Osteopathie für Pferde

Die wichtigsten Regeln der Therapie

Wir zeigen, wie Experten renommierter Osteopathie-Schulen zugreifen - damit Sie die passende Therapie für Pferde finden.

 

CAVALLO Barbara Welter-Böller
Foto: Udo Schönewald Barbara Welter-Böller beobachtet das Pferd, während sie das Genick behandelt.

Welter-Böller: 1. Ich will die Compliance des Pferds, also ein kooperatives Verhalten. Tut die Behandlung weh, wird es mit Abwehr reagieren. Bevor mobilisiert wird, muss also der Schmerz weg, zum Beispiel über Elektrotherapie. 2. Der Osteopath stößt den Selbstheilungsimpuls an und muss dem Pferd Zeit geben, sich zu regulieren. 3. Lieber einmal mehr kommen, als alles auf einmal zu wollen. Das Pferd soll merken, der Therapeut meint es gut mit mir.

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CAVALLO Barbara Welter-Böller
Foto: Udo Schönewald Beatrix Schulte Wien mobilisiert das Kiefergelenk durch gezielten Druck.

TAO Equilibre: 1. Immer mit, nie gegen das Pferd. 2. Wir handeln nach dem Grundsatz von Respekt, Liebe und Mitgefühl.

DIPO: 1. Alles, was wir machen, dient der Durchblutungsförderung und damit dem Zellstoffwechsel. Osteopathie verstehen wir als Zell-Regulations-Therapie. Alle Zellen im Körper müssen sich bewegen können, damit sie neben dem Stoffwechsel auch die Nervenimpulse richtig verwerten können. 2. Wir arbeiten vom Gelenk zum Muskel, da das Skelett die tiefste Struktur ist. Struktur und Funktion beeinflussen sich wechselseitig.

 

CAVALLO Barbara Welter-Böller
Foto: Udo Schönewald Ilona Willebrand untersucht die Wirbelsäule. Das ist Standard bei jedem ihrer Patienten. Mit der Hand ertastet die Tierärztin mögliche Störungen.

Wie läuft die Untersuchung ab?

Welter-Böller: Ich frage zuerst, wie der Besitzer sein Pferd anspricht. Nennt er es „Zicke“ oder „Make my day“? Der Name oder Spitzname ist wichtig für die Beziehung zum Pferd. Ich erkundige mich, wie alt es ist, wie lange der Besitzer es hat, was er über die Vorgeschichte weiß und warum er sich für dieses Pferd entschieden hat. Ich schaue mir Haltung, Fütterung, Box und Weidegesellschaft an, frage nach dem Trainingsplan. Währenddessen beobachte ich, wie das Pferd auf neue Menschen reagiert und freue mich, wenn es mir aus Neugierde auf Menschen quasi den Befundbogen auffrisst. Dann frage ich, warum der Besitzer mich gerufen hat. Zu 90 Prozent geht es um Rittigkeitsprobleme. Lahmende Pferde oder solche mit unklaren Befunden an der Halswirbelsäule behandele ich nicht: Das muss erst vom Tierarzt abgeklärt werden.

Beim Pferd beurteilt man, wie es generell aussieht, wirkt es altersgemäß, wie sind Exterieur, Stellung, Muskulatur? Hat es Haut- oder Muskelverletzungen? Ich lasse es im Schritt vorführen, rückwärtsrichten und in einer Volte um mich herum laufen. Das Pferd wird ohne Ausrüstung in allen Gangarten longiert: Wie bewegt es sich ohne Reitereinfluss? Dann lässt man es vorreiten. Zeigt sich, dass das Problem beim Reiter liegt, kann ich ihm als Trainer Tipps geben. Sattel und Zaumzeug werden gecheckt.

Bei der Untersuchung fahre ich zuerst mit den Händen komplett übers Pferd, taste die Muskulatur ab, fühle bei Wallachen nach Kastrationsnarben. Dann werden alle Gelenke untersucht: Wie ist die Bewegungsqualität? Der Behandlungsplan richtet sich nach dem Befund. Bei Zahn- und Genick problemen muss man wiederkommen, wenn die Zähne bearbeitet wurden. Bei Beckenschiefstand durch einen geblähten Blinddarm ist die Fütterung umzustellen. Je nach Fall gebe ich Tipps für die Bodenarbeit und das Training unterm Sattel – oder empfehle dem Reiter, sich selbst osteopathisch behandeln zu lassen. Kleine Restriktionen in Gelenken kann man sofort beheben. Selbst dann ist aber nicht gleich alles okay. Ich warte stets 14 Tage, in denen sich das Pferd selbst ausbalancieren soll. Sind Probleme über einen längeren Zeitraum entstanden, muss man sie längerfristig rückabwickeln.

 

CAVALLO Barbara Welter-Böller
Foto: Udo Schönewald Barbara Welter-Böller streichelt Stute Maya zur Begrüßung. Das Pferd soll merken, dass sie es gut mit ihm meint. Die Stute schließt entspannt die Augen.

TAO Equilibre: Am Anfang steht eine Untersuchung in Bewegung: Wie weit können sich alle Strukturen bewegen? Dazu reicht in der Regel das Vorführen im Schritt und Trab an der Hand. Bei Lahmheit lassen wir das Pferd auf unterschiedlichen Böden vorführen und, falls nötig, auch unterm Sattel. Wir tasten das Pferd ab und hören uns den Vorbericht des Besitzers an. Dann verschaffen wir uns einen Überblick über das parietale System (Muskulatur, Skelett, Faszien, Gefäße, Lymphbahnen), das viszerale (Eingeweide mit Aufhängungen und neurologischen Verschaltungen bis hinein in Kopf und Kreuzbein, Blut- und Lymphgefäßversorgung) sowie das cranio-sacrale System (Kopf, Gehirn, Rückenmark, Rückenmarkshäute, Gehirn- und Rücken marks flüssigkeit). Die Vitalität des cranialen rhythmischen Impulses prüft man meist im Bereich des Kopfs und des Kreuzbeins. Eine neuere Entwicklung ist die fluide Osteopathie, die wir ebenfalls nutzen: Sie beschäftigt sich mit verschiedensten Rhythmen im Körper und energetischen Verknüpfungen, ähnlich wie man sie in der Akupunktur findet.

