Übersicht: 18 Pferde-Krankheiten, die Menschen befallen können

Zoonosen - das müssen Pferde-Freunde wissen

Krankheiten: So stecken Pferde ihre Menschen an
Foto: Rädlein
Diese Krankheiten können Pferde auf Menschen übertragen – von Borreliose über Druse bis zum Hautpilz. Dies sind die wichtigsten Infos über Zoonosen.

Die Wange an die Nüstern drücken, Hufe auskratzen, Futterreste aus Trog oder Tränke wischen: Der intensive Kontakt zum Pferd und allem, was dazugehört, ist für die meisten von uns alltäglich. Dabei kommen wir unweigerlich mit Haut, Haaren, Sekreten und Ausscheidungen in Berührung – und eventuell auch mit Krankheitserregern. „Ein gutes Immunsystem hält das aus“, denkt man sich, und liegt damit meistens richtig. Dennoch ist es gut, sich mit vom Pferd übertragbaren Krankheiten auszukennen – zum eigenen Schutz und zum Schutz des Pferds.

Weltweit gibt es rund 200 Zoonosen

So nennt man Krankheiten, die von Wirbeltieren auf Menschen und umgekehrt übertragen werden. Die Tiere können ebenfalls erkranken oder asymptomatisch, also ohne Symptome, infiziert sein. Erreger sind Viren, Bakterien, Pilze und Parasiten wie Einzeller oder Würmer. Ob Prionen, also infektiöse Eiweiße, Zoonosen verursachen können, wird noch erforscht.

Die Übertragungswege sind vielfältig

Of sind sie auch noch nicht final geklärt. Bakterien oder Viren können bei Kontakt mit der Haut, Ausscheidungen wie Kot oder Sekreten wie Speichel des betroffenen Tiers über Schleimhäute oder Wunden in die Blutbahn des neuen Wirts geraten. Einige Viren oder bakterielle Sporen werden eingeatmet (aerogene Übertragung), oder die Infektion erfolgt durch den Verzehr von befallenen tierischen Lebensmitteln, wie etwa bei Salmonellen. Manche Keime aus Ausscheidungen oder Sekreten nisten sich auf Gegenständen, in Wasser oder Erde ein – und vermehren sich dort sogar.

Ein spezieller Übertragungsweg sind Vektoren. Das sind vor allem blutsaugende Insekten wie Mücken und Zecken. Als Zwischenwirte erkranken sie selbst nicht. Beispiel für eine durch einen Vektor übertragbare Krankheit ist die Lyme-Borreliose: Die Borrelien haben ihr natürliches Reservoir in Wildtieren; über Zeckenbisse werden andere Tiere infiziert. Auch eine Übertragung vom Pferd über die Zecke auf den Menschen ist möglich.

Neben der Infektion über das Blut gibt es die mechanische oder passive Vektorübertragung. Hier sitzt der Erreger auf dem Vektor, der ihn per Kontaktinfektion weitergibt.

Die Zahl der Infektionen steigt

Die Gründe dafür sind vielfältig: In unserer hochmobilen Zeit kommen Keime aus anderen Ländern leichter zu uns und wir mit ihnen in Berührung, etwa durch den Import exotischer Tiere oder auf Fernreisen. Zudem spielt der Klimawandel eine Rolle: Mücken und Zecken sind aufgrund unserer milden Winter heute in größerer Zahl vorhanden.

Für Mediziner sind diese Keime eine riesige Herausforderung: Sie sind extrem vielfältig, und immer neue Erreger schaffen es, die Artengrenze vom Tier auf den Menschen zu überspringen. Manche Infektionen bleiben Einzelfälle; einige haben das Potenzial, länderübergreifende Pandemien auszulösen. Für die meisten Zoonosen gibt es zudem keine Impfung. Kein Wunder, dass viele Zoonosen meldepflichtig sind und Ärzte weltweit mit Hochdruck an der Erforschung dieser Krankheiten arbeiten.

Beim Putzen können Pilze und Parasiten des Pferds auf den Menschen übertragen werden

Pferde können rund 20 Krankheiten auf Menschen übertragen - von harmlos bis tödlich. Manche kommen weltweit vor, andere nur in bestimmten Ländern. Die gute Nachricht: In Deutschland ist das Risiko überschaubar. „Pferde übertragen weniger ansteckende Krankheiten auf den Menschen als Hunde oder Katzen“, sagt Prof. Dr. Heidrun Gehlen, Fachtierärztin für Pferde mit Schwerpunkt Innere Medizin an der Klinik für Pferde der Freien Universität Berlin. „Das liegt daran, dass der Kontakt zu Pferden nicht so intensiv ist wie zu Heimtieren, die im direkten Umfeld des Menschen leben. Zudem treten einige von Pferden übertragbare Krankheiten bei uns nicht mehr oder nur in Ausnahmefällen auf.“ Die Expertin rät dennoch zur gesunden Vorsicht – zu Hause wie auf Reisen. Hat man im Ausland mit Pferden zu tun, sollte man im Hinterkopf haben, welche Krankheiten dort relevant sein können. Eine Übersicht finden Sie in unserer Topliste.

