Sie sind hier: › Startseite › News › Prozess gegen Christine W.: Zeugen unter Beschuss
Prozess gegen Christine W.: Zeugen unter Beschuss
24.11.2008 von Redaktion CAVALLO
In Kiel begann vor dem Landgericht der Prozess gegen Christine W. Die ehemalige Grand-Prix-Reiterin muss sich in 15 Fällen wegen Tierquälerei verantworten.
Diskutieren Sie im Forum! Ist das Urteil gegen Christine W. ausreichend?
Der erste Prozesstag gegen Christine W. vor der Siebten Kammer des Schwurgerichts in Kiel stand im Zeichen der Überprüfung der Glaubwürdigkeit der ersten beiden Zeugen. Die Angeklagte wollte sich auf Rat ihrer beiden Anwälte aus Kronshagen bei Kiel und aus Berlin zu den Vorwürfen nicht äußern. Unberührt von den Aussagen und Fragen, so schien es, fast reglos nahm sie alles hin. Leicht gebräunt, dezentes Make-up, Haarspray, kariertes Jackett und roter Rollkragenpullover, Ohrringe. Nur hin und wieder vorsichtige Versuche, dem Verteidiger leise Einwände zuzuflüstern.
Ungewöhnlich das Aufgebot der Polizei bei Prozessbeginn, als Christine Sophie Anke Auguste W. das Gebäude durch den Eingang betreten muss, durch den sonst schwere Jungs zur Anklagebank geführt werden. Vorgeworfen wird ihr Tierquälerei, Misshandlung von Wirbeltieren in fünfzehn Fällen.
Vor rund 25 Zuschauern im zweiten Stock des Gerichtsgebäudes, plus eben dieser Zahl an Pressevertretern lehnten die Richter zu Beginn die Anträge der Verteidiger ab, den Film mit dem belastenden Material nicht zu zeigen aus Sorge visueller Beeinflussung von Zeugen und Publikum. Die Aufnahmen aus dem Jahr 2007 leisteten einen erheblichen Beitrag zur Aufklärung des Falles. Nur so kann die Angeklagte juristisch zur Rechenschaft gezogen werden. Das Gericht sah deshalb das Persönlichkeitsrecht der Angeklagten als weniger wichtig an als das Ziel der Strafverfolgung ihrer krimineller Handlungen. Einwände, der Film sei im privaten Bereich gemacht worden, folgte das Gericht nicht. Es handele sich hier nicht um Intimbereiche privater Natur, sondern um einsehbares Gelände auf einer Reitanlage. Einem Antrag auf Überprüfung des Filmmaterials auf Manipulationen erteilte die Jury der Verteidigung gleichfalls eine Absage: Das könne später noch erfolgen. Einem Befangenheitsantrag gegen die Sachverständigen Thies Kaspareit aus Warendorf und Professor Dr. Stadler aus Hannover wurde nicht stattgegeben.
Eine Stunde lang war auf der Leinwand zu sehen, wie Christine W. im Jahr 2007 mit den ihr anvertrauten Pferden umgeht, was sie unter Dressurtraining versteht. Inklusive Unterbrechungen für Fragen durch Richter, Anwälte und Staatsanwaltschaft sowie die Sachverständigen. Auf dem Zeugenstuhl der junge Mann, der als Pferdepfleger in Norderstedt auf der Anlage arbeitete und bereitwillig erklärt hatte, diese Aufnahmen gemacht zu haben. Er filmte verdeckt, ohne das Wissen der Angeklagten. Der Vorsitzende Richter war sich der Tatsache durchaus bewusst, wie hier gefilmt wurde und dass damit durchaus ein Straftatbestand bestehen mag, ließ dem Zeugen allerdings Spielraum. Für einige Juristen ist Reiterjargon schließlich auch neues Terrain.
Während sich weniger fachkundigen Zuschauern beim Anblick der Bilder noch nicht das Ausmaß und das Leid für die Pferde erschlossen haben mag, regte sich im Publikum doch vereinzelter Widerstand, es gab Murren und Getuschel. Grundlagen der Fragen waren am ersten Prozesstag nicht die neuesten Verfehlungen in Dänemark, sondern Ereignisse aus den Jahren 2006 und 2007 in Norderstedt auf einer Reitanlage. Nach so langer Zeit war das Erinnerungsvermögen des ersten Zeugen, Patrick D. aus Norderstedt, nicht lückenlos und so sah sich der Pferdepfleger schnell einer Art Inquisition gegenüber.
