Senioren: Können Pferde Alzheimer bekommen?

Die US-Biomechanikerin und Dressur-Ausbilderin Dr. Nancy Nicholson ist davon überzeugt, dass Pferde vergleichbare Alzheimer-Symptome entwickeln wie Menschen.

Die US-amerikanische Biomechanikerin und Dressur-Ausbilderin Dr. Nancy Nicholson ist davon überzeugt, dass sie dem Hirnzellenschwund vergleichbare Symptome entwickeln – auch wenn die Ursachen möglicherweise andere sind als bei der menschlichen Alzheimer-Erkrankung. Sie erlebte, wie ihr 16jähriger Wallach Rio Sereno von Tag zu Tag vergesslicher und in sich gekehrter wurde. Der Mix aus Rheinländer Warmblut und kanadischem Hunter, ausgebildet bis Intermediaire-Niveau, baute so stark ab, dass er mit 19 Jahren eingeschläfert werden musste.

Fieberhaft suchte Nicholson, die an der Universität in Oxford/Ohio lehrt, mit Hilfe zweier Tierärzte und einer Klinik nach dem Grund, warum Rio so sonderlich wurde: Er zeigte nur noch einen Gesichtsausdruck, und der war leer, teilnahmslos, ohne jede Neugierde.

„Sogar mein 31jähriger Württemberger sah dagegen aus wie ein Junger, war aktiv und sozial, lernte gern Neues, etwa Piaffen ohne jede Ausrüstung, nur auf Handzeichen.“ Rio wurde dagegen zunehmend desinteressierter und misstrauischer. „Er war unsicher zu reiten, weil er sich nicht lange genug daran erinnern konnte, dass ein Reiter auf ihm saß, der nicht vom Himmel gefallen war.“

Der Wallach hatte ein schlechtes Kurzzeitgedächtnis, konnte nichts Neues lernen, beispielsweise
Freiheitsdressur, und sich an nichts erinnern, was unmittelbar zuvor geübt wurde. Bei der Handarbeit am langen oder kurzen Zügel geriet er in Panik. „Peitsche war tabu. Ich musste ihn buchstäblich in meine Arme nehmen und mit der Hand sanft die Muskeln berühren, die er für eine
Bewegung brauchte. So konnte er sogar noch am Tag vor seinem Tod piaffieren.“

Als es ihm schlechter ging, blieb Rio im größten Sturm einfach draußen stehen, statt mit den anderen Pferden Unterschlupf zu suchen. Er musste sogar an Fressen und Trinken erinnert werden, kein Futter schien ihm zu schmecken. Also blieb Nancy Nicholson neben ihm stehen, legte ihm den Arm um den Hals und überredete ihn, Zusatzfutter und Heu zu fressen. „Eine Stunde Grasen an der Hand schafften wir grade so. Aber sogar beim Gras war er wählerisch, jeden Tag suchte er sich andere Sorten.“

Als Rio beim Gehen auf dem Paddock zunehmend die Balance verlor, entschloss sich Nicholson, ihn töten zu lassen: „Wir sahen, dass er bald nicht mehr stehen können würde. Er schaffte es nur noch, eine halbe Stunde am Stück zu grasen, dann drohte er umzufallen.“

Die Untersuchungen der Tierärzte, eine Leberbiopsie und schließlich die Obduktion ergaben, dass Rio an einer Autoimmunerkrankung der Leber litt. Im Gehirn fand man überall Alzheimer-Typ-II-Zellen: Das sind geschwollene Hirnzellen (Asterozyten) in Folge einer Leberkrankheit (Hepatische Enzephalopathie), bei der sich giftiges Ammonium in Körper und Gehirn sammelt. Wegen der Auto-Immunerkrankung, bei der das Immunsystem den eigenen Körper angreift, waren fast alle inneren Organe geschädigt.

„Warum er diese Krankheit bekam, werden wir nie erfahren. Die Ursachen sind Medizinern noch unbekannt“, sagt Nancy Nicholson. „Aber ich bin sicher, dass dadurch auch die Gehirnfunktionen gestört wurden, was seine Alzheimer-Symptome erklären würde.“

17.10.2014
Autor: Redaktion CAVALLO
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