Pferfekte Patzer: Was Pferd und Reiter aus Fehlern lernen

Fehler als Chance erkennen

Pannen mit Pferden passieren jedem Reiter – im Sattel, im Stall, beim Umgang. Macht nichts: Fehler sind genial. Wenn Sie daraus lernen - Plus Profi-Tipps!

Ein Team um Michael Falkenstein am Institut für Arbeitsphysiologie an der Universität Dortmund entdeckte diesen Effekt eher zufällig. Bei einer Messung von Gehirnströmen sank das elektrische Potenzial plötzlich um zehn Mikrovolt ab, als die Probanden im Experiment eine falsche Taste drückten und ihren Fehler bemerkten. Diese Prozesse entstehen im Bereich der Großhirnrinde, der bei Konfliktsituationen gefragt ist.

Das Gehirn wägt ab, wie riskant ein Fehler ist

Hirnforscher gehen davon aus, dass das Gehirn unsere richtigen und falschen Handlungen wie ein Regelkreis überwacht und optimiert. Ähnlich wie ein Heizungsthermostat vergleicht es ständig den aktuellen Ist-Zustand mit dem angestrebten Soll-Zustand. Weichen sie voneinander ab, schätzt es den Aufwand von Korrekturen ab und passt das Verhalten bei Erfolgsaussicht an.

Wie Menschen aus Fehlern lernen können und ihr Verhalten langfristig so verbessern, dass weniger Patzer unterlaufen, zeigt ein Experiment des britischen Psychologen Patrick Rabbitt. Er nahm Menschen unter die Lupe, die Tippfehler an der Schreibmaschine machten. Falsche Buchstaben wurden von ihnen zögerlicher angeschlagen. Danach drosselten sie meistens das Schreibtempo, um fehlerfreier Tippen zu können.

Dieses Experiment verdeutlicht auch, warum es trotzdem immer wieder zu Fehlern kommt. „Gerade unter Zeitnot versucht unser Gehirn, besonders effizient zu arbeiten“, sagt Fehlerforscher Ullsperger. Es wägt ab, wie riskant der Fehler ist und wie viel Zeit man spart, das Risiko einzugehen. Typisches Beispiel sind riskante Überholmanöver im Straßenverkehr. Jeder weiß, dass es gefährlich ist, an unübersichtlichen Stellen zu überholen. Trotzdem passiert es tagtäglich. „Weil wir positiv bestätigt werden, wenn das Manöver geklappt hat. Wir fühlen uns danach sogar besser“, erklärt Ullsperger.

Reiter ticken nicht anders als Autofahrer: Man holt im Sommer mal eben schnell das Pferd in Badelatschen von der Koppel, weil man entweder zu bequem ist, die festen Schuhe zu schnüren, oder Zeit sparen möchte. Latscht das Tier einem dabei nicht auf die nackten Zehen, ist ja alles gut gegangen. „In einer vertrauten Situation hat man als erfahrener Reiter eigentlich alle Informationen, um alles richtig zu machen. Trotzdem wird man durch andere Dinge verleitet, Fehler zu begehen“, meint Markus Ullsperger.

„Fehler geschehen aus ganz unterschiedlichen Gründen“, sagt Professor Dieter Frey vom Department für Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Die Person kann zu unerfahren, zu impulsiv, zu wenig konzentriert oder undiszipliniert sein.“ Im Umgang mit Pferden ist Undiszipliniertheit die Fehlerquelle Nummer eins. Man bindet mal eben das Pferd an der Boxentür fest, obwohl man genau weiß, dass das lebensgefährlich werden kann, wenn das Pferd Panik bekommt. Gerade Jugendliche neigen zu solchem Leichtsinn. „Sie handeln sorgloser, versuchen Grenzen zu testen, sind überheblich oder verfügen über eine Erfolgsarroganz“, erklärt Frey das Phänomen.

Pannen aus Unwissenheit machen besonders schlau

Patzer sind immer dann besonders lehrreich, wenn sie gerade noch mal gutgegangen sind. Geschehen Fehler aus reiner Unwissenheit, werden wir daraus übrigens besonders schlau. „Man kann die Situation nicht genau einschätzen, weil man nicht genügend Erfahrung gesammelt hat“, sagt Ullsperger. Im Hinblick aufs Reiten gilt dies vor allem für Sitz- und Ausbildungsfehler.

Wie erfolgreich wir aus Pannen lernen, wird nach Forschungen der Universität Fribourg/Schweiz vom Botenstoff Dopamin beeinflusst. Bei einer Untersuchung mit Affen zeigte sich, dass in den Nervenzellen die Produktion von Dopamin deutlich anstieg, wenn die Versuchstiere eine Belohnung für die richtige Antwort erhielten. Umgekehrt sank die Produktion, wenn die Belohnung ausblieb. Je mehr Dopamin-Rezeptoren, also Andockstellen, es für den Botenstoff gibt, desto eher lernt man aus Missgeschicken.

Wie gut man aus Patzern lernt, ist genetisch bedingt

Menschen, die genetisch bedingt weniger dieser Rezeptoren besitzen, lernen vermutlich nicht so fix aus ihren Pannen. In Versuchen des Max-Planck-Instituts in Leipzig nutzten diese Probanden seltener negative Rückmeldungen, um Fehler zu vermeiden. „Allerdings hatten die Versuchspersonen keine gravierenden Folgen zu erwarten“, gibt Professor Markus Ullsperger zu bedenken.

Die Rezeptoren sind auch nur ein Puzzleteil der Gesamtpersönlichkeit einer Person – und wie diese mit ihren Missgeschicken umgeht. Um aus dummen Fehlern klug zu werden, muss jeder Reiter sich mit ihnen auseinandersetzen. „Er lernt daraus, wenn er nach der Ursache sucht statt nach Sündenböcken“, sagt Professor Dieter Frey. Wer nur mit dem Schicksal oder dem dämlichen Stallkollegen hadert, wenn etwas gründlich schief läuft, wird nicht cleverer – und tappt über kurz oder lang in die nächste Falle.

Überlegen Sie lieber: Was lief nicht gut, warum nicht, wie hätte man den Fehler vermeiden können? Dazu raten Experten wie Andreas Mamerow, Mentaltrainer und ehemaliger Teamchef der Deutschen Reining Nationalmannschaft aus Heiligenhaus/Nordrhein-Westfalen. Der macht sogar Mut zum Reitfehler.

Pannen im Sattel, im Stall und im Umgang sind also nicht peinlich, sondern gut: Sie motivieren uns, es beim nächsten Mal richtig zu machen.

Fotostrecke: Sturz-Kurs: Wie Reiter sicher vom Pferd fallen

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Sturzkurs fallen Sturz Unfall Foto: Maja Claussen
Sturzkurs fallen Sturz Unfall Foto: Maja Claussen
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Fotostrecke: Fotostrecke: Sichere Anbindesysteme für Pferde

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Pferde Anbinden Foto: Rädlein/Kleemann
Pferde Anbinden Foto: Rädlein/Kleemann
Pferde Anbinden Foto: Rädlein/Kleemann

21.08.2012
Autor: Cathrin Flößer
© CAVALLO
Ausgabe 05/2011