CAVALLO-Mistgabel geht an die japanische Rennvereinigung NAR

CAVALLO Galopprennen
Foto: Ana Springfeldt
Exotik und Brutalität liegen im Sport mit­unter nahe beieinander. So auch in Japan: Beim Sumo-Ringen etwa versuchen stark übergewichtige Männer in XXXL-Tangas, ihre Gegner aus einem Kreis zu drängen.

 

Foto: Foto: youtube ; Illustration: Per Juel Erschöpft fällt das Ban‘Ei-Pferd auf die Vorderbeine.

Auch beim Ban‘ei Keiba haben die Athleten ein paar Pfunde mehr auf den Rippen. Dabei handelt es sich um Rennen für schwere Kaltblüter, die sogenannten Ban‘Ei. Statt einen Jockey zu tragen, müssen die Pferde einen mit Gewichten beschwerten, bemannten Schlitten um die Wette ziehen. Zusammen mit dem Fahrer können diese Gefährte je nach Klasse bis zu einer Tonne wiegen. Die Rennstrecke ist eine 200 Meter lange Sandbahn mit zwei hohen Bodenwellen. Die erste misst einen Meter, die zweite sogar 1,70 Meter. Das Gewicht ist so hoch, dass sich die Pferde nur im Schritt über die Bahn quälen können.

Seit 1946 gibt es diese Rennen auf der nordjapanischen Insel ­Hokkaido. Ursprünglich hatten einmal Bauern solche Wettbewerbe veranstaltet. Sie wollten damit zeigen, wie zugstark ihre Ban‘Ei-Pferde waren, die sie aus einheimischen und europäischen Kaltblutrassen wie Percherons oder Bretonen kreuzten. Daraus entwickelte sich im wettverrückten Japan nach dem Zweiten Weltkrieg eine eigene, ­blühende Rennsportindustrie. Sie steht unter Aufsicht der Nationalen Rennvereinigung NAR – sie betreute zum Beispiel im Jahr 2008 mehr als 1700 Rennen auf der letzten noch verbliebenen Ban‘Ei-Rennbahn in Obihiro auf Hokkaido. Das sind knapp neun Prozent aller ­überhaupt in Japan veranstalteten Rennen. Wir finden: Null Prozent wären deutlich besser.

Denn die als „langsamste Pferderennen der Welt“ beworbenen Veranstaltungen sind nicht einfach nur eine weitere Merkwürdigkeit in einem aus europäischem Blickwinkel an Kuriositäten reichen Land. Sie sind auch keineswegs „Fun for All“, also Spaß für alle, wie ein Slogan der Region Hokkaido behauptet: Ban‘Ei-Rennen sind Tierquälerei. Die Beweise hierfür finden sich nur einen Mausklick entfernt: Das Internet ist voll von Rennvideos – und die meisten davon sind nicht besonders schön anzusehen.

Schon auf der ersten Bodenwelle geht einigen Tieren die Puste aus. Spätestens auf der zweiten Erhebung sind auch die restlichen Pferde mit ihrer Kraft am Ende. Um dennoch eine Chance auf den Sieg herauszuschinden, greifen die häufig wie Jockeys gekleideten Fahrer zu rabiaten Mitteln: Manche schlagen mit den Fahrleinen auf ihre Tiere ein, um sie anzutreiben. Bleibt ein Pferd kraftlos stehen, wird gerne auch mal brutal an den Leinen gerissen, um das Tier wieder zum Antreten zu bewegen. Das klappt nicht immer, wie ein Video – Standbild siehe oben – verrät www.cavallo.de/banei.

Der Rappe, der die Nummer sieben trägt, knickt mit den Vorderbeinen ein. Zwar schafft es der Fahrer, sein Pferd nach 30 Sekunden durch Reißen am Gebiss zum Aufstehen zu bewegen. Allerdings bricht das Tier sofort wieder zusammen. Erst mit der Unterstützung eines Helfers kommt es erneut auf die Beine. Ähnlich ergeht es den Pferden mit den Nummern acht und vier. Wie und ob diese Teilnehmer ins Ziel kommen, verrät das Video nicht. Dafür winkt am Ende des Clips ein verkleidetes Pferdemaskottchen fröhlich ins Bild. Wir finden das, ehrlich gesagt, übel und vergeben deshalb die Mistgabel in diesem Monat an die japanische Rennvereinigung NAR – verbunden mit der dringenden Aufforderung, diesen tierquälerischen Mist einzustellen.

23.06.2010
Autor: Redaktion CAVALLO
© CAVALLO
Ausgabe 05/2010