Pferde-Anatomie: Biegen beginnt im Genick - Tipps für Reiter

Knochen-Knubbel sorgt für die Stellung

Das Geheimnis guten Biegens steckt hinter den Pferdeohren und ist jetzt gelüftet. Was bedeutet das fürs Reiten? Hier sind die Antworten – samt Übungen, mit denen sich Ihr Pferd wie von Zauberhand biegt.

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CAVALLO Dressur Biegung Stellung Genick Greifenberg-Gruns Foto: Lisa Rädlein
CAVALLO Dressur Biegung Stellung Genick Greifenberg-Gruns Foto: Lisa Rädlein
CAVALLO Dressur Biegung Stellung Genick Greifenberg-Gruns Foto: Lisa Rädlein

 

CAVALLO Dressur Biegung Stellung Genick Greifenberg-Gruns
Foto: Lisa Rädlein Ohne Zug am Halfter biegt sich der Schimmel von ganz allein perfekt. Blaue und gelbe Gassen oder Pylone aus der Dualaktivierung lenken den Blick des Pferds, sein Körper folgt automatisch.

Cornelia Greifenberg-Gruns erklärt: „Das Gelenk hat keine Mittelstellung. Ganz ähnlich wie früher die alten Lichtschalter zum Drehen rutscht der Axis immer zu einer Seite. Das liegt an der besonderen Verbindung zwischen Atlas und Axis. Sie funktioniert anders als die Gelenke zwischen allen anderen Halswirbeln. Mitten im Wirbelkanal des Atlas gibt es eine Knochen- und Knorpelerhebung. Sie sitzt genau dort, wo eine Nase vom Axis in den Wirbelkanal des Atlas ragt. Das drängt den Axis aus seiner Mitte, immer zu einer Seite.“

Wie beim Schalter, der das Licht nur ein- oder ausschaltet, ist ein Pferd im Genick immer in eine Richtung gestellt – ob es döst, grast oder gerade geritten wird. „Schaut das Pferd nach rechts, rotiert der Axis nach rechts. Schaut das Pferd nach links, kippt auch der Axis dorthin“, sagt Greifenberg-Gruns. Der Pferdekopf bleibt übrigens trotzdem gerade: „Die Drehung löst in der unteren Halswirbelsäule eine leichte Rotation aus. Dadurch bleibt der Atlas mitsamt dem Kopf parallel zum Horizont. Die Pferdeohren stehen weiterhin gleich hoch.“

So weit, so gut. Aber sind solche anatomischen Feinheiten für normale Reiter nicht völlig egal? Sie könnten es sein, wenn das Gelenk zwischen Atlas und Axis stets reibungslos funktionieren würde. Doch leider klemmt es im Genick oft. Damit der zweite Halswirbel von einer auf die andere Seite wechslen kann, muss er einen deutlichen Widerstand überwinden. „Das fällt nur wenigen Pferden von Natur aus leicht. Und es wird immer schwieriger, je höher das Pferd den Kopf trägt und je stärker es beigezäumt ist“, erklärt Cornelia Greifenberg-Gruns.

Auch das liegt an der Anatomie: Um die Halswirbelsäule verlaufen im Genickbereich starke Muskeln. Darüber liegen zwei Schleimbeutel und das Nackenband. „Je weiter das Pferd sein Genick beugt, umso mehr Spannung kommt aufs Nackenband und damit auf die ganze, sowieso schon kompakte Struktur“, erklärt Cornelia Greifenberg-Gruns. „Um den Wirbel gegen diesen wachsenden Widerstand zu bewegen, ist immer mehr Kraft nötig. Und falls irgendwelche Strukturen in dem Bereich schmerzen, tut die Bewegung auch noch weh.“

Kein Wunder, dass viele Pferde den Axis beim Grasen zwar entspannt von rechts nach links switchen lassen, sich beim Reiten in Beizäumung aber nicht gerne umstellen. Oft weichen sie der Bewegung aus und verbiegen stattdessen den Hals weiter unten.

Cornelia Greifenberg-Gruns hat inzwischen viele Pferde am Genick abgetastet. „Bei den meisten hat der zweite Halswirbel eine Lieblingsstellung.“ Die korreliert immer mit der natürlichen Schiefe. Ist ein Pferd nach links hohl, kippt es auch seinen Axis bevorzugt nach links. Ist es rechts hohl, kippt der Wirbel meist nach rechts. Je schiefer ein Tier ist, umso schwerer fällt es ihm, sich in die andere Richtung zu stellen.

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09.07.2014
Autor: Melanie Tschöpe
© CAVALLO
Ausgabe Mai 2013/2013