Umstritten: Herpes-Impfung für Pferde?

Interview: "Not-Impfen bei Herpes nützt nichts"

CAVALLO Tierarzt
Foto: Rädlein
Nach tödlichen Herpesfällen bei Pferden sind viele Reiter verunsichert. Woran es beim Impfen krankt und was eine Herpes-Impfung bringt, erklärt Professor Peter Thein.

 

CAVALLO Herpes-Impfung
Foto: privat Herpes-Experte Prof. Dr. Dr. Peter Thein.

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CAVALLO: Nach den letzten Herpesfällen mit Lähmung bei den betroffenen Pferden in Baden- Württemberg wird in den Ställen wieder heftig diskutiert. Was bringt eigentlich eine Herpesimpfung?

Prof. Dr. Dr. Peter Thein: Keiner der derzeit verfügbaren Herpesimpfstoffe schützt Pferde davor, an einer der möglichen klinischen Formen der Infektion mit Equinen Herpesviren des Typs 1 und 4 zu erkranken. In konsequent durchgeimpften Pferdebeständen jedoch werden weniger Viren ausgeschieden als von nicht oder inkonsequent geimpften Pferden. Eine konsequente Impfung des gesamten Bestandes senkt also bestenfalls das Risiko einer Reaktivierung der latenten Infektion mit nachfolgender Virusausscheidung und möglicher Erkrankung.

CAVALLO: Welche Impfstoffe gibt es auf dem Markt?

Thein: Es gibt derzeit drei Impfstoffe auf dem Markt: Den Lebendimpfstoff Prevaccinol von Intervet (enthält biologisch abgeschwächtes, aber noch vermehrungsfähiges EHV1) und die beiden inaktivierten Impfstoffe Resequin NN plus von Intervet und Duvaxyn EHV1/4 der Firma Pfizer. Resequin NN plus ist ein Kombinationsimpfstoff gegen Herpes 1 und 4 und gegen Influenzaviren der Subtypen A1 und A2.

CAVALLO: Warum raten Sie vom Lebendimpfstoff ab?

Thein: Der Lebendimpfstoff Prevaccinol, der übrigens vor etwa 42 Jahren entwickelt wurde, sollte ursprünglich das Feldvirus aus der Impfpopulation verdrängen und den Virusabort verhindern. Keines dieser Ziele wurde je erreicht: Die Abortquoten konnten auch durch regelmäßige Bestandsimpfungen, wie beispeilsweise in der Vollblutzucht, nicht gesenkt werden. Es gibt Veröffentlichungen, die sogar von steigenden Abortquoten berichten, und auch bei gut geimpften Pferden besteht kein Schutz vor Neuinfektion. Außerdem gibt es experimentelle Untersuchungen, zum Beispiel auch aus Amerika, die dem dort eingesetzten vergleichbaren Produkt im Gegensatz zu Impfstoffen aus inaktiviertem EHV1 und EHV 4 seine Unwirksamkeit bescheinigen. Kurioserweise gibt der Hersteller dieses Impfstoffes in seiner Gebrauchsanweisung derzeit auch lediglich an, dass Prevaccinol - auf der Basis von EHV1 (Virusabort) bei sachgemäßem Einsatz nur die Symptome einer Atemwegserkrankung, wie sie EHV4 (Rhinopneumonitisvirus) verursacht, beeinflussen könne.

CAVALLO Symptom-Lexikon: Informationen zu Herpes-Erkranung beim Pferd

 

CAVALLO Herpes-Impfung
Foto: Rädlein Impfen ist wichtig.

CAVALLO: Gegen welche Art Herpesviren kann ich mein Pferd überhaupt schützen?

Thein: Zuverlässig schützen können Sie Ihr Pferd überhaupt nicht. Das kann keiner der momentan verfügbaren Impfstoffe. In bis zu 80 Prozent aller untersuchten Pferde schlummern EHV1 und EHV4 in latenter Form. Die geimpften Tiere scheiden, wie schon angeführt, lediglich weniger Viren aus als nicht geimpfte.

Das Risiko, an einer Herpesinfektion zu erkranken, wird durch kontinuierliche Impfungen des gesamten Bestandes bestenfalls gesenkt. Die durch Einsatz der im Markt befindlichen Impfstoffe im Pferd induzierten Antikörper können aber weder die Infektion noch die daraus resultierende mögliche Erkrankung individuell verhindern.

CAVALLO: Wie kann man vermeiden, dass eine Herpesinfektion mit einer Influenzainfektion verwechselt wird?

Thein: Das ist für den erfahrenen Kliniker sehr einfach. Die momentan weltweit kursierenden Influenzaviren des Subtyps A2 (H3/N8) verursachen in nicht geimpften Pferden nach kurzer Inkubationszeit eine hoch fieberhafte Atemwegserkrankung mit undulierendem Fieber bis zu 41 Grad Celsius bei gleichzeitigem Husten aus dem oberen und unteren Atemweg und begleitenden, zum Teil schweren Allgemeinsymptomen. Betroffen sind Pferde jeden Alters.