Die Systeme werden nun detaillierter untersucht, wobei je nach Fall gewichtet wird. Ein Pferd mit Bronchitis untersuche ich anders als eines mit Knieproblemen. Die Untersuchung der Wirbelsäule ist jedoch immer dabei. Als Tierärzte untersuchen wir alle anatomischen Systeme, aber auch Hufbeschlag, Zähne und Sattel. Man fokussiert den Bereich, der für den speziellen Fall wichtig ist. Im Blick haben muss man zudem die Pferd-Reiter-Interaktion: Ein Reiter mit schiefem Kreuzdarmbeingelenk kann nie symmetrisch einwirken. Sitzt der Reiter schief, kann das Pferd nicht gerade gehen.

In der Therapie konzentrieren wir uns nicht nur auf Gelenkflächen, um etwaige Blockaden zu lösen, sondern arbeiten mit den Wechselwirkungen zwischen allen Strukturen. Ursache-Folge-Ketten werden entlang der verschiedenen Verknüpfungen der Gewebe miteinander nachvollzogen: Denn Symptome können sich weit entfernt vom eigentlichen Ursprung zeigen. So kann ein blockiertes Genick seine Ursache in einer gestressten Leber haben. Dann kann ich das Genick fünf Mal behandeln, es wird immer wieder blockieren. Ich muss also die Leber behandeln, dann löst sich das Problem im Genick oft von ganz allein.

Wenn erkennbar ist, dass das Tier kein osteopathisches Problem hat, sondern Strukturen wie etwa Sehnen geschädigt sind, muss man in die Schulmedizin wechseln.

 

CAVALLO Barbara Welter-Böller
Foto: Udo Schönewald Mit geschlossenen Augen steht Ilona Willebrand dicht hinterm Pferd und legt ihre Hände auf die Hüfthöcker. Sie drückt dabei nicht, sondern horcht konzentriert ins Pferd hinein.

DIPO: Wir fragen nach der Vorgeschichte des Pferds, Erkrankungen, Unfällen und Problemen, die der Reiter sieht. Dann lässt man das Pferd auf hartem Untergrund im Schritt und Trab am Halfter vorführen, um die Fußung zu beurteilen, die Bewegung der Beine, der Kruppe und des Schweifs. Ist zum Beispiel die Kruppenmuskulatur verspannt, trägt das Pferd den Schweif schief. Beim ersten Termin muss der Therapeut den Reiter nicht unbedingt auf dem Pferd sehen.

Untersuchung und Behandlung finden in möglichst ruhiger Umgebung auf rutschfestem Untergrund statt, etwa einem Longierzirkel. Zum Start begrüßt man das Tier freundlich. Dann prüfen wir die Gelenke nach festem Schema: Wir beginnen am linken Vorderbein am Hufgelenk und arbeiten uns hoch zum Schulterblatt; dann ist das rechte Vorderbein an der Reihe. Am Hinterbein beginnt man am linken Hufgelenk und hoch bis zum Kreuzbein, anschließend rechts hinten. Unterschiede in der Bewegungsqualität zwischen links und rechts sind ein osteopathischer Befund. So ist etwa die Beweglichkeit der Schulter eingeschränkt, wenn man nur auf einer Seite das Vorderbein bis zum Hinterhuf ziehen kann. Wenn wir eine Bewegung mehr als einmal versuchen und sich das Bewegungsausmaß dabei vergrößert, ist das schon Therapie.

Nach den Gliedmaßen kontrollieren wir das Kreuzdarmbeingelenk und die Beweglichkeit der Lenden- und Brustwirbelsäule. Dann geht‘s an den Kopf mit Hinterhauptsbein, 1. und 2. Halswirbel sowie die restlichen Halswirbel. Danach kontrollieren wir Kiefergelenk sowie Zungenbein und, soweit möglich, die Zähne.

Nun prüfen und behandeln wir Muskeln, Faszien sowie Weichteile. Beim Griff in die Brustmuskeln im Bereich der Gurtlage muss das Pferd zum Beispiel in der Lage sein, den Rücken aufzuwölben. Zum Schluss kommt der Schweifzug. Das ist eine schöne Übung, die der Besitzer nachmachen kann. Man schlägt sich das Schweifende um die Hand und lehnt sich vorsichtig nach hinten. Der Zug wird so lange ausgeführt, bis das Pferd den Hals fallenlässt und seinen Kopf senkt.

Das Pferd soll nach der Untersuchung frei laufen. Wenn man blockierte Gelenke mobilisiert hat, muss der Körper die neuen Bewegungsmuster erst lernen. Der Besitzer bekommt einen Behandlungsbogen mit Übungen fürs Pferd, deren korrekte Ausführung wir uns gleich zeigen lassen. Sattel und Zaumzeug werden kontrolliert. Das Training bis zur Nachbehandlung richtet sich nach den Befunden.

Fotostrecke: Pferdemedizin: Osteoporose beim Pferd

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Pferde reiten Reitsport CAVALLO Foto: VetSuisse Zürich
Pferde reiten Reitsport CAVALLO Foto: Privat
Pferde reiten Reitsport CAVALLO Foto: VetSuisse Zürich

04.05.2016
Autor: Cavallo
© CAVALLO
Ausgabe 07/2012