Schutzwesten für Reiter im Labor-Test

Oft verletzen sich Reiter an der Wirbelsäule

6 Schutzwesten für Reiter unter dem Hammer: Der Labor-Test deckte einen bösen Materialfehler auf. Hier finden sie alle Marken und Ergebnisse.

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Dass bei Reitunfällen häufig der Oberkörper betroffen ist, zeigt eine 2015 veröffentlichte Studie der Universitätsklinik für Unfallchirurgie in Hannover. Häufigste Folge eines Sturzes vom Pferd sind nach Kopfverletzungen (17,5 Prozent) sowie Arm- und Schulterverletzungen (17,4 Prozent) Verletzungen der Brust- und Lendenwirbelsäule mit 12,9 Prozent.

Ein guter Körperprotektor kann einen Aufprall auf den Oberkörper stark mildern, Verletzungen aber nicht ganz verhindern.
Fällt ein Reiter etwa auf die Schulter, kann allein das Körpergewicht das Schlüsselbein brechen, wie Diplom-Ingenieur Holger Hertneck von SAS-TEC erklärt. „Auch gegen Stauchverletzungen der Wirbelsäule schützt eine Weste nicht“, so Hertneck. Größere Verletzungen des weichen Gewebes, Brüche der Rippen und Verletzungen durch einen direkten Aufprall können Schutzwesten im besten Fall aber verhindern.

Um herauszufinden, wie gut die Testmodelle den empfindlichen Brust- und Rippenbereich schützen, markiert Holger Hertneck
jeweils drei Punkte auf der Vorderseite mithilfe einer Schablone: einen mittig auf dem Reißverschluss, einen etwas weiter unten links und einen rechts. Anschließend saust ein kantenförmiger Schlagkörper auf die angezeichneten Punkte herunter, der eine Aufprallenergie von 45 Joule entwickelt.

Zum Vergleich: Ein Abbruchhammer für Profis, der mit 45 Joule Stoßenergie auf einen Betonbrocken einhämmert, zerkleinert
diesen in Sekundenschnelle. Die entwickelte Energie hängt dabei von der Masse und der Geschwindigkeit des Schlagkörpers ab.

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So läuft der Labor-Test ab

Unter den auf der Weste markierten Schlagpunkten liegt beim Schlagtest an der Brust ein von einem Schutzring umschlossener Amboss. Durch den einen Zentimeter höheren Ring kann sich die Weste nach unten etwas biegen, bevor der Schlag auf dem Amboss auftrifft. „Das soll die Elastizität des menschlichen Körpers simulieren“, wie Hertneck erklärt. Die Restkraft fällt durch einen Schutzring also tendenziell geringer aus.

Der CAVALLO-Testaufbau entspricht im Brustbereich damit der Norm, nach der alle Testkandidaten zertifiziert sind. Die durchschnittliche Restkraft muss laut Norm bei fünf Aufschlägen unter vier kN liegen, bei einzelnen Schläge dürfen maximal sechs kN durchdringen. Diese Grenzwerte gelten bei der Zertifizierung für Westen auf dem höchsten Schutzlevel drei. Die Westen von Airowear, Komperdell und Michael Jung bestehen den Test der Vorderseite mit Bravour. Bei drei verschiedenen Schlagpunkten im CAVALLO-Test lassen diese Westen im Schnitt alle unter 2,6 kN Restkraft durch. Bei den Modellen „Flexi Black“ von USG und „Flexi Motion“ von L-Safety liegen die Werte mit durchschnittlich 5,69 bzw. 4,83 kN leicht über dem nach Norm erlaubten Durchschnittswert von unter vier kN. An diesem Grenzwert orientieren auch wir uns bei der Beurteilung. Die ähnlichen Werte der beiden Modelle sind nicht verwunderlich, denn Loesdau hat die nur wenig anders aufgebaute L-Safety-Weste „Flexi Motion“ beim Hersteller USG eingekauft, der auch „Flexi Black“ im Sortiment hat.

Wenn das Schlaggewicht aufprallt

Fast schon metallisch klingt der Aufschlag beim ersten Testexemplar der Weste „Belton“ von Busse. Steil schnellt die Kurve in die Höhe, die auf Hertnecks Monitor anzeigt, welche Kraft auf die Sensoren unter dem Amboss wirkt. Autsch! Bis auf 37,8 kN klettert die Kurve bei einem der Schläge, im Durchschnitt lässt die Weste an der Brust 33,12 kN durch. „Das ist ein ganz schlechtes Ergebnis“, stellt Holger Hertneck fest.

Schneidet der Körperprotektor am Rücken besser ab? Auch hier markiert der Testleiter drei Punkte. Der Schlagkörper ist diesmal rund und flach, der Amboss hat einen Radius von 100 mm. Der Schlagkörper entwickelt eine Aufprallenergie von 35 Joule. Soweit entspricht der Testaufbau der Norm. CAVALLO verschärft die Bedingungen jedoch etwas und verzichtet beim Rücken-Test auf einen Schutzring. Das erste Modell von Busse liegt im Prüfstand, wieder kracht es: Mit durchschnittlich 14,17 kN sind die Werte zwar nicht ganz so hoch wie an der Brust, fallen aber immer noch deutlich aus dem Rahmen.

Die Weste „Vario“ von Komperdell lässt mit 4,71 kN nur etwas mehr durch als die übrigen Westen, bei denen Hertneck im Schnitt unter vier kN misst. Das Rennen um die niedrigste Restkraft gewinnt „Flexi Black“ von USG mit 3,17 kN. An der Schulter dagegen bietet „Vario“ den besten Schutz. Als CAVALLO-Zusatztest prallt hier ein kantenförmiges Schlaggewicht mit 60 J Aufschlagenergie auf die Oberseite der geschlossenen Träger.

Schulterschützer dürfen unter diesen Bedingungen im Schnitt unter 25 kN durchlassen, allerdings hat keine der Testwesten solche Protektoren. Schaffen die Träger genauso viel Dämpfung? Das Modell „Vario“ kommt mit 5,02 kN Durchschnitts-Restkraft locker auf das Dämpfungs-Niveau eines Schulterschützers, der manchmal aus härterem Material als die übrige Weste gefertigt wird. Auch alle anderen Westen bleiben unter 18 kN. Nur das erste Exemplar von Busse schlägt mit 36,85 kN zu Buche. Die meisten Träger können, was die Stoßdämpfung angeht, also mit den Schulterschützern mithalten – sie decken aber weniger Fläche ab und bieten keinen Schutz bei einem Sturz auf die Seite der Schulter.

Da Schulterverletzungen bei Stürzen sehr häufig sind, bieten viele Hersteller daher zum Westenmodell passende Schulterprotektoren zum Nachrüsten an.

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Reithelmtest Foto: Lisa Rädlein
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Carbotex Heizweste Mobil CAVALLO Foto: Rädlein
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03.05.2016
Autor: Redaktion CAVALLO / Steinmann
© CAVALLO
Ausgabe /2016