Im Vergleich dazu ist die gelegentliche und dann vorwiegend bei Absetzfohlen und Jährlingen nach EHV4- Infektion zu beobachtende Erkrankung nur der oberen Atemwege mit flachem, feuchtem Husten infolge Entzündung der Schleimhäute im Rachen- Kehlkopfbereich und Fieber selten über 39 Grad, als harmlos einzustufen. Diese Infektion ist klinisch, also beispielsweise am hustenden Pferd, ohne weiterführende virologische Untersuchungen ohnehin nicht als Herpesvirus bedingt einzustufen und schon gar nicht von Infektionen mit anderen Atemwegsviren beim Pferd, zum Beispiel Rhinoviren, Reoviren, zu differenzieren.

CAVALLO: Die Impfstoffe sind bereits mehrere Jahrzehnte auf dem Markt. Sind sie damit veraltet?

Thein: Die genannten Impfstoffe sind seit den 70er Jahren bezüglich der Art ihrer immunisierenden Herpesanteile unverändert. Lediglich Begleit- oder Hilfsstoffe wurden im einen oder anderen Fall angepasst. In Resequin NN plus wurden die Influenzaanteile den aktuell kursierenden Feldstämmen angenähert. Wir bräuchten dringend neue aktuelle Impfstoffe, doch das ist der Pharmaindustrie zu teuer.

Impfstoffe müssen ganz spezifisch für jede Tierart entwickelt werden. Bei Antibiotika beispielsweise ist das ganz anders. Die Industrie investiert ihre Forschungsgelder lieber in Rinder und Schweine oder kleine Haustiere, da hier der Markt größer und profitabler ist. Der Markt für Pferdeimpfstoffe ist zu klein, der Aufwand in Forschung und Entwicklung zu groß. Wir entwickelten beispielsweise Ende der 80er Jahre einen Herpesimpfstoff gegen EHV1 und EHV4 für das Pferd auf Basis moderner Vektortechnologie, der zwar industriell patentiert, aber von der Industrie nie realisiert wurde.

CAVALLO: Unter den Pferdebesitzern herrscht große Unsicherheit. Warum gibt es eigentlich so unterschiedliche Impfempfehlungen seitens der Tierärzte?

Thein: Das liegt einerseits wohl daran, dass speziell zu dieser Thematik – trotz entsprechender Fortbildung – zu wenig konkretes Wissen bei der Mehrzahl der Praktiker vorhanden ist, dass jeder meint, zu diesem Thema eine Meinung haben zu können, die Materie nicht mit der Sorgfalt behandelt wird, die sie verlangt, und Impfgegner das Klientel mit ihrer Inkompetenz verunsichern. Außerdem gibt es Ratschläge von Theoretikern, die Praxisferne signalisieren und damit wieder Unsicherheit verursachen.

CAVALLO: Ist deshalb auch die Impfmoral so schlecht?

Thein: Sicherlich. Die Pferdebesitzer sind verunsichert. Hinzu kommt, dass in den meisten Pensionsställen sehr viele Pferde stehen und entsprechend viele Tierärzte ein- und ausgehen, die unterschiedliche Impfempfehlungen geben. Das eine Pferd wird dann zum Beispiel im März geimpft, das nächste im Oktober und so weiter, andere impfen gar nicht. Daraus resultiert in jedem Fall eine nicht belastbare, also nicht vorhandene Populationsimmunität, die wir zumindest für eine Verringerung der Virusmengen im Bestand benötigen würden.

CAVALLO: Treten bei Herpesimpfungen Nebenwirkungen auf?

Thein: Dieses Thema habe ich jahrelang verfolgt. Wenn Pferde Probleme nach der Impfung haben, handelt es sich fast immer um Fehler in der Anwendung der Impfstoffe. Das spätere Produkt Resequin wurde beispielsweise in unserem Universitätslabor entwickelt.

Über 10 000 Dosen wurden mit Kollegen hierbei im Feldversuch an Pferden aller Altersklassen bezüglich Wirksamkeit und Verträglichkeit getestet, ohne eine einzige Meldung zu einer Unverträglichkeitsreaktion zu erhalten. Generell liegen die Impfschäden beim Pferd in Deutschland prozentual deutlich unter den in der Humanmedizin registrierten und tolerierten.

 

CAVALLO Pony
Foto: Rädlein Nur gründlich und richtig impfen hilft.

CAVALLO: In welchem Pferdealter sollte die Grundimmunisierung starten?

Thein: Keinesfalls zu früh, das heißt in Gegenwart mütterlicher, passiv über das Kolostrum erhaltener, homologer Antikörper. Außerdem ist das Fohlen funktionell ein immunologischer Spätentwickler, so dass das optimale Datum der Erstimpfung im Bereich des abgeschlossenen 5. besser 6. Lebensmonats liegt. Man macht keinen Fehler, wenn die Fohlen auch noch danach der Erstimpfung unterzogen werden.

