Zügelmessung: Pferde wünschen sanfte Anlehnung

Zügel-Messung mit drei Pferden


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CAVALLO Zügelspannung
Foto: Lisa Rädlein

 

CAVALLO Zügelspannung
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CAVALLO Zügelspannung
Foto: Lisa Rädlein

 

CAVALLO Zügelspannung
Foto: CAVALLO

 

CAVALLO Zügelspannung
Foto: Lisa Rädlein
Der Zügelzug des Reiters kann die Bewegung des Pferds stören. CAVALLO hat den Zügelzug bei Pferd-Reiter-Paaren gemessen. Fazit: Pferde mögen Ruhe im Maul. Reit-Experten erklären, wie konstante Anlehnung funktioniert.

 

CAVALLO Zügelspannung
Foto: Lisa Rädlein Wie fein darf’s denn sein? Um herauszufinden, wie stark der Zügelzug sein darf, maß CAVALLO die Spannung am Gebissring.

Schwebephase? Fehlanzeige. Schon im Video sieht man, dass das Pferd sehr flach und kurz trabt. Die Einzelbilder enthüllen dann: