Gangpferde: Werden Isländer zu hart angepackt?

Wer trägt Verantwortung für den Gangpferdesport?

Schön oder Show – die Gangpferde-Szene steht an einem Wendepunkt. Funktionäre müssen entscheiden, ob sie weiterhin spektakuläres Strampeln belohnen oder feines Reiten endlich effektiv fördern wollen.
Foto: Christiane Slawik CAVALLO Standpunkt Gangpferde

Alle Gangpferde lassen sich locker reiten. Aber nicht alle können ihren Rücken perfekt aufwölben. Naturtölter wie dieses American Saddlebred mit seinem tiefen Rücken und dem flachen Becken haben besondere Schwierigkeiten, das Dressurideal zu erreichen.

Die Verantwortung liegt also bei den Richtern. Bei den Leuten, die verspannt flüchtende Strampler nach wie vor bevorzugen. Und dass, obwohl auch in den Prüfungsordnungen der klassischen Sportwettbewerbe nichts davon steht, dass ein guter Tölter mit angstgeweiteten Augen und eingeklemmtem Schweif seine Runden ziehen soll. Können solche Richter den Stress dieser Pferde nicht erkennen, oder wollen sie es nicht?

„Man müsste sie zwingen, genau hinzusehen“, dachten sich Gangpferdetrainerin Andrea Jänisch, Biomechaniker Gerd Heuschmann und der isländische Ausbilder Einar Öder Magnússon. Der Vorschlag des Trios: Die Mykt-Note soll Rittigkeit und Losgelassenheit beim Turnier separat bewerten.

Mykt (sprich: micht) ist isländisch und bezeichnet ein bequemes, elastisches, balanciertes, gehorsames und dennoch dynamisches Reitpferd. „Für jede gute Turnier-Note muss ein Pferd eigentlich mykt sein“, sagt Einar Öder Magnússon. Das gilt aus seiner Sicht ganz besonders für das Gæðingakeppni. „Hier wird ein besonders gutes Reitpferd gesucht. Deshalb muss die Rittigkeit absolut im Vordergrund stehen.“

Der frühere Team-Coach der isländischen Sportreiter sieht aber, dass viele Richterurteile diesen Faktor zugunsten spektakulärer Bewegungen vernachlässigen. „Die Spezialnote soll ausschließlich bewerten, wie gut sich das Pferd mit positiver Spannung durch den ganzen Körper bewegt und wie locker es ist. Das könnte dazu führen, dass mehr gutes Reiten belohnt wird und weniger die verspannte Show.“

01.09.2013
Autor: Melanie Tschöpe
© CAVALLO
Ausgabe 04/2012