CAVALLO: Gibt es Pferde, die Ihrer Meinung nach nicht geimpft werden sollen?

Thein: Generell sollten nur Pferde geimpft werden, die zum Impfzeitpunkt frei von Anzeichen infektiöser Erkrankungen sind und sie sollten tunlichst auch vor der Impfung entwurmt worden sein. Kranke Pferde müssen von der Impfung ausgenommen und erst saniert werden, bevor man impft.

Häufig hört man, alte Pferde oder Pferde mit chronischen Erkrankungen. zum Beispiel Chronisch obstruktive Bronchitis, solle man nicht impfen. Das ist generell falsch, gerade diese Tiere sollen wegen ihrer möglichen reduzierten Immunabwehr gründlich geimpft werden, da sie prädestiniert sind zu Erregerausscheidern zu werden.

CAVALLO: Nützt im akuten Fall eine Notimpfung?

Thein: Nein. Eine Notimpfung funktioniert nur, wenn es um den immunologischen Schutz noch nicht infizierter Tiere geht. Dies ist bei dem genannten Durchseuchungs-Prozentsatz unserer Pferdebestände mit Herpesviren nicht möglich und daher unrealistisch.

Des Weiteren treten die Herpesvirusinfektionen des Pferdes nicht seuchenartig, sondern meist individuell auf. In allen Fällen, wo diese sogenannten „Notimpfungen“ bei Aborten oder paretisch- paralytischer Verlaufsform durchgeführt wurden, konnten sie absolut nichts bewirken. Im letzteren Fall können sie dazu beitragen, das klinische Geschehen zu verschlechtern.

CAVALLO: Glauben Sie, dass es irgendwann einen Impfstoff geben wird, der Herpes komplett eindämmen kann?

Thein: Mit den momentan verfügbaren Methoden: Nein. Die Praxis bei Herpesvirusinfektionen anderer Tiere, zum Beispiel Schwein und Rind, hat gezeigt, dass eine bestandsmäßige Virusfreiheit nur über den Einsatz markierter Impfstoffe und Keulung von Tieren mit Antikörpern gegen Feldvirus möglich ist und dauernder Kontrolle bedarf. Dies geht - Gott sei Dank – aus vielen Gründen beim Pferd nicht.

CAVALLO: Schadet ein Wechsel zwischen den Impfstoffen?

Thein: Der Lebendimpfstoff verfügt nur über EHV1, die beiden inaktivierten Impfstoffe über EHV1 und EHV4. Eigentlich geht es nur um den Wechsel zwischen diesen beiden Produkten. Hier ist bezüglich der Herpeskomponenten kein Nachteil zu erwarten.

CAVALLO: Speziell aus Württemberg hört man immer wieder den Ruf nach der Einführung einer Pflichtimpfung gegen Herpes. Wäre so etwas vertretbar und sinnvoll?

Thein: Aus dem bisher Gesagten geht klar hervor, dass das eigentliche Ziel einer Schutzimpfung, nämlich Schutz vor Infektion und Erkrankung, durch keinen der im Markt befindlichen Herpesvirusimpfstoffe möglich ist. Auf dieser Basis, neben der Tatsache, dass es keinerlei veterinärrechtliche Begründung oder Notwendigkeit einer solchen verpflichtenden Impfung gibt, über die Einführung einer Pflichtimpfung zu reden, ist fachlich durch nichts gerechtfertigt.

Dies würde weder am Auftreten der klinischen Manifestationen noch an der Verbreitung Equiner Herpesviren in der Pferdepopulation etwas ändern, dafür aber höchst wahrscheinlich zu einer Reihe von Regressansprüchen wegen mangelnder Schutzwirkung führen.

Hintergrund:

Professor Dr. Dr. Peter Thein ist Fachtierarzt für Pferde und Fachtierarzt für Mikrobiologie. Er arbeitet seit über 40 Jahren wissenschaftlich und praktisch im Bereich der Infektionsmedizin speziell der Herpesviren des Pferdes.

Hierzu hält er seit 32 Jahren eine eigene Vorlesung an der Tierärztlichen Fakultät der LMU München, er ist Autor und Mitarbeiter vieler Fach- und Lehrbücher, Berater der Deutschen Reiterlichen Vereinigung und Leiter der Arbeitsgruppe Infektionsschutz der Gesellschaft für Pferdemedizin.

Fotostrecke: Sonografie: Ultraschall-Untersuchung am Pferd

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CAVALLO Ultraschall Foto: Tierklinik Partners
CAVALLO Ultraschall Foto: Tierklinik Partners
CAVALLO Ultraschall Foto: Tierklinik Partners
01.04.2012
Autor: Redaktion CAVALLO
© CAVALLO