Richter-Urteil: Warum bekommen schlecht gerittene Pferde gute Noten?

Was wollen Richter sehen?

Dilemma im Dressursport: Zu viele schlecht gerittene Pferde bekommen beim Turnier zu gute Noten, kritisiert Ausbilder Michael Putz. Eine aktuelle Studie stützt seinen Standpunkt: Richter schauen vor allem auf die Vorderbeine der Pferde.
Foto: Alltech FEI Games CAVALLO Weltreiterspiele 2010 Kentucky

Totilas unter Edward Gal.

Nur wenige Richter geben bei angelegten Ohren, zugeknallten Mäulern und ängstlichen Augen entsprechend niedrige Noten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Fachleute solch grobe Fehler nicht sehen können. Sie verkennen aber deren Bedeutung, haben sich daran gewöhnt oder wollen sie nicht sehen.

Das ist letztlich der springende Punkt: Was wollen die Richter eigentlich sehen? Das, was in den Richtlinien steht? Oder kommt es auf etwas anderes an? Eine gute Show zum Beispiel? Es geht doch mittlerweile mehr darum, Pferde spektakulär zu präsentieren, als darum, richtiges und pferdegerechtes Reiten zu demonstrieren. Auch bei Prüfungen für den Nachwuchs, etwa bei Weltmeisterschaften junger Pferde, ist diese Tendenz zu beobachten. Dressur-Bundestrainer Holger Schmezer äußerte 2009 in einem Interview, Losgelassenheit produziere Langeweile, weswegen unsere Ausbildungsgrundsätze überdacht und relativiert werden müssten; auch er ist damit Teil einer für unseren Sport fatalen Entwicklung.

Seriöse Dressur ist keine massentaugliche Show. Wirkliche Harmonie zwischen Pferd und Reiter erkennen und schätzen zu können, setzt ein etwas geschultes Auge voraus. Laien finden oft eine spektakuläre Vorhandaktion toll. Deshalb ziehen Pferde wie Totilas massenhaft Leute ans Viereck. Selbst Springreiter stürmen plötzlich die Ränge, wo der Hengst auftaucht. Dass das Pferd möglicherweise verspannte Rückenmuskeln hat, mit Hilfe der Unterhalsmuskulatur die Vorderbeine hochzieht und dass solche Bewegungen verschleißfördernd sind, ist vielen Zuschauern nicht bewusst oder sogar egal.

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26.03.2012
Autor: Redaktion CAVALLO/Michael Putz
© CAVALLO
Ausgabe 03/2012