Erste Hilfe für Pferde: So können Reiter im Notfall helfen

Atmung, Nüstern - Normwerte prüfen

Tierärzte geben Tipps: Welche Gesundheitsprobleme des Pferds dürfen Reiter selbst behandeln? Und welche Hausmittel sind riskant?

 

CAVALLO Pferdefachtierarzt Dr. Christian Bingold
Foto: Lisa Rädlein Um die Atemfrequenz zu messen, beobachten Sie am besten die Bewegung der Flanken.

Wo messen Sie: an den Nüstern (Nüsternbewegung beobachten falls sichtbar; Atemstrom aus den Nüstern spüren falls fühlbar). Besser: Beobachten Sie Flanken- beziehungsweise Rippenbewegung. Stehen Sie dabei auf Höhe der Hinterhand. Schwieriger: mit dem Stethoskop abhören, und zwar Mitte der Luftröhre an der Halsunterseite.

Wie: Zählen Sie die Atemfrequenz, nehmen Sie den Takt auf und zählen weiter. Dann schauen Sie auf die Uhr und beginnen, im vorgegebenen Takt neu zu zählen; dabei Kontrollblick aufs Pferd. Die Frequenzzählung funktioniert wie beim Herzschlag (15 Sekunden zählen und Werte mit 4 multiplizieren).

Normwerte: erwachsene Pferde in Ruhe 8 bis 12 Züge pro Minute, bei großer Hitze bis 16 Züge/min (neugeborene Fohlen 60 bis 80 Züge/min; in den ersten Lebenswochen 20 bis 40 Züge/min).
bei leichter Arbeit des Pferds: bis zu 30 Züge/min (Verhältnis von Puls zu Atmung ist 2 zu 1).
bei mittlerer Arbeit des Pferds: bis zu 70 Züge/min (Verhältnis Puls/Atmung ist 1 zu 1).
bei schwerer Arbeit des Pferds: bis zu 80 Züge/min (Verhältnis Puls/Atmung ist 1 zu 1,5).

Weiteres: Bei Aufregung können die Werte ansteigen, unregelmäßig und irreführend sein.

Anzeichen für Überanstrengung: deutlich über 120 Züge/min oder 40 Züge/min noch 30 Minuten nach Ende der Belastung. Klares Zeichen für Überanstrengung: 160 Züge/min bei halb so hoher Herzfrequenz von etwa 80 (Verhältnis Puls/Atmung 1 zu 2) bei oder unmittelbar nach Belastung.

Achtung: Die Herzfrequenz sollte eine halbe Stunde nach Ende der Belastung höher sein als die Atemfrequenz. Liegt die Atemfrequenz dann noch bei über 40 Zügen pro Minute und die Herzfrequenz unter 40, ist dies ein Alarmsignal.

Art der Atmung: Ruhig, entspannt, unscheinbar, keine geweiteten Nüstern (evnt. ist die Atmung dann schwer zu erkennen): normale Ruheatmung.
Pumpend-angestrengt: kann Signal für Schmerz sein. Flach-hechelnd: evnt. Signal für Schock oder Überanstrengung. „Dampfrinne“ (Rinne unterhalb des Rippenbogens bis zur Flanke durch starke Anspannung der Muskulatur): Signal für Atemnot.

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CAVALLO Pferdefachtierarzt Dr. Christian Bingold
Foto: Lisa Rädlein

Kreislauf in Ordnung?

Wo messen Sie: am Zahnfleisch des Unter- oder Oberkiefers.

Wie: Kapillarfüllungszeit bestimmen und Farbe/Aussehen der Schleimhäute beurteilen.

Kapillarfüllungszeit: mit der Fingerkuppe 1 bis 2 Sekunden relativ fest auf das Zahnfleisch des Unterkiefers unterhalb der Schneidezähne drücken. Das Blut wird aus der Schleimhaut gedrückt, weshalb die Druckstelle weiß wird. Finger wegnehmen und beobachten, wie lange es dauert, bis das Zahnfleisch an der Druckstelle wieder die gleiche Farbe hat wie vorher beziehungsweise die Umgebung.

Werte: Die Kapillarfüllungszeit sollte unter 2 Sekunden liegen (das signalisiert guten Blutdruck und guten Kreislaufzustand).

Wichtig: Liegt die Füllzeit über 2 Sekunden, kann dies auf einen schlechten Kreislauf hinweisen; liegt sie über 3 Sekunden, ist dies ein Hinweis auf ein ernstzunehmendes Problem. Bei einer Kapillarfüllungszeit von über 4 Sekunden und mehr besteht fürs Pferd Lebensgefahr.

Farbe und Aussehen der Schleimhäute:
Wo messen Sie: am besten am Zahnfleisch des Pferds. Mögliche Alternative: Schleimhaut in den Nüstern (mit den Fingern etwas auseinanderziehen) oder Augen prüfen (Lider spreizen, mit Daumen und Zeigefinger ober- und unterhalb des Augapfel drücken). Das ist aber schwieriger, weil das Pferd sich eher dagegen wehrt.

Aussehen rosarot, glatt und etwas feucht-glänzend: normal.

Bleich: schlechte Blutversorgung, etwa aufgrund von Schock oder Blutverlust beziehungsweise allgemein wegen eines schlechten Kreislaufs.

Gerötet: kann zum Beispiel bei einer Reizung, Entzündung oder hohem Fieber auftreten.

Bläulich oder deutlich dunkel verfärbt: Das kann ein Alarm-signal für starke Sauerstoffunterversorgung oder fortgeschrittenen Schock sein. Weitere Möglichkeiten sind Kreislaufversagen und Dehydrierung (Flüssigkeitsunterversorgung).

Achtung: Sind die Schleimhäute bläulich oder dunkel verfärbt und liegt die Herzfrequenz über 100 Schlägen pro Minute, ist der Zustand des Pferds lebensbedrohlich.

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CAVALLO Medical Training Tierarzt Pferdemedizin Foto: Lisa Rädlein
CAVALLO Medical Training Tierarzt Pferdemedizin Foto: Lisa Rädlein
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CAVALLO Kinesio Tape Pferd tapen Foto: Lisa Rädlein
CAVALLO Kinesio Tape Pferd tapen Foto: Lisa Rädlein
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02.05.2016
Autor: Cavallo
© CAVALLO
Ausgabe 08/2009