Patrick D. war zu Beginn der Verhandlung sichtlich verunsichert. Er hatte das belastende Material gefilmt. Doch im Verlauf der Befragung wurde er zunehmend sicherer. „Ich wollte einfach, dass das mal aufhört“, erklärte der 25 Jährige schließlich seine Motive.
Von Drohungen seitens der Angeklagten sprach der junge Mann, durch die er sich aber nicht davon abbringen ließ, diesem Umgang mit Pferden ein Ende bereiten zu wollen. Den Anhörungsbogen von der Polizei hatte Patrick D. nicht selbst ausgefüllt, sondern seine Chefin, „ weil meine Handschrift nicht so besonders gut zu lesen ist“, verteidigte er sich. Nach dreieinhalb Stunden der Befragung wurde der erste Zeuge unvereidigt entlassen.
Enger wurde es dann für die zweite Zeugin, Ilske S. Nach sechs Stunden Verhandlung musste sie doch noch ihre Aussagen machen. Wiederholt mühte sich die Verteidigung, auch diese Zeugin zu diskreditieren und sie zu einem Geständnis zu verleiten, wer denn nun Auftraggeber war für die Aufnahmen und ob nicht doch noch weitere Zeugen benannt werden können.
Im Film waren immerhin an die zehn Personen zu sehen, die sich offenbar nicht zu einer Aussage entschlossen hatten, manche hatten dem Treiben auf dem Dressurviereck nicht einen Blick geschenkt. Nach der Belehrung des Richters, dass sie sich mit ihrer Aussage belasten könne, wurde die Zeugin vorsichtiger bei der Befragung durch beide Verteidiger und den Staatsanwalt hinsichtlich Urheberschaft und Motiven für den Auftrag, Christine W. zu filmen. „Dr. Blobel hat mir dazu geraten“, erklärte Ilske S., die sich beim Beauftragten für Tierschutzbelange aus Ahrensburg informiert hatte, was sie gegen die Zustände auf der Reitanlage tun könne.
Vehement richtete sich das Augenmerk bei der Befragung auf drei Elemente: Warum hat niemand direkt das Gespräch mit Christine W. gesucht und sie von ihrem Verhalten abzubringen? „Es sah nicht so aus, als hätte sich damit was ändern lassen“, war Ilske S. bemüht zu erklären, warum ihr Engagement für Pferde lange ins Leere lief. Sehr wichtig wird die Frage in den weiteren sechs Prozesstagen sein, wer denn nun den Auftrag für die Filmaufnahmen erteilt hat und ob sich die Zeugen im Fall Christine W. untereinander abgesprochen haben. Patrick D. hatte dazu erklärt, er habe das, was er selbst gefilmt hatte, nach den Aufnahmen im Mai 2007 erst wieder im Fernsehen und in einer Fachzeitschrift zu Gesicht bekommen. Ilske S. musste erinnert werden, dass ihre Aussagen im Anhörungsbogen der Polizei ausführlicher gewesen seien, präziser gar. Da war von Alkoholmissbrauch der Christine W. die Rede, von Veränderungen in der Persönlichkeit, von Ausflügen mit Pferden in den Wald und Striemen mit denen die Pferde zurückkehrten.
Klar erkennbar war die Strategie der Verteidiger von Christine W., durch die Art der Zeugenbefragung Anker zu setzen sowie das Einlegen von Rechtsmitteln im Falle einer möglichen Verurteilung ihrer Mandantin. Im Publikum hielt es manchen Zuhörer nur mit Mühe ruhig auf dem Stuhl, wurde doch deutlich, wie stark in solchen Verfahren die Zeugen unter Beschuss genommen werden, nicht aber die Angeklagte. Zwei weitere geladene Zeuginnen konnten wegen der fortgeschrittenen Zeit am ersten Tag nicht mehr gehört werden. Das Verfahren wird fortgesetzt. Cavallo berichtet weiter.
Katharina Sophie Ahrens
24.11.2008
© CAVALLO
Autor: Redaktion CAVALLO
Jetzt am Kiosk
Die neueste Ausgabe mit spannenden Themen jetzt am Kiosk.
mehr »
Hier bestellen »
Abo und Prämien:
Alle Infos hier »





