Freiheits-Dressur: Sechs professionelle Pferde-Trainer im Test

Hans-Jürgen Neuhauser: Ganzheitlich Reiten mit Körpersprache

Einfach flüstern war gestern. Heute lehren Pferde-Profis die Freiheits-Dressur mit System. CAVALLO hat sechs Trainer auf die Probe gestellt. Plus Trainings-Tipps!

Fotostrecke: Fotostrecke: Freiheitsdressur mit Kenzie Dysli

8 Bilder
CAVALLO Kenzie Dysli Foto: Springfeldt
CAVALLO Kenzie Dysli Foto: Springfeldt
CAVALLO Kenzie Dysli Foto: Springfeldt

Hans-Jürgen Neuhauser (44) aus dem bayerischen Haimhausen arbeitete im Zirkus als Zeitlupenakrobat. Er lernte perfekte Körperbeherrschung und -sprache und bildet damit seit 15 Jahren Pferde aus. Mit seinem „Ganzheitlichen Reiten“ bändigte er zwei aggressive Araberhengste in den Vereinigten Arabischen Emiraten und zwei Mustangs
aus den USA.

 

Pferde reiten Reitsport CAVALLO
Foto: Rädlein Hans-Jürgen Neuhauser

Konzept

„‘Körpersprache’ ist in der Reiterei das am meisten missbrauchte Wort“, sagt Hans-Jürgen Neuhauser. „Jeder macht es, kaum einer kann es.“ Er selbst fühlt sich durch seine Karriere als Zeitlupenakrobat kompetent dafür und will Pferde allein durch Körpersprache dirigieren. „Das Pferd sieht im Moment meines Auffußens, wohin ich den Fuß setze, und richtet sich danach“, sagt er. „Es folgt meinem Blick, wenn ich in eine Richtung schaue.“ Devise: Wer bewegt, führt. Wer zieht, verliert.

Kontakt

Neuhauser lässt Maya außer Acht und erobert die Halle mit Hindernisständern, Flatter-bändern und Pylonen. Er teilt ein 13 x 13 Meter großes Viereck ab, in das Mayas Besitzerin die Stute am Stallhalfter führen soll. Neuhauser nimmt die Stute am Strick und geht mit ihr auf und ab, die Schulter des Führarms zu ihr gedreht. „In dieser Haltung bleibe ich online, das Pferd folgt mir, ohne dass ich ziehen muss.“

 

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Foto: Rädlein

Kommunikation

Weil die Stute am Strick ohne Zögern folgte, lässt Neuhauser sie nun frei. Sie sieht sich um, folgt ihm aber nicht. Seine Interpretation: „Ich habe mich umgedreht und ihr die kalte Schulter gezeigt. Nun muss ich ihr die Hand reichen, damit sie wieder mit mir kommt.“ Er klinkt das Seil erneut ein, stellt einen Stern aus Pylonen auf und führt Maya durch. Mit dem Zeigefinger bedeutet er ihr, wo sie laufen soll. Sie begreift schnell, folgt Neuhausers Fingerspitze, der nimmt das Seil wieder ab. Die Stute zögert, läuft aber dorthin, wo Neuhauser hinzeigt.

„Jetzt geht sie freiwillig hin, wo ich will, und ich kann mit Freiheitsdressur beginnen.“ Das Pferd knabbert einige Pylonen an, Neuhauser klinkt das Seil ins Halfter und dann wieder aus. Zum Schluss geht Maya nicht nur zwischen den Hütchen, sondern auf Fingerzeig auch mal außen-oder innenherum. Sie wirkt eher gleichgültig.

„Das war zum Lockern und Kennenlernen“, sagt Neuhauser und lässt Maya nun im abgeteilten Viereck traben. Er geht immer wieder auf die Stute zu, stampft mit dem Fuß und stoppt, was sie zum Halten bringt. „Ich beanspruche ihren Platz“, erklärt er, „das rangniedere Pferd darf überall hin, nur nicht da, wo ich als Ranghöherer bin.“ Sobald das Pferd reagiert, stoppt und ihm ausweicht, geht Neuhauser einen Schritt zurück. Bald pariert Maya aus dem Galopp, wenn Neuhauser nur einen deutlichen Ausfallschritt macht, oder wechselt in den Trab, wenn auch er auf der Stelle trabt – alles in Außenstellung, ohne zum Trainer zu schauen.

Pause. Maya kaut und schnaubt, Neuhauser ist zufrieden: „Obwohl sie mit mir arbeiten muss, weiß sie, dass sie mir vertrauen kann.“ Er öffnet das Viereck zur Halle hin, keiner der Zuschauer darf sich bewegen. „Beim ersten Mal ist alles noch so zerbrechlich, es wäre schade, wenn das Vertrauen jetzt bricht“, fordert Neuhauser und lässt Maya los. „Jetzt ist es wichtig, online zu bleiben. Sehen Sie: Obwohl sie weiß, dass sie weg kann, entscheidet sie sich für mich.“ Das Pferd schnuppert neugierig am Flatterband. Neuhauser lockt „Komm her“, als Maya nicht folgt, sagt er: „Schau’s dir nur an, das darfst du.“ Als Maya genug geschnuffelt hat, bleibt sie neben Neuhauser stehen. „Nun wendet sie sich mit allem, was sie hat, mir zu“, sagt er. „So beginnen Freundschaften.“

 

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Foto: Rädlein Fang den Hut: Der Trainer baut für Pferde gerne einen Pylonen-Parcours auf. Stute Maya schnüffelt neugierig.

Fazit

„Eine liebe Maus“ nennt er die Stute, die „genau sagt, wenn sie was nicht will.“ Dieser Unwille, meint Neuhauser, resultiere aus Verspannungen. „Man muss ihr Bewegung schmackhaft machen“, sagt er. Mayas Besitzer müsse die Körpersprache schulen, was ohne Trainer schwer sei. Das Pferd werde dann auf immer feinere Signale reagieren, die man auch vom Sattel aus geben könne, und bekomme Lust auf Bewegung. Von außen betrachtet, langweilt sich die Stute streckenweise und geht lieber auf Entdeckungstour, als ihre Neugierde auf den Trainer zu richten. Der wirkt manchmal inkonsequent: Mal muss Maya ihm folgen, dann darf sie tun, was sie will. Neuhauser redet fast ununterbrochen mit dem Pferd. „Das verfeinert meine Körperhilfen.“

Für wen geeignet?

Pferdetyp 3.
„Ganzheitliches Reiten“ taugt für alle, die mit ihrem Körper besser klarkommen wollen. Das erfordert sehr viel Übung. Bei unsicheren oder dominanten Pferden empfiehlt sich die Methode nicht, solange der Mensch in dieser Körpersprache nicht sicher ist. Dominante Pferde nutzen Inkonsequenz und ignorieren mit der Zeit den Menschen. Unsichere Pferde werden ängstlich, weil sie nicht wissen, was man ihnen mitteilen will. Ohne Anleitung ist das „Ganzheitliche Reiten“ nicht sinnvoll.

Jürgen Neuhauser, Münchnerstraße 24,
85778 Haimhausen, Tel. (08133) 444 5459, www.ganzheitlichesreiten.de

Fotostrecke: Freiheitsdressur mit den Brüdern Pignon

16 Bilder
CAVALLO Pignon Foto: Rädlein
CAVALLO Pignon Foto: Rädlein
CAVALLO Pignon Foto: Rädlein

04.11.2008
Autor: Patricia Wagner
© CAVALLO
Ausgabe 01/2008