Angst ist eine Frage der Vorbereitung - Interview mit Thies Böttcher

Thies Böttcher, 38, reitet seit 1993. Der ­studierte Ingenieur und Pferdetrainer aus Börnsen bei Hamburg lernte unter anderem bei Alfonso Aguilar, Mike Bridges, Leslie Desmond sowie Michael Geitner. Böttcher hat sich auf Horsemanship und Dual-Aktivierung spezialisiert.

Welches Ihrer Pferde war am schwierigsten?
Die 11jährige Hannoveranerstute, mit der ich zurzeit arbeite. Sie wird fast ausschließlich als Zuchtstute genutzt. Ihre Ausbildung war nach dem Anreiten vorbei. Sie hat es sich angewöhnt, in jeder ihr unangenehmen Situation zu steigen und sich teils loszureißen. Ihr Problem: Sie lässt sich schlecht führen, drängelt und zieht am Führstrick. Verladen ist reine Glückssache. Sie klebt und ist sehr schreckhaft. Den Begriff „schwierig“ benutze ich allerdings nur unter Vorbehalt. Schwierig wird es immer, wenn man keinen Zugang zum Problem findet oder nicht bereit ist, an einer Stelle anzufangen, die auch fürs Pferd in Ordnung ist.

Was machten Sie mit dem Pferd?
Zuerst haben wir der Stute Basics beigebracht. Das Steigen ist verschwunden, denn ein Pferd, das auf Kommando losläuft, kann nicht steigen. Auch Drängeln und Zerren am Strick unterlässt sie mittlerweile, da sie gelernt hat, nachzugeben und Abstand zu halten. Durch die klaren Anweisungen ist sie deutlich sicherer geworden. Das Geheimnis liegt darin, nichts zu unterbinden, sondern Verhalten beizubringen, welches Unarten unmöglich macht. So kann man mit dem Pferd arbeiten.

Was wurde aus dem Pferd?
Grundlegende Unarten hat sie vollständig aufgegeben, und sie kann sich deutlich beser konzentrieren. Momentan arbeiten wir am mangelnden Körperbewusstsein, und danach geht es an das Hängerproblem. Ohne diese Vorbereitung wäre das ein hoffnungsloses Unterfangen und nur gegen das Pferd durchsetzbar.

Gab es Situationen, in denen Sie Angst hatten?
Angst signalisiert Gefahr und zeigt, dass etwas aus dem Ruder läuft. Sie ist also sehr wichtig. Da wir an Punkten ansetzten, die fürs Pferd in Ordnung waren, gab es es keine brenzligen Situationen. Steigen an einem fünf Meter langen Strick ist nicht gefährlich, wenn man das Pferd losschicken kann und genug Abstand hält. Mit 1-Meter-Strick ist das eine ganz andere Sache: Wenn man da nicht loslässt, riskiert man einen Tritt. Angst ist auch eine Frage der Vorbereitung auf eine Situation.

18.09.2008
© CAVALLO
Ausgabe 03/2008