Richter-Urteil: Warum bekommen schlecht gerittene Pferde gute Noten?

Die Losgelassenheit des Pferds

Dilemma im Dressursport: Zu viele schlecht gerittene Pferde bekommen beim Turnier zu gute Noten, kritisiert Ausbilder Michael Putz. Eine aktuelle Studie stützt seinen Standpunkt: Richter schauen vor allem auf die Vorderbeine der Pferde.

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Schwung - Reiten Beispiel 1.1 Foto: Rädlein
Schwung - Reiten Beispiel 1.2 Foto: Rädlein
Schwung - Reiten Beispiel 1.3 Foto: Rädlein

 

Angst bei Sportpferden
Foto: Rädlein Pferde haben nicht selten Angst vor ihren Reitern.

Losgelassenheit ist ein Grundprinzip der Ausbildung und sollte auch für Grand-Prix-Pferde selbstverständlich sein. Entscheidende Kriterien für ein losgelassenes Pferd sind der hergegebene, schwingende Rücken, die durchschwingenden Hinterbeine sowie der locker pendelnde Schweif. Schweifschlagen wird in Dressurprüfungen selten negativ bewertet. Dass die Richter kaum auf den Schweif achten, belegt die Studie. Ein sicherlich extremes Beispiel war die Schimmelstute Matiné unter Andreas Helgstrand. Ihr Schweif wirbelte fast propellerartig durch die Luft - von Losgelassenheit also keine Spur. Trotzdem wurde Helgstrand mit der Stute 2006 Vize-Weltmeister in Aachen.

Nur aus korrekter Versammlung entwickelt sich die gewünschte relative Aufrichtung. Dabei senkt sich die Kruppe des Pferds ab, das Genick ist der höchste Punkt, und die Nase ist vor, maximal aber an der Senkrechten. Eine mit der Hand erzwungene absolute Aufrichtung ist dagegen ein grober Fehler. Leider gibt es oft noch zu gute Noten für Pferde mit engen, „oben hingestellten“ Hälsen, teilweise falschem Knick und wenig Hankenbeugung. Dafür liefert die Studie eine Erklärung: Wenn Richter selten auf Genick und Kruppe schauen, können sie solche Fehler schlicht nicht sehen.

Auch den Pferdegesichtern wurde von den an der Studie beteiligten Richtern nur selten ein Blick gegönnt. Dabei sind Gesichtsausdruck und Ohrenspiel sehr gute Indikatoren für die psychische Verfassung eines Pferds. Schon in den unteren Klassen sieht man häufig gestresste Pferdegesichter und zurückgelegte Ohren. Von Unzufriedenheit über Angst bis hin zur erlernten Hilflosigkeit ist leider alles dabei. Die Reiter dieser Pferde sollten unbedingt ihre Ausbildungsmethode und Hilfengebung hinterfragen. Aber wozu, wenn man trotzdem Erfolg hat?

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Fotostrecke: Porträt: Zu Besuch bei Michel Henriquet

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CAVALLO Michel Henriquet Richard Hinrichs Foto: Rädlein
CAVALLO Michel Henriquet Richard Hinrichs Foto: Rädlein
CAVALLO Michel Henriquet Richard Hinrichs Foto: Rädlein

26.03.2012
Autor: Redaktion CAVALLO/Michael Putz
© CAVALLO
Ausgabe 03/2012