Standpunkt Horsemanship: Wie sanft sind Seilschwinger

Horsemanship - aber richtig

CAVALLO Horsemanship Trainer
Foto: Rädlein
Schlechte Horsemanship-Trainer empören Reiter und bringen das pferdefreundliche Trainings-Konzept in Verruf. Aufgebrachte Tierfreunde setzen schlechte Seilschwinger mit der Methode gleich und verdammen beide. Höchste Zeit für mehr Sachlichkeit.

 

Horsemanship
Foto: Lisa Rädlein Das geht schief: Wer grob agiert, macht Pferden mit Stick und Seil nur Angst. Harmonie entsteht so nicht.

Die sogenannte Horsemanship-Trainerin schleudert das Seil, zerrt am Knotenhalfter und tritt dem Pferd in den Bauch – wie Natural Horsemanship entgleisen kann, wird immer wieder auf Video gebannt. Die Filme kursieren durchs Internet und sorgen unter Pferdefreunden für Empörung. Oft sogar mehrmals.

Ein französisches Video wurde bereits Anfang vergangenen Jahres in der virtuellen Welt heiß diskutiert und sorgt derzeit schon wieder für Aufruhr. Auch andere Film-Sequenzen zirkulieren in Foren oder sozialen Netzwerken, werden weltweit heftig kritisiert. Tenor: Natural Horsemanship ist Tierquälerei. Die sich selbst als so sanft verkaufenden Seilschwinger sind in Wahrheit reine Brutalos.

Ist die neue Natürlichkeit im Umgang mit Pferden also nur Lug und Trug? Sind die Menschen mit den Knotenhalftern, orangen Stöcken und Fähnchen auch nicht besser als sporenbewehrte Schlaufzügelreiter? Steckt Missbrauch und Gewalt vielleicht sogar in den Genen dieser als pferdefreundlich angepriesenen Methode? Natürlich nicht!

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"Ein System ist immer nur so gut wie seine Anwender"

Schauen wir mal genauer auf das eingangs erwähnte französische Video. Schlecht ist hier nicht die Methode, sondern die Trainerin. Der Schweizer Berni Zambail, einziger 5-Sterne-Parelli-Instruktor im deutschen Sprachraum, stellt klar: "Ein System ist immer nur so gut wie seine Anwender." Zambail kennt das französische Video und sieht dort massive Fehler: "Die Dame hat das Pferd falsch eingeschätzt. Als das zum Problem wird, will sie unbedingt beweisen, dass sie das Pferd trotzdem in den Griff bekommen kann."

Doch damit scheitert sie gründlich. Warum, erläutert Horsemanship-Trainerin Silvia Furrer aus Frankreich: "Sie agiert wie viele Reiter quer durch allen Disziplinen. Ihr geht es nicht ums Pferd. Sie sorgt sich um ihr Image und den Eindruck, den sie bei ihren Kunden hinterlässt." Und damit fehlt ihr genau das, wofür der Begriff "Horsemanship" eigentlich steht. "Es geht beim Reiten im Grunde immer um die Beziehung zwischen Pferd (=horse) und Mensch (=man). Nur wenn beide zu ihrem Recht kommen, wird sie harmonisch."

Technische und emotionale Schwächen der Trainerin führen zur Eskalation

Auch die Technik im Video lässt zu wünschen übrig: "Die Dame kennt offenbar keine Phasen", sagt Silvia Furrer. Hilfen systematisch abzustufen, ist ein wesentliches Prinzip bei jedem Pferdetraining – nicht nur im Horsemanship. Damit feine Kommunikation möglich wird, sollten Reiter zuerst ein sanftes Signal geben. Die Intensität steigt nur, wenn das Pferd darauf nicht wie gewünscht reagiert. Für die richtige Reaktion muss man dem Pferd Zeit lassen.

"Diese Trainerin ist jedoch viel zu schnell", diagnostiziert Ralf Heil. Der 3-Sterne-Parelli-Instruktor aus Geisenheim im Rheingau sieht hier einen schwachen Menschen mit technischen Defiziten, der einem schwierigen Pferd gegenüber den kürzeren zieht. Seine Analyse ist klar: "Dieses Pferd hat offensichtlich schon früher Erfahrungen mit der Arbeit am Seil gemacht. Dadurch wurde es leider nicht kooperativer, sondern hat gelernt, wie es sich am besten entziehen kann. Als die Trainerin das Seil übernimmt, spielt das Pferd mit ihr das Dominanz-Spiel ‚Wer bewegt wen?‘. Es ist damit zunächst erfolgreich und bringt die Trainerin dazu, ihm auszuweichen. Sie versucht zwar, das Problem zu lösen, stößt aber auf Widerstand. Ihre technischen und emotionalen Schwächen führen dann zur vermeidbaren Eskalation."

Wer das Video verurteilt, hat recht. Dennoch ist "Horsemanship" keine Tierquälerei. Aus dem Film kann niemand ableiten, dass Seilschwinger systematisch brutal agieren.

Video: Wie Horsemanship nicht aussehen sollte





30.04.2014
Autor: Melanie Tschöpe
© CAVALLO
Ausgabe 5 / 2014 /2014