Richter-Urteil: Warum bekommen schlecht gerittene Pferde gute Noten?

Standpunkt: Blicken die noch richtig?

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Dilemma im Dressursport: Zu viele schlecht gerittene Pferde bekommen beim Turnier zu gute Noten, kritisiert Ausbilder Michael Putz. Eine aktuelle Studie stützt seinen Standpunkt: Richter schauen vor allem auf die Vorderbeine der Pferde.
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Michael Putz aus Buckenhof in Bayern kritisiert seit Jahren falsche Trends in der Reiterszene. Der ehemalige Leiter der Westfälischen Reit- und Fahrschule in Münster richtet selbst und bildet Nachwuchsrichter aus.

Im Spitzensport läuft einiges schief. Dieser Meinung bin ich schon lange. Selbst auf Grand-Prix-Niveau starten auch Pferde, die nicht reell ausgebildet und geritten werden. Die Studienergebnisse von Dr. Inga Wolframm, nach denen Richter vor allem die Vorhand des Pferds fixieren, haben mich deshalb nicht überrascht. Pferdegerechtes Reiten und Erfolg auf dem Turnier haben heute nicht mehr so viel miteinander zu tun.

Das an sich ist schlimm genug. Viel schlimmer ist es aber, dass Richter, die immer das Wohl des Tiers im Blick haben sollten, schlechtes Reiten nicht genügend mit entsprechenden Noten ahnden. Oft gewinnen gestresste oder verspannte Pferde sogar Medaillen. Das Problem: Der Sport orientiert sich bis in die unteren Klassen an den Stars der Reiterszene. Was an der Spitze passiert, findet also viele Nachahmer. Und zwar nicht nur in Turnierprüfungen, sondern auch beim Training zu Hause und auf den Abreiteplätzen, wo es leider besonders viele unschöne Bilder zu beobachten gibt. Topreiter haben Vorbildcharakter und sollten sich ihrer großen Verantwortung bewusst sein.

Deswegen ist es so fatal, dass man selbst auf den großen Turnierplätzen auch Pferde sieht, die mit verspanntem, festgehaltenem Rücken gehen. Sie schmeißen zwar die Vorderbeine in die Luft, die Hinterhand kommt aber nicht genügend mit. Das erkennt man besonders gut im Trab. Bei diesen Pferden sind der Unterarm und das hintere Röhrbein des vorfußenden -diagonalen Beinpaars nicht parallel. Das wären sie aber beim richtig-gerittenen Pferd. Wenn Turnierrichter jedoch mehr auf die Vorder- als auf die Hinterbeine schauen und deren Bewegung nicht vergleichen, fällt ihnen das natürlich nicht auf.

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19.04.2012
Autor: Redaktion CAVALLO/Michael Putz
© CAVALLO
Ausgabe 03/2012