So steuern Sie die Stimmung Ihres Pferds

Wie locker lösen sich Pferd und Reiter?

Färben Gefühle des Reiters aufs Pferd ab? Ein CAVALLO Experiment zeigt, wie sich beide beeinflussen, was sie stresst oder entspannt.

 

CAVALLO Gefühle Pferd Reiter Dressur Pferdeausbildung
Foto: Lisa Rädlein Fliegende Galoppwechsel sind für den Friesen Neuland. Beim Test springt er nur vorne um. Die unbekannte Lektion empfindet der Wallach als ziemlich aufregend. Die Trainerin in der Bahnmitte gibt der Reiterin Tipps.

Pferde effektiv zu lösen, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Das Experiment zeigt, wie leicht es schon beim Start hakt und wie erstaunlich Reiter sowie Reitlehrer reagieren.

Beim Pferd: Als das Pony den Reitplatz betritt, steigt sein muskuläre Aktivität, es fühlt sich wohl. Sein Verstand wird beim Lösen im Schritt und Trab nicht gefordert; das Gucken am Putzplatz war viel interessanter. Emotional reagiert es zunehmend stärker, erregte Phasen mehren sich. „Teils empfindet das Pony Freude, teils kommen nun sogenannte Übergangszustände wie Unsicherheit hinzu“, sagt Kira Kultus. Womöglich liegt‘s daran, dass die Besitzerin ihr Pferd zu schnell an den Zügel reiten will, ohne ihm dafür jedoch klar verständliche Hilfen zu geben.

Das zweite Testpferd, der Friese, braucht laut seiner Reiterin viel Zeit zum Lösen; sie reitet das Pferd daher bereits eine halbe Stunde vorm Unterricht warm. Dies könnte zu lang oder zu anstrengend gewesen sein: Beim Schrittreiten zu Beginn der Reitstunde ist das Pferd nicht bei der Sache; emotional tendiert es von Freude zu wütender, aggressiver Stimmung. Beim ersten Trab ist der Friese muskulär sehr langsam reguliert und beansprucht. „Möglicherweise ist er vom Warmreiten schon geschafft“, meint Kultus. Die Reiterin merkt, dass ihr Pferd eher träge als locker ist und legt mit Leichttraben sowie Traben im Balancesitz nach. Doch das Pferd entspannt sich nicht: Es reagiert immer unsicherer, ärgert sich teils sogar richtig.

Beim Reiter: Die Friesenreiterin fühlt sich beim Warmreiten überwiegend wohl – mit einer gewissen Erwartungsspannung. Geistig ist sie nicht beansprucht: Sie kennt ihre Lektionen. Die Ponyreiterin entspannt nach dem Aufsitzen immer mehr. Aufs Pferd färbt ihre innere Ruhe jedoch noch nicht ab. Geistig strengt die Lösungsphase die Reiterin viel stärker an als jede spätere Lektion. Sie konzentriert sich sehr intensiv darauf, ihr Pferd an den Zügel zu reiten.

Erstaunlich: Die muskuläre Aktivität steigt zu Beginn der Stunde nicht nur beim Pony und seiner Reiterin, sondern ebenso bei der Reitlehrerin. Dabei unterrichtet sie zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, sondern beobachtet das Paar nur. Zwischen Trainer und Reiter spielen sich Reaktionen ab, die auch Kira Kultus verblüffen: „Ihre muskulären Reaktionen verlaufen nach einigen Minuten nahezu parallel; geistig konzentrieren sich beide gleichermaßen.“

Wie reagieren Pferd und Reiter auf eine bekannte Lektion, die überraschend anders geritten wird?

Neue Ansätze sollen bekannte Lektionen aufpeppen, um Pferd und Reiter zu motivieren. Hakt es bei einer Übung, kann der Überraschungseffekt den Knoten platzen lassen. Doch so leicht kommt keine Freude auf.

Beim Pferd: Das Reitpony kennt Trabzirkel, tut sich unter seiner Reiterin jedoch mit Stellung und Biegung schwer. Die Reitlehrerin schlägt Zirkel in Außenstellung vor, um die Durchlässigkeit zu verbessern. Das Pony reagiert unsicher, regt sich aber nicht massiv darüber auf.

Das zweite Testpferd kann gut zur Seite weichen; neu ist für den Friesen, dass er dabei eine Dualgasse unterm Bauch hat. Beim ersten Anlauf tritt das Pferd mit den Vorderhufen auf die Gasse; es weiß scheinbar nicht genau, was es tun soll. Die Messwerte zeigen, dass das Tier verunsichert ist. Gleichzeitig schaltet es jedoch den Kopf ein: Zum ersten Mal im Lauf der Reitstunde ist es geistig aktiv, denkt also mit. Emotional ist der Friese erregt: Er freut sich zwar auch gelegentlich, doch überwiegend ärgert er sich. Die weiteren Anläufe gelingen besser. Ob dabei die Freude überwiegt, lässt sich aufgrund von Datenlücken nicht feststellen.

Beim Reiter: Die erfahrene Friesenreiterin ist überwiegend gelassen, tendiert aber zu einer gewissen emotionalen Blockade. „Das könnte auf eine innere Ablehnung hindeuten, die sie mit der Aufgabe verbindet; vielleicht sieht sie wenig Sinn darin“, meint Kira Kultus. Die Ponyreiterin ist mit der Übung überfordert: Sie reagiert unsicher, ist geistig teils sogar blockiert.

Praxis-Tipp: Wer beim Training überraschende Wege einschlägt, braucht einen Routenplaner. Prüfen Sie, ob Sie und Ihr Pferd der Aufgabe schon gewachsen sind. Wenn die Basis nicht stimmt, führt ein neuer Weg auch nicht zum Ziel.

Fotostrecke: Fotostrecke: Freiheitsdressur mit Kenzie Dysli

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CAVALLO Kenzie Dysli Foto: Springfeldt
CAVALLO Kenzie Dysli Foto: Springfeldt
CAVALLO Kenzie Dysli Foto: Springfeldt

Fotostrecke: Pferde-Ausbildung: Schneller lernen durch gute Stimmung

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CAVALLO Stimmung Horsemanship Florian Oberparleiter Foto: Udo Schönewald
CAVALLO Stimmung Horsemanship Florian Oberparleiter Foto: Udo Schönewald
CAVALLO Stimmung Horsemanship Florian Oberparleiter Foto: Udo Schönewald

01.05.2016
Autor: Cavallo
© CAVALLO
Ausgabe 06/2012