CAVALLO Standpunkt: Quo vadis Spanische Hofreitschule?

Hofschul-Hengste in Rollkur-Haltung?

Foto: Thiel
Fotos aus sechs Jahren zeigen, dass an der Hofreitschule in Wien nicht immer klassisch geritten wird. Man sieht Sport- Dressur statt Reitkunst. Liegt das am Streben nach Gewinn? Ein Kommentar von Dr. Ulrike Thiel.

Was das für die reiterliche Basis in Wien bedeuten würde, erlebte ich erstmals im Mai 2008 im Burghof-Café mit Blick auf die Außenreitbahn. Dort entstanden Fotos, die jetzt, also Jahre später, eine Internetsturmflut auslösten, obwohl die gezeigten Probleme inzwischen durch aktuelleres Material belegt werden. Die Bilder dieses Artikels stammen aus den Jahren 2008 bis 2014 und zeigen beileibe keine Momentaufnahmen.

Man sieht Hengste, die mit zur Brust aufgerollten Hälsen geritten und mit Rollkur-Techniken bearbeitet werden. Diese Hyperflexion kannte ich aus der Sportpferdeszene. Mit der in keiner Weise pferdegerechten Methode hatte ich mich bereits vor 2008 intensiv auseinandergesetzt. Ihre gravierenden psychischen und physischen Folgen sind inzwischen auch wissenschaftlich belegt. Ich erschrak beim Anblick dieser Reiterei zwar, erwartete aber eine Korrektur aus der Bahn. Erst als diese ausblieb, fotografierte ich die auffälligsten Szenen.

In Morgenarbeit und Aufführungen dieses Tages und auch in den folgenden Jahren bis 2013 erlebte ich neben korrekter Arbeit immer wieder: schlampigen Sitz, grobe Hilfengebung, unsinnige Bestrafung sowie den Einsatz von Haltungen, Tempi und Einwirkungen, die der klassischen zeitweise, ihrem Ziel und ihrem Respekt dem Partner Pferd gegenüber nicht entsprachen.

Da Hyperflexion zu einem anderen Erscheinungsbild in Bewegung und Muskelaufbau, zu Einbußen von Balance, Harmonie und des Vertrauens in Hand und Sitz führt, waren die Folgen bei einzelnen Hengsten nicht zu übersehen. Ich sah mangelhaft entwickelte Oberlinien sowie Hüft und Rückenblockaden durch Verkürzung des Halses, die Hankenbeugung und echte Versammlung verhindern. Bei matt und lustlos wirkenden Hengsten gab es Anlehnungsprobleme von „nicht mehr an den Zügel herantreten wollen“ bis Benutzung der Zunge als Schutzwall vor dem Gebiss.

Die aus Losgelassenheit und Versammlung entwickelte Kraft bei körperlicher und geistiger Balance, die ich bei den Schulsprüngen so bewunderte, sah ich nicht mehr. Stattdessen absolvierten extrem kurz ausgebundene und sehr aufgeregte Hengste mittelmäßige Schulen über der Erde.

Ich teilte meine Beobachtungen schon 2008 mit dem im November 2013 verstorbenen ehemaligen Wiener Oberbereiter Georg Wahl und seiner Partnerin, Dressur-Olympiasiegerin Christine Stückelberger. Beiden lag „die Spanische“ ebenso am Herzen wie mir. Auch sie hatten ähnliches gesehen. Wegen ihrer guten Kontakte stellte ich Frau Stückelberger die rollkurrelevanten Bilder zur Besprechung mit der Direktion zur Verfügung, was auch geschah.

Hintergrund-Wissen: Quo vadis Spanische Hofreitschule?

"Ein Vergleich der klassisch- pferdegerechten Ausbildungsmethode mit dem Hyperflexion Trainingssystem". Ulrike Thiel (2012) Gerittenwerden so erlebt es das Pferd, Kosmos, Stuttgart

"Die Spanische Hofreitschule zu Wien". Handler/Lessing (1975). Fritz Molden Verlag, Wien – München – Zürich .

26.11.2014
Autor: Redaktion CAVALLO / Ulrike Thiel
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