizierter und völlig ausreichender Betreuung. Hinzu kommt, dass wir mit nationalen aber auch international tätigen Unternehmen zusammenarbeiten, um die Sicherheitsstandards ständig zu verbessern. Sicherheitswesten und –helme werden strengen Tests unterzogen und müssen einer internationalen Norm entsprechen.

CAVALLO: Die Geländestrecke in Luhmühlen wurde im letzten, nun auch in diesem Jahr, als zu riskant kritisiert. Was ist Ihre Einschätzung? Müsste Vier-Sterne-Prüfungen weiter entschärft werden - und wenn ja wie?

Bettina Hoy: Die Vier-Sterne-Geländestrecke beim CCI in Luhmühlen wurde in diesem Jahr von allen Reitern und Experten als fair und angemessen eingestuft. Der Aufbau stellte klare Fragen an Pferd und Reiter - ohne zu überfordern! Ich persönlich fand die Strecke wie von mir erwartet vor und genau passend für die Erfahrung und den Ausbildungsstand meines 10-jährigen Pferdes Designer, der dort das erste Mal in einer Vier-Sterne-Prüfung gestartet ist.

Grundsätzlich gilt: Alle Reiter und Pferde müssen sich über einen langen Weg für Prüfungen auf dem höchsten Vier-Sterne-Niveau qualifizieren. Besonders jüngere Reiter haben sogar noch einen längeren Qualifikationsweg als erfahrene Reiter wie Andreas Dibowski, Dirk Schrade oder auch ich. Jeder Reiter wird von der FEI, unserem internationalen Verband, kategorisiert, je nach Anzahl der Platzierungen im Drei- und Vier-Sterne-Bereich in den vergangenen 8 (!) Jahren. Ich könnte ein Pferd schneller durchqualifizieren als ein noch junger Reiter, der noch nicht so lange auf dem Topniveau unterwegs ist.

Wie konsequent dies gehandhabt wird belegt auch ein anderes Beispiel: Ex-Weltmeister Blyth Tait und auch Doppel-Olympiasieger Mark Todd mussten wieder mit Ein-Sterne-Prüfungen anfangen, da sie sich nach mehr jähriger Pause entschlossen hatten, wieder in den Vielseitigkeitssport zurückzukehren und die hatten das Reiten weiß Gott nicht verlernt. Aber so streng ist das Reglement, um Überforderungen eben gar nicht erst aufkommen zu lassen. Wenn man dies berücksichtigt, relativieren sich etwaige Kritiken an der Beschaffenheit von Geländestrecken für Viersterne Prüfungen. Der tragische und für uns alle immer noch unfassbare Unfall von Benjamin Winter ist in meinen Augen keine Folge eines zu riskanten Parcours.

CAVALLO: Erleben wir, dass die Pferde den Leistungsanforderungen gewachsen sind – durch eine erfolgreiche, leistungsbezogene Zucht – und die Reiter ihre Pferde in manchen Situationen nicht ausreichend unterstützen können?

Bettina Hoy: Unsere Zucht in Deutschland ist hervorragend, was sich auch darin zeigt, dass sehr viele ausländische Nationen in allen Sparten des Reitsports auf in Deutschland gezogene Pferde vertrauen.
Durch unser gutes Ausbildungssystem, was ja schon im Reitverein beginnt, wird jedem Reiter das beigebracht, wie er sein Pferd sinnvoll unterstützen muss, um bei Ihrer Wortwahl zu bleiben.

Es wird uns quasi schon mit in die Wiege gelegt und je weiter sich ein Reiter entwickelt und Richtung Hochleistungssport bewegt, umso so feiner und präziser wird diese Kommunikation zwischen Reiter und Pferd. Genau das perfekte Zusammenwirken von Reiter und Pferd ist doch die Faszination unseres Sports und genauso die Grundvoraussetzung.

CAVALLO: Die Vielseitigkeit unterstreicht Leistungsfähigkeit, den Willen der Pferde, aber auch das Vertrauen in ihre Reiter – sollte man in der Liebe zur Kreatur Pferd die Anforderungen auf den Geländestrecken auf EM,-WM,- oder Olympia-Niveau, aber auch auf dem unteren Niveau nicht doch überdenken? Wird nicht doch zu spektakulär gebaut, zu viel gefordert?

