Elend ohne Ende: Die Schuldigen

Wer hat Schuld am Pferde-Leid?

Foto: CAVALLO Rollkur & Co: So leiden Pferde

Fotostrecke

Je größer das Turnier, umso hässlicher die Bilder. Warum das Elend kein Ende nimmt und wer etwas dagegen tun könnte.

Das aufgerissene Maul, die Stirn hinter der Senkrechten: Es ist ein hässliches Bild, wie der Fuchs in der Dressurprüfung S* St. Georg geritten wird. Schlauchgeräusche – ein Zeichen für verspannte Pferde – begleiten den Auftritt. Auch optisch wirkt das Tier stramm statt locker. Die Vorstellung findet mit der Grußaufstellung ein Ende, wozu die Reiterin kräftig an der Kandare zieht. Knapp 70 Prozent bekommt das Paar als Wertnote – und gewinnt die Prüfung.

Leider ist die obige Szene kein Einzelfall. Bei unseren aktuellen Recherchen auf württembergischen Reitturnieren filmte und fotografierte das CAVALLO-Team wieder einmal mehrfach Pferde, die dauerhaft in schmerzhaften Haltungen geritten wurden – auf Prüfungs- und Abreiteplätzen. Die Aufnahmen besprachen wir später mit Reitsport-Experten und der Deutsche Reiterlichen Vereinigung. Wir wollten wissen: Warum gewinnen Pferde beispielsweise Dressurprüfungen, wenn es offensichtlich an wichtigen Ausbildungsbasics wie der Durchlässigkeit mit harmonischen Bewegungsmustern oder einer vertrauensvollen Anlehnung mangelt? Weshalb siegen Reiter, die weder geschmeidig sitzen noch korrekt einwirken? Und vor allem: Wer oder was ist schuld an diesen leidigen, immer wiederkehrenden Szenen, die uns allen längst zum Halse raushängen?

Hässliche Bilder: Schuld an der Rollkur

Im Visier haben wir die Turnierszene schon lange. Zuletzt berichteten wir von den Qualszenen auf dem Abreiteplatz eines internationalen Reitturniers. Gleich vorweg: Den einen Schuldigen gibt es nicht, weshalb wir auch die Identität der Reiter schützen. Sie stehen stellvertretend für gängige Praktiken. Erschreckend: Selbst beim Reiternachwuchs (siehe Kids-Cup) waren hässliche Bilder weder Einzelfälle noch ungünstige Momentaufnahmen.

Wie schwer die Suche nach dem Sündenbock ist, zeigt auch das aktuelle Beispiel Bernhard Meier. Der österreichische Springreiter quälte sein sichtlich überfordertes Pferd Paddys Darco mit harten, unangemessenen Hilfen durch das CSI1* in Wien (8.–11. Juni 2017). Fast jede Stange fiel, nach drei Verweigerungen erst wurde Meier abgeklingelt. So wie jedes Paar nach drei Verweigerungen. Zum Schutz des Pferds hätten die Richter vorher reagieren müssen! Nur: Ihnen in so einem Fall die alleinige Schuld zu geben, wäre ungerecht – quälte doch der Reiter sein Pferd.

Der Strafausschuss des Österreichischen Pferdesportverbands reagierte in jedem Fall richtig: Per einstweiliger Verfügung wird Meier nur wenige Tage später für drei Monate von sämtlichen pferdesportlichen Veranstaltungen im In- und Ausland ausgeschlossen. Bleibt zu hoffen, dass der Reiter nun endlich umdenkt.

Leider ist dieser Fall eine Ausnahme. Zumindest was die Sperre betrifft. Gäbe es weniger Quälerei, wenn Reitsport-Verbände wie die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) härter durchgreifen würden?

Die Bilder und Wertnoten auf unseren Bildern stammen aus einer S-Dressur S* St. Georg, die wir im Juli 2017 besuchten.

Tierarzt und Biomechaniker Dr. Gerd Heuschmann aus Dülmen/NRW begutachtete sämtliche in der Prüfung gemachten Bilder. Er teilt unseren Eindruck, dass die Pferde Ausbildungsmängel aufweisen, die mit dem Niveau der Prüfung unvereinbar sind: „Die abgebildeten Tiere erfüllen die Ausbildungsskala in keinem Punkt. Es sind sogenannte Schenkelgänger mit festem Rücken und zu wenig aktiver Hinterhand. Die Reiter haben viel Gewicht in der Hand, machen viel Druck am Bein und durch einen schiebenden, zurückgelehnten Sitz. Eigentlich dürften solche Pferde keine Wertnoten über 50% (= genügend) erhalten. Würde so gerichtet, würden bald mehr Reiter korrekt ausbilden.“

24.09.2017
Autor: Regina Kühr
© CAVALLO
Ausgabe 09/2017