Boxenhaltung und Rollkur: Urteil mit Folgen für alle

rollendes Pferd
Foto: Rädlein
Einzelhaltung in Boxen, keine freie Bewegung, blutiger Sporeneinsatz und Rollkurreiten: Das Amtsgericht Starnberg verurteilte eine Reiterin von drei Pferden zu einer hohen Geldstrafe.

 

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Foto: Wolschendorf Wer sein Pferd ohne Auslauf in der Box hält, macht sich strafbar.

So wie sie ihre drei Pferde ritt und hielt, verstieß die 44-Jährige demnach gegen das Tierschutzgesetz. Sie muss 180 Tagessätze à 150 Euro zahlen. „Ein hartes Urteil“, kommentiert Pferderechtsexperte Gerd Sickinger das Urteil kurz nach Bekanntwerden. „Ab 90 Tagessätzen gilt man als vorbestraft. Sollte das Urteil Bestand haben, müssen sich einige Reiter in Deutschland warm anziehen.“

Denn im Kern geht es darum, ab wann einem Pferd durch Reitweise und Haltung Leiden zugefügt werden. „Das ist beim Reiten immer eine Einzelfallentscheidung. Nicht jeder, der sein Pferd kurzfristig hinter der Senkrechten reitet oder mit Sporen treibt, ist gleich ein Tierquäler“, sagt der Jurist.

Anders sieht es bei der Pferdehaltung aus. Die Frau hatte ihre Pferde mehrere Jahre stets in der Einzelbox gehalten. Raus ging es nur zum täglichen Training für zirka eine Stunde. Frei bewegen konnten sich die Tiere nicht; sie hatten keinen Paddock- oder Koppelgang, da die Besitzerin Verletzungen fürchtete. Das Gericht bewertete die fehlende natürliche Bewegung sowie den mangelnden Kontakt zu anderen Pferden als Verstoß gegen das Tierschutzgesetz. Es bezieht sich dabei in wesentlichen Punkten auf die Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten - siehe auch unter www.cavallo.de/leitlinien.

Mit einem Bein im Knast:

„Das Urteil hat daher Signalwirkung“, schätzt Rechtsanwalt Sickinger. „Dann stünden nicht nur viele Reiter mit einem Bein im Knast.“ Viele Ställe hätten auch gar nicht genug Flächen, um allen Pferden ausreichend Auslauf zu garantieren. „Nach dem Maßstab dieses Urteils wären 50 Prozent aller Pferdehaltungen in Deutschland tierschutzwidrig, optimistisch geschätzt “, sagt Dr. Dietrich Plewa.

Der Pferderechtsanwalt ist der Verteidiger der verurteilten Pferdehalterin und malt die Zukunft des Reitsports in düstersten Farben aus: „Diese Auflagen können nur wenige erfüllen. Wenn das Wirklichkeit wird, ist das Pferd als Freizeitpartner in Deutschland erledigt.“ Dietrich Plewa hat für seine Mandantin Berufung gegen das Urteil eingelegt wie auch die Staatsanwaltschaft. Sie hatte ein auf vier Jahre befristetes Tierhalteverbot gefordert. Dem folgte das Gericht nicht. CAVALLO wird den Fall weiter verfolgen.

Dieser Artikel plus dem Kommentar "Rollkur + Box = strafbar" erscheinen in der Mai-Ausgabe von CAVALLO - Hier klicken und im Online-Shop bestellen!

 

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Foto: Rädlein „Das Pferd als Freizeitpartner wäre dann erledigt“ Pferderechtsanwalt Dr. Dietrich Plewa verteidigt die 44-jährige Angeklagte.

Für manche Ställe das Aus

Wie sich strengere Haltungsvorschriften auswirken, kann man demnächst in der Schweiz beobachten. Deren Tierschutzverordnung verlangt ab 2013, dass sogenannte ungenutzte Pferde wie etwa Fohlen, Mutterstuten und Jungpferde täglich für mindestens zwei Stunden Auslauf bekommen. Alle anderen Pferde müssen täglich angemessen bewegt werden. „Egal ob geritten, gefahren, auf dem Laufband oder in der Führanlage“, erklärt Iris Bachmann vom Schweizerischen Nationalgestüt (SNG) in Avenches. „Aber auch solche Pferde müssen sich zwei Mal die Woche mindestens zwei Stunden frei bewegen können.“ Der Halter muss alles in einem Auslaufjournal dokumentieren. Für manche Ställe das Aus Für das SNG mit seinen 80 Hengsten eine echte Herausforderung: „Bei uns kümmert sich ein Mitarbeiter den ganzen Tag darum, einen Hengst nach dem anderen für ein paar Stunden auf den Paddock zu bringen“, erzählt Iris Bachmann. Sie ist sich sicher, dass nicht jeder Betrieb ausreichend Fläche dafür haben wird: „Ich rechne mit einigen freiwilligen oder erzwungenen Schließungen stadtnaher Betriebe."

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19.04.2012
Autor: Redaktion CAVALLO
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Ausgabe 05/2012