Bettina Hoy: Die Anforderungen auf Geländestrecken müssen – wie in allen anderen Bereichen auch – so bemessen sein, dass sie fordern aber nicht überfordern. Hinzu kommt, dass – wie in vielen anderen Sportarten auch – der Focus zusätzlich auf der Sicherheit für solide ausgebildete Pferde und Reiter liegen muss. Wir haben weltweit außerordentlich gute Course-Designer, die gleichzeitig auch Topausbilder sind, wie Rüdiger Schwarz, Mark Phillips, Derek die Grazia, um nur drei zu nennen. Gerade diese Aufbauer haben durch ihre Trainertätigkeit ein gutes Gefühl, wie Reiter und Pferd ein bestimmtes Hindernis lesen und somit auch die Aufgabenstellung verstehen und als Konsequenz daraus das Hindernis entsprechend anreiten. Wie in jedem anderen Bereich kann und muss man sich weiterentwickeln, beraten und auch kontrollieren lassen.

Kein Course Designer entscheidet allein über die Hindernisse, denn jedem steht ein sogenannter technischer Delegierter zur Seite, der überprüft, ob alles regelkonform ist. In letzter Instanz nimmt die Richtergruppe eine Strecke ab und kann zu jedem Zeitpunkt Änderungen vornehmen.

Wir fragen uns ständig, was wir unseren Pferden und uns zumuten können und wollen und wie wir uns perfekt vorbereiten können. Ich möchte dies am Beispiel Luhmühlen verdeutlichen: Präsidentin der Jury in Luhmühlen war Gillian Rolton, Doppel Olympiasiegerin mit dem australischen Team und eine sehr erfahrene Reiterin und Trainerin in unserem Sport.

Wir Reiter wissen ziemlich genau, was uns erwartet, und bereiten uns sehr intensiv und konzentriert auf jede Prüfung mit unseren Trainern und Teamkollegen vor. Nur wenige Tage vor dem Turnier in Luhmühlen fand am DOKR in Warendorf ein Kaderlehrgang für die deutschen Reiter unter der Leitung von Chris Bartle und Hans Melzer statt. Ich empfand den Aufbau in Luhmühlen nicht zu spektakulär, sondern voll im Rahmen meiner Erwartungen.

Das gilt auch für jede EM, WM und Olympische Spiele, denn der jeweilige Course-Designer ist lange im Voraus bekannt und man versucht in der Vorbereitung andere Prüfungen, bei denen der entsprechende Designer auch baut, zu reiten, um optimal vorbereitet zu sein. Einige deutsche Reiter, wie Andreas Dibowski, Kai Steffen Meier und auch ich, sind im letzten Jahr in Pau/FRA an den Start gegangen, weil dort der WM Course-Designer Pierre Michelet aufbaut. Jeder Designer hat eine eigene Handschrift, die bekannt ist, so kann man vergleichbare Hindernisfolgen üben. Auch in vorbereitenden Prüfungen auf das jeweilige Championat kommt dieses Wissen zum Einsatz, so hat Mark Phillips Sprung 18 a,b im Viersterne CCI so konzipiert, da er davon ausgeht, dass es eine ähnliche Wasserkombination in Haras du Pin geben wird. Dies alles führt dazu, dass in meinen Augen nicht zu spektakulär gebaut wird oder Reiter und Pferd überfordert sind.

Die Verantwortlichen und die Vielseitigkeitsreiter selbst sind ständig bemüht, den Sport weiter zu entwickeln und Risiken zu minimieren. Aus diesem Grund hat die Familie des verunglückten Reiters Benjamin Winter ein Spendenkonto eingerichtet. Das Geld soll dafür verwendet werden, noch mehr Sicherheit im Vielseitigkeitssport zu erzielen.

Spendenkonto:
Sparkasse Münsterland-Ost BLZ: 400 501 50 Konto: 28795

Fotostrecke: Marbach 2014: CIC-3-Sterne-Geländestrecke - Fotos

58 Bilder
Internationale Marbacher Vielseitigkeit 2014 Foto: Diana Maier
Internationale Marbacher Vielseitigkeit 2014 Foto: Diana Maier
Internationale Marbacher Vielseitigkeit 2014 Foto: Diana Maier

Fotostrecke: Fotostrecke: Michael Jung beim CHIO 2011

8 Bilder
CAVALLO Michael Jung Vielseitigkeit Foto: Michaela Mertens
CAVALLO Michael Jung Vielseitigkeit Foto: Michaela Mertens
CAVALLO Michael Jung Vielseitigkeit Foto: Michaela Mertens
15.07.2014
Autor: Redaktion CAVALLO/ Diana Maier
© CAVALLO
Ausgabe 8 / 2014 /2014