Hinter den Kulissen der Firma Heel

Heilen mit Heel

Foto: Tom Hartig Hinter den Kulissen der Firma Heel

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Die biologischen Arzneimittel der Firma Heel sind weder Schulmedizin noch reine Homöopathie. Ein Blick hinter die Kulissen.

Der Doktor hatte eine verrückte Vision: Er wollte eine Brücke bauen zwischen Homöopathie und Schulmedizin. Vor mehr als 75 Jahren zimmerte Dr. Hans-Heinrich Reckeweg das Gerüst des verwegenen medizinischen Konstrukts – die Firma Heel. Aus der „Brücke“ ist inzwischen „integrative Medizin“ geworden, der moderne Begriff fürs Zusammenspiel aus Schul- und Naturmedizin. Was hat es auf sich mit der trauten Zweisamkeit dieses streitigen Paars, und wie profitieren die vierbeinigen Patienten? Begleiten Sie uns zum Hausbesuch bei Heel.

Der Kopf der Firma grüßt gleich im Foyer als Bronze-Büste: Hohe Stirn, nach hinten gekämmtes Haar, gerade Nase, kleiner Schnäuzer – wirkt distinguiert, der Herr Dr. Reckeweg. Der Humanmediziner war 31 Jahre alt, als er 1936 die Firma Heel gründete. Der Name ist übrigens das Kürzel des lateinischen „Helix est ex luce“ – die Heilpflanze bezieht ihre Kraft aus dem Sonnenlicht. Aus natürlichen Inhaltsstoffen entwickelte der Arzt und Homöopath schon in den ersten Jahren einige „Klassiker“ wie Traumeel bei Blutergüssen & Co. oder Engystol für die Abwehrkräfte.

Die Naturmedizin wird millionenfach abgefüllt

Ein paar aktuelle Zahlen gefällig? Inzwischen sind rund 700 Heel-Medikamente für Mensch und Tier in über 50 Ländern erhältlich. Fast 1400 Mitarbeiter arbeiten für das pharmazeutische Unternehmen, etwa 900 davon am Hauptstandort in Baden-Baden. Allein bis zu 90 Millionen Ampullen mit biologischen Arzneimitteln werden pro Jahr produziert, verpackt und in alle Welt versandt.

Wie die Mittel hergestellt werden, ist eine Wissenschaft für sich – geregelt nach den Vorgaben des Europäischen Arzneibuchs. „Jeder Schritt des Herstellungsprozesses – von der Ernte der Ausgangsstoffe bis zum fertigen Arzneimittel, das unser Unternehmen verlässt – wird durchgehend überwacht und durch ein System strenger Tests, Prüfungen und Kontrollen dokumentiert“, heißt es seitens der Firma. „Damit stellen wir höchste Qualität in der Produktion unserer Arzneimittel sicher.“ Das wollen wir uns genauer anschauen. Doch so einfach geht das nicht.

Erstmal Hände desinfizieren, Schutzhaube übers Haar, Kittel über die Kleidung und Überschuhe anziehen – Hygiene wie im OP. Obwohl wir die ersten Bereiche der Produktion nur durch Glas betrachten: Im Reinraum, wo die verschiedenen Injektionslösungen hergestellt werden, haben nur ausgewählte Mitarbeiter Zutritt; Make-up oder Schmuck sind tabu.

Ein Monitoring-System überwacht die sterilen Bedingungen, damit sich keine Keime in Mittel einschleichen können, die Mensch oder Tier gespritzt werden. Die Glasampullen werden vor dem Befüllen aufgeschmolzen, danach zugeschmolzen und in einem Druckbehälter (Autoklav) sterilisiert. Mit der Vorstellung einer leicht angestaubten Kräuterküche, in der Naturarznei zusammengebraut wird, hat die Realität nichts zu tun. Pharmazeutischen Standards sei Dank. Geheimnisvoll ist allerdings das, was in den Phiolen landet.

Die Rezepturen sind streng geheim und stark verdünnt

Die Rezepturen von Traumeel, Zeel und Co. sind Betriebsgeheimnisse – allesamt entwickelt von Dr. Reckeweg. Und allesamt sind sie aus mehreren natürlichen Wirkstoffen zusammengesetzt – während klassische Homöopathen eher mit Einzelmitteln arbeiten. Die Stoffe werden potenziert, wie es im Fachjargon heißt, also verdünnt – und zwar zum Teil nicht zu knapp.

Dieses Verdünnen soll ihre Wirkung erhöhen. Die Heel-Kombinationspräparate sollen so den natürlichen Konzentrationen im Organismus entsprechen. Denn Hormone, Enzyme oder Botenstoffe agieren hier ebenfalls nur in winzigsten Mengen – bis hin zu Konzentrationen von ein paar Billionstel Gramm; ein solches Picogramm hat 12 (!) Nullen hinterm Komma. Doch was können derartige Winzlinge bewirken?

Dr. Reckeweg hatte da eine sehr konkrete Vorstellung, die er „Homotoxikologie“ nannte. Grob gesagt sind Krankheiten danach ein Ausdruck dafür, dass der Körper mit Giften kämpft und diese unschädlich machen will. Die Gifte (Homotoxine) können von außen kommen oder im Körper selbst entstehen. Die Heel-Präparate zielen darauf ab, dem Organismus bei diesem Entgiftungskampf zu helfen und die Selbstheilungskräfte anzuregen.

Und da Krankheiten wie Tintenfische ihre Arme ausstrecken und zahlreiche körperliche Prozesse berühren, greifen auch die Kombinationsmittel an verschiedenen Punkten an. Die Firma Heel bezeichnet dies als „Multitarget-Multicomponent-Prinzip“ – also an mehreren Stellen im Körper ansetzend (multitarget) mit spezifischen Vielstoffgemischen (multicomponent). So sollen sich auch komplexe Erkrankungen nebenwirkungsarm und entsprechend den natürlichen Prozessen im Körper behandeln lassen. Und zwar nachweisbar.

Die Wirksamkeit der Produkte mit wissenschaftlichen Fakten zu untermauern, war für Schulmediziner Reckeweg wichtig – und ist bis heute Unternehmensphilosophie, auch im Bereich der Pferdemedizin.

So bestätigt eine Studie, dass Traumeel als Begleittherapie bei der Kastration von Hengsten „eine gute naturheilkundliche Alternative“ zu NSAID ist, also nicht-steroidalen Entzündungshemmern. Probanden waren 45 Patienten der Pferdeklinik der LMU München. Die Pferde erhielten Phenylbutazon (NSAID) oder Traumeel, eine dritte Gruppe diente als Kontrolle.

Beide Medikamente reduzierten die Wundschwellung nach der Kastrationen sowie den Anstieg der Haut- und Körpertemperatur, also die Zeichen entzündlicher Prozesse. Traumeel wurde den Tieren dabei nur zweimal injiziert, kurz vor der OP und am Tag danach – ohne erkennbare Nebenwirkungen; Phenylbutazon gab’s zweimal täglich für vier Tage.

Auch bei Pferden mit akuten muskulären Hals- und/oder Rückenproblemen attestierten Tierärzte Traumeel ganz überwiegend eine sehr gute bis gute Wirksamkeit: Die Patienten reagierten vor der Behandlung insbesondere empfindlich auf Berührungen und hatten verhärtete Muskeln; mehr als die Hälfte der 135 Tiere lahmte.

Die Naturarznei half lahmen Pferden auf die Beine

Die Beschwerden reduzierten sich durch die Traumeel-Therapie bei allen Tieren deutlich. Symptomfrei waren die Pferde durchschnittlich nach 8,7 bis 10 Tagen. Nicht überraschend: Pferde, die schon länger als 14 Tage unter muskulären Problemen litten, waren später symptomfrei als Patienten mit kürzerer Krankengeschichte.

Und noch ein kurzer Blick auf schmerzende Gelenke: Veterinäre einer renommierten Tierklinik untersuchten die Wirkung des Heel-Präparats Zeel bei lahmenden Pferden mit nicht-infektiösen Gelenkerkrankungen. Das biologische Veterinärarzneimittel maß sich dabei mit einer schulmedizinischen Standardtherapie – einem Hyaluronsäure-Präparat. Ergebnis: „gleichwertige Wirkung, hervorragend verträglich, empfehlenswerte Behandlungs-Option“.

Traumeel, Zeel und Co. für Tiere, gekennzeichnet mit ad us. vet, sind übrigens nicht komplett identisch mit den Präparaten für Menschen – hier lässt sich Heel natürlich auch nicht näher in die Rezepturen schauen. Was wir zu sehen bekommen, ist die Verpackung. Ziemlich beeindruckend.

Gerade werden Zeel-Ampullen für den russischen humanmedizinischen Markt verpackt. Wobei „verpacken“ ein penibel überwachter Prozess unter pharmazeutischer Leitung ist – vom Kennzeichnen der Phiolen bis zur Beipackzettel-Kontrolle. Jede einzelne Ampulle wird etwa auf ihre Dichtigkeit untersucht – mittels Hochspannung, die bei einem Haarriss im Glas abfallen würde. 400 Ampullen pro Minute testet die Maschine!

Die Vision von Dr. Reckeweg ist Wirklichkeit geworden, diesen Eindruck hinterlässt der Hausbesuch bei Heel. Und die Erforschung seiner Naturmedizin geht weiter – ganz im Sinne des Mediziners.

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02.10.2017
Autor: Linda Krüger
© CAVALLO
Ausgabe 09/2017