CAVALLO Standpunkt: Quo vadis Spanische Hofreitschule?

Anky van Grunsven als Reverenz der Hofreitschule?

Fotos aus sechs Jahren zeigen, dass an der Hofreitschule in Wien nicht immer klassisch geritten wird. Man sieht Sport- Dressur statt Reitkunst. Liegt das am Streben nach Gewinn? Ein Kommentar von Dr. Ulrike Thiel.

 

CAVALLO Spanische Hofreitschule Wien
Foto: Seelig

Seit 2008 kennt die Leitung der Spanischen Hofreitschule diese Fotos. Viele ähnliche Beobachtungen wurden an das Institut herangetragen. Auch in den Medien wurde Kritik laut. Doch in der Hofreitschule wird dementiert, abgeschmettert und zuweilen auch Fernsehteams der Zutritt zu an sich öffentlichen Trainings und Aufführungen verboten.

Die Kritik erreichte einen Höhepunkt, als die Hofreitschule im Mai 2014 ankündigte, dass die holländische Dressurreiterin Anky van Grunsven bei zwei Galashows der Hofreitschule in Amsterdam im November dieses Jahres als Gastgeberin auftreten soll. Pferdefreunde waren schockiert über diese Allianz mit einer der prominentesten Vertreterinnen der pferdeverachtenden Rollkur. Die Hofreitschule antwortete auf Anfragen lapidar, man habe keinen Einfluss auf die Moderatoren von Auslandsshows.

Der reiterliche Niedergang sorgt auch in der Belegschaft für Turbulenzen. Etliche Bereiter verließen das Institut in den letzten Jahren. Sie waren nicht bereit, schlampige Ausbildungs-Schnellverfahren durchzuziehen, der Überforderung von Mensch und Pferd kritiklos zuzusehen oder sich der modernen Sportreiterei anzunähern. Zwei Oberbereiter wurden bei vollen Bezügen außer Dienst gestellt.

Reitbahndirektor war von 2006 bis 2012 Ernst Bachinger – ein reiterlich umstrittener Mann im Pensionsalter mit großer Nähe zum Turniersport. Das System lebt von einem durch die Natur und Persönlichkeit des Pferdes vorgegebenen Kreislauf von Pferde- und Reiterausbildung, in dem die Jungen immer wieder von den Alten, Erfahrenen lernen. Wird dieser Kreislauf von menschlichen und vierbeinigen Professoren unterbrochen, hat das für die Ausbildung katastrophale Folgen.

Es gibt Bereiter, die ihren Privatschülern abraten, Kurt Albrecht, Alois Podhajsky oder Hans Handler zu lesen. Begründung: Diese prominenten Vertreter der klassischen Wiener Lehre seien veraltet, heute werde anders geritten. Anstelle der gesuchten Reitkunst mit feinen Hilfen berichten Privatschüler von schlechter Sportreiterei unter Einsatz der Hyperflexion.

Die Folgen dieses Wandels für die Hofreitschule sind nicht absehbar. Schulhengste leisten ein Vielfaches dessen, was von einem Dressurpferd in den wenigen Minuten einer Prüfung gefordert wird. Dennoch gelang es in der Vergangenheit, den Lipizzaner-Topathleten bis zu einem Alter von fast 30 Jahren ihre Gesundheit, ihr Können, ihren Glanz und ihre Persönlichkeit zu erhalten. Im Sport verringen auswechselbare, im Schnellverfahren dressierte Pferde kurzfristige Erfolge.

Die dabei üblichen Methoden anzuwenden und gleichzeitig als Vorbild für klassische Reitkunst aufzutreten, ist nicht möglich. Ein Institut wie die Wiener Hofreitschule kann sich diesen Spagat auf Kosten der Pferde langfristig nicht leisten. Noch könnte man in Wien den Kurs ändern. Es geht nicht nur darum, den Gesetzesauftrag zu erfüllen. Die klassische Wiener Reitkultur muss auch ihre ethisch-kulturelle Spitzenposition in der Pferdewelt wieder herstellen. Nachdem die Leitung der Hofreitschule nicht in der Lage zu sein scheint, ihr kulturelles Erbe verantwortungsvoll zu verwalten, ist jetzt die Politik gefordert.

Hintergrund-Wissen: Quo vadis Spanische Hofreitschule?

"Ein Vergleich der klassisch- pferdegerechten Ausbildungsmethode mit dem Hyperflexion Trainingssystem". Ulrike Thiel (2012) Gerittenwerden so erlebt es das Pferd, Kosmos, Stuttgart

"Die Spanische Hofreitschule zu Wien". Handler/Lessing (1975). Fritz Molden Verlag, Wien – München – Zürich .

26.11.2014
Autor: Redaktion CAVALLO / Ulrike Thiel
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