Wenn Pferde schwitzen: Darauf müssen Reiter achten - Gesundes Schwitzen

Warum Pferde an welchen Stellen schwitzen

Foto: Rädlein
Wie stark ein Pferd beim Reiten schwitzt, hängt nicht nur von richtiger oder falscher Arbeit, sondern auch von seiner Kondition und Konstitution ab.

"Ein hektisches Pferd wird schneller
schwitzen als ein ausgeglichenes. Oft reichen da schon ein paar Runden im Schritt", erklärt Erik Schlaudraff, Richter für Dressur bis Klasse S aus dem hessischen Wartenberg. "Pferde schwitzen zwar zwischen den Hinterbeinen stärker, und dort bildet sich auch Schaum. Das liegt aber daran, dass an dieser Stelle die Muskeln aufeinanderreiben." Schaumkronen entstehen leicht bei Reibung und werden durch Glycoproteine im Schweiß verursacht.

Johannes Beck-Broichsitter von der Reitschule Johannenhof aus Heist/Schleswig-Holstein zieht die Schweißflecken höchstens auf den zweiten Blick zu Rate. "Wichtiger ist mir der Gesamteindruck des Pferds. Tritt es durch? Schwingt es im Rücken? Kaut es zufrieden?"

Trotzdem bleiben die Schweißflecken für ihn eine gute Kontrolle: "Ein Pferd schwitzt hauptsächlich dort, wo es gearbeitet hat. Arbeite ich mehr in Richtung Versammlung, schwitzt das Pferd vorwiegend an den Hinterbeinen. Arbeite ich mehr an der Nachgiebigkeit im Hals, schwitzt es eher dort."

Ist nach dem Reiten jedoch der Unterhals des Pferds verschwitzt, hat der Reiter die falschen Muskeln gearbeitet. "Das Pferd hat dann die Hinterhand nicht eingesetzt", erklärt Beck-Broichsitter.

Dabei schwitzen die Hinterbeine niemals zuerst: "Die meisten Pferde beginnen am Hals zu schwitzen sowie unter dem Sattel und am Gurt, da dort ein Wärmestau entsteht und der Körper kühlen muss", erklärt Tierarztin Dr. Julia Vietmeier aus Kalletal/Nordrhein-Westfalen. Pferde, die am ganzen Körper schwitzen, nutzen die komplette Körperoberfläche zur Verdunstung. Oft rinnt ihnen dabei der Schweiß in Bächen Kopf und Beine herunter.

"Pferde besitzen zwar eine relativ große Verdunstungsfläche, im Verhältnis zur Schweißproduktion ist sie dennoch relativ klein. Alles, was tropft, kann nicht zur Thermoregulation genutzt werden und hat keine Kühlwirkung", so Vietmeier.

Ein großer Irrtum ist, dass trainierte Pferde nicht schwitzen. "Trainierte Pferde schwitzen sogar schneller", weiß Isabelle von Neumann-Cosel. "Der Körper muss schließlich früh genug gekühlt werden." Bedenklich wird es, wenn das Pferd an bestimmten Stellen nicht oder sehr stark schwitzt. "Das sind sogenannte Dermatome. An dieser Stelle ist die Informations-Leitung der Nerven beeinträchtigt", beschreibt Julia Vietmeier. "Das Problem ist eine funktionelle Störung in der Wirbelsäule, die man chiropraktisch beheben kann."

Lebensbedrohlich wird Schwitzen für Pferde nur, wenn sie ihren Wasserhaushalt nicht auffüllen können. "Ist der Wasserverlust eines Pferds so groß, dass sie nicht mehr weiterschwitzen können, steigt die Körpertemperatur im Extremfall auf 42 bis 43 Grad. Es kommt zum gefährlichen Kreislaufkollaps", so Julia Vietmeier.

Verschiedene Schwitzmuster entstehen außerdem, weil die Schweißdrüsen unterschiedlich verteilt sind. Grundsätzlich sind sie an Primärhaarfollikel gekoppelt; wo also viele Primärhaarfollikel sind, befinden sich auch viele Schweißdrüsen.

An Hals, Brust, Schulter, Flanke und seitlich am Bauch sind die meisten Schweißdrüsen. Auch an Stirn und Kehlgang sind sie dicht gesät. Die
Schweißdrüsen am Mähnenkamm sind relativ groß, ebenso die Drüsen rund um den After, um das Ohr, um die Nüstern, um die Unterlippe und im Genitalbereich.

"Es gibt allerdings auch Rasseunterschiede beim Schwitzen", sagt Dr. Heike Kühn von der Pferdeklinik München-Riem. Robustrassen schwitzen eher wenig, sondern geben die Wärme über die Atmung ab, indem sie die Atemfrequenz steigern. Das beobachtete Dr. Heike Kühn bei einigen Pferden: "Robustpferde fingen bei Wärme in eher windstillen Boxen heftig an zu atmen, ähnlich wie ein hechelnder Hund, jedoch ohne dabei zu schwitzen." Wichtig für solche Pferdetypen ist Wind. "Der kühlt den Körper", erklärt sie. "Deswegen würde ich solchen Pferden auch nach dem Reiten keine Abschwitzdecke auflegen, da sie sonst noch mehr schwitzen."

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Abschwitzdecken Foto: Lisa Rädlein
Abschwitzdecken Foto: Lisa Rädlein
Abschwitzdecken Foto: Lisa Rädlein

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Abschwitzdecke Foto: CAVALLO
Abschwitzdecke Foto: CAVALLO
Abschwitzdecken Foto: Lisa Rädlein
30.09.2008
Autor: Kristina Glaser
© CAVALLO
Ausgabe 02/2008