Kinder bilden Pferde bis zur Hohen Schule aus

Kinder, das ist Hohe Schule!

Foto: Rädlein Kinder bilden Pferde bis zur Hohen Schule aus

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Glücklich und gesund: In einer Schweizer Reitschule bilden Kinder und Reitlehrer Pferde mit viel Geduld, Gefühl und Liebe bis zur Hohen Schule aus.

Mit einem zarten Ast deutet das Mädchen konzentriert auf Cernots Kruppe und geht etwas in die Knie. Schon schwenkt der Freiberger-Wallach die Hinterhand in den Zirkel. Das große Pferd folgt seiner kleinen Trainerin auf minimale Signale. Wie macht die Kleine das nur? Und wo hat sie gelernt, den starken Fuchs so fein zu lenken?

Kinder, die selbst Pferde ausbilden? Das klappt prima!

Mia ist eines von rund 40 Kindern und Jugendlichen, die in einer ganz besonderen Schweizer Reitschule in der akademischen Reitkunst unterrichtet werden. Reitlehrerin Nadia Güdel beobachtet Mia und Cernot lächelnd aus dem Hintergrund. Sie greift nur ein, wenn ein Kind einen Fehler macht oder eine neue Lektion lernt – oft gemeinsam mit dem Pferd. Denn ob man’s glaubt oder nicht: In Güdels Reitschule bilden bereits die Kleinsten Pferde aus – egal ob Warmblut, Friese, Freiberger, Isländer oder Shetty.

Die neunjährige Eva etwa übt gerade piaffieren – auf dem blanken Rücken von Friesenstute Luna. Die konnte sich einst gar nicht mehr bewegen, so schmerzten ihre entzündeten Gelenke. Statt zum Schlachter ging es für Luna jedoch glücklicherweise in die gute Kinderstube – zu Nadia Güdel sowie ihren beiden Kolleginnen, Manuela Meier und Karin Beyeler. Das Trio nennt sich „Art équestre Nassandra“, bildet Kinder und Erwachsene in der von Bent Branderup zum Schulungs-System entwickelten akademischen Reitkunst aus. Das Ziel: „Harmonie und Leichtigkeit, ohne dass es aufwändiger Hilfen oder auffälliger Bewegungsmuster bedarf.“

Akademische Reitkunst für Kinder

Und genau das lernen in der einzigartigen Reitschule schon die allerkleinsten Steppkes ab der ersten Sitzlonge im Alter von zirka sechs Jahren. So früh wie möglich startet dann auch der Einzelunterricht in Boden-, Longen- und Handarbeit – vorausgesetzt, das Kind kann sich bereits ausreichend konzentrieren und es hat Interesse an der akademischen Reitkunst. „Manche wollen natürlich einfach nur irgendwie reiten“, schmunzelt Nadia Güdel. „Das ist selbstverständlich ebenfalls möglich, kommt aber eher selten vor.“

Spielerisch führen die Reitlehrerinnen ihre Schützlinge an das gesunde Training von Pferden heran, so dass es für die Knirpse vollkommen selbstverständlich ist, auf korrekte Bewegungsabläufe ihrer Fellfreunde zu achten – und diese eigenständig zu trainieren. Selbst schwere Fälle wie Friesenstute Luna können so unter Aufsicht der Reitlehrerinnen in Kinderhänden schonend wieder aufgebaut werden.

Die Kinder knüpfen enge Bande zu den Pferden

Eingreifen müssen die Reitlehrerinnen erstaunlich wenig. „Wir lassen die Kinder von Anfang an so selbstständig wie möglich mit den Tieren arbeiten“, erklärt Nadia Güdel. „Das stärkt ihr Selbstvertrauen – und sie knüpfen enge Kontakte zu den Pferden.“

Weil sich die Kinder jede Lektion nach und nach selber erarbeiten dürfen und auf diesem Weg auch besser begreifen lernen, glühen die Zwerge vor Wissbegier und Eifer. Was Reitlehrerin Naida Güdel besonders gefällt: „Kinder denken nicht so viel nach wie Erwachsene, bewegen sich ungehemmter.“