Erkrankungen durch Parasiten und Pilze sind harmlos

So werden Würmer kaum vom Pferd auf den Menschen übertragen. „Für Würmer ist der Mensch als Endwirt in der Regel nicht geeignet“, sagt Professor Gehlen. „Zudem müsste man oral mit dem Kot befallener Pferde in Berührung kommen, was bei Erwachsenen sehr unwahrscheinlich ist.“ Selten sind auch die Kryptosporidiose, eine Durchfallerkrankung, die von Einzellern hervorgerufen wird, sowie die von Milben verursachte Sarkoptesräude.

Welche Viren attackieren Pferde und Menschen?

Von den vom Pferd übertragbaren Viruserkrankungen kommt in Deutschland hauptsächlich die Infektion mit Borna-Viren vor. Wie das Virus vom Pferd den Menschen infiziert, ist noch nicht endgültig geklärt. Borna-Infektionen beim Pferd lösen schwere Erkrankungen des Gehirns und des Nervensystems aus und können zum Tod führen.

Weitere Viruserkrankungen sind zum Beispiel das West-Nil-Fieber oder die Amerikanischen Pferdeenzephalomyelitiden, die Gehirn und Rückenmark angreifen und sich auf anderen Kontinenten bereits stark ausgebreitet haben. Bei uns sind diese Krankheiten derzeit (noch) nicht anzutreffen. Da sie meist von Mücken übertragen werden, ist bei Reisen in diese Länder auf einen guten Insektenschutz zu achten. Für Pferde gibt es inzwischen auch hierzulande Impfungen gegen das West-Nil-Virus.

Verschiedene bakterielle Infektionen können gefährlich werden

Das Spektrum reicht von der Leptospirose mit Augenleiden bis zur bekannten Atemwegsinfektion Druse. Frühzeitig erkannt, sind diese Erkrankungen gut behandelbar und Langzeitschäden eher selten. Dennoch gibt es vereinzelt tödliche Fälle. So starb 2016 eine 71-jährige Frau in Seattle, die sich bei ihrem Pferd mit dem Druse-Bakterium Streptococcus equi subsp. zooepidemicus infiziert hatte. Ungewöhnlich, aber eben möglich.

Extrem gefährlich sind der Milzbrand und die alte Pferdeseuche Rotz. Beide Erreger haben sogar das Potenzial zur Biowaffe. Zwar treten sie in Deutschland so gut wie nicht mehr auf, spielen aber in Asien und Südamerika noch eine große Rolle.

Intensiv geforscht wird aktuell zur Borreliose, gegen die es jetzt eine Impfung für Pferde gibt. Die Krankheit gibt Ärzten noch immer Rätsel auf: „Viele Pferde mit Symptomatik wie Lahmheiten haben zwar Antigene gegen Borrelien, die Bakterien selbst können jedoch nicht nachgewiesen werden“, sagt Prof. Gehlen.

Krankenhauskeime gewinnen an Brisanz

Und diese Erreger gibt es auch in Pferdekliniken. Zwei dieser Zoonosen sind besonders heikel: Multi-resistenter Staphylococcus aureus (MRSA) und Bakterien, die Enzyme bilden, welche die Wirksamkeit von Antibiotika mindern oder aufheben können (ESBL- bzw. Extended-Spectrum-Beta-Lactamasenbildende Bakterien). „Viele Menschen und Tiere tragen die Keime in sich, ohne dass sie Symptome verursachen“, erklärt Professor Gehlen. Problematisch werde es aber im Klinikbereich. Treffen die Erreger auf Wunden und ein geschwächtes Immunsystem, droht eine Infektion – und schlimmstenfalls eine Sepsis mit tödlichem Multiorganversagen.

Das Gefahrenpotenzial belegt eine aktuelle Studie an der Pferdeklinik der Freien Universität Berlin: „Wir haben Pferde bei ihrer Ersteinlieferung in die Klinik noch im Hänger auf resistente Keime untersucht und diese in 7% der Fälle in den Abstrichen von Haut und Nüstern gefunden“, berichtet Prof. Gehlen.

Wie hoch ist das Risiko, sich zu infizieren?

Lebensbedrohliche vom Pferd übertragbare Krankheiten sind hierzulande zum Glück sehr unwahrscheinlich. Wie bei allen Infektionen gibt es spezielle Risikopatienten: „Alte und sehr junge Menschen oder solche mit schwachem Immunsystem, etwa aufgrund einer Chemo- oder Cortisontherapie, erkranken leichter“, sagt Prof. Gehlen. Normale Hygiene wie Händewaschen und gesunder Menschenverstand im Umgang mit dem Tier helfen, das Infektionsrisiko zu mindern. Die beste Strategie zum Schutz ist jedoch, das Pferd gesund zu erhalten – und eventuell ansteckende Erkrankungen schnell zu erkennen und zu behandeln.

02.06.2017
Autor: Julia Baumann
© CAVALLO
Ausgabe 05/2017