Und sind am Pferd trotzdem überraschend erwachsen. Während die Kinder vor und nach dem Training wild schnatternd umeinander purzeln, wandelt sich jedes Kind auf dem Reitplatz zu einem besonnenen kleinen Reitschüler und Pferdetrainer. Die zarte Pascale (12) etwa präsentiert mit der 27-jährigen Shettystute Blanca einen spielerisch leichten Schulgalopp an der Hand – als wäre das die leichteste Übung. Pascales Schwester Louanne (10) lernte von selbst das Biegen eines Pferds an der Longe – mit Shettystute Xenia. Und die 13-jährige Loa reitet Freiberger Remon in einem perfekten Renvers, den sie dem Braunen eigenständig beibrachte. „Damit er hinten noch elastischer wird“, erklärt sie überzeugt. Die kleinen Gesichter strahlen in einer Mischung aus höchster Konzentration und Glück.

Schweizer Kinderreitschule bis zur Hohen Schule

Während ein Kind nach dem anderen an der Reihe ist, hat der Rest Zeit, sich untereinander auszutauschen. „Wie machst Du das mit dem Travers?“, tuschelt ein Stimmchen im Hintergrund. Ein ungewöhnliches Kinder-Gespräch. Nadia Güdel lächelt. „Sie machen sich viele Gedanken um gesundes Pferdetraining.“ Statt Neid und Missgunst freuen sich die jungen „Akademiker“ über jeden Erfolg, den einer von ihnen mit einem Pferd hat. „Und sie trösten sich, sollte etwas einmal nicht klappen.“

Von der akademischen Reitkunst in Kinderhand profitieren die Vierbeiner enorm: Die Lehrpferde sind vorbildlich erzogen, gut bemuskelt und fröhlich bei der Sache. Zumal sie großes Vertrauen zu ihren kleinen Trainingspartnern fassen. Ob beim Reiten oder am Seil: „Unsere Pferde wissen genau, wie gut ihnen das Training mit den Kindern tut“, schwärmt Manuela Meier. Ihr gehört Shettystute Xenia – ein blonder kleiner Dickschädel, der unter unsicheren Anfängern gerne mal den Dienst quittiert. Doch sobald sich Xenia geschmeidig bewegen und ihr Köpfchen einsetzen darf, ist die kleine Stute einhundertprozentig bei der Sache. Genial für Manuela Meier. „Ich bin ja viel zu groß für mein Pony“, sagt sie. „Mit Hilfe der Kinder kann ich Xenia immer weiter und schonend ausbilden.“

Einsteller vertrauen ihre Lieblinge den Kindern an

Wie gut die jungen Pferdetrainer den Tieren tun, das haben auch die Einsteller des zugehörigen Pensionsbetriebs erkannt. Sie vertrauen den Kindern ihre Tiere nur zu gerne an. So muss sich Nadia Güdel gar nicht um Schulpferde kümmern. Nur zwei eigene hat sie.

Eines davon ist Isistute Hreyfing. Das ehemalige Turnierpferd kam völlig verängstigt und unreitbar zu Güdel. Die unbesorgte Art von Kindern gepaart mit der liebevollen Konsequenz der Reitlehrerinnen brachte die Stute ins seelische und körperliche Gleichgewicht. Dass das so bleibt, darauf achtet vor allem die elfjährige Uma. Das Mädchen kommt fast jeden Tag in die Reitschule, um mit ihren Schatz zu arbeiten. „Ich reite am liebsten Kruppeherein“, strahlt Uma. „Das sieht so richtig gut aus!“

Und tut offenbar auch gut, Kindern ebenso wie Pferden. Das zeigt Shetty-Stute Xenia nach dem Training. Gemeinsam mit Youna (11) trottet sie nochmal entspannt über den Reitplatz, obwohl hinterm offenen Ausgang zum Laufstall längst lecker duftendes Heu auf sie wartet. Einfach klasse, liebe Kinder!

28.07.2017
Autor: Regina Kühr
© CAVALLO
Ausgabe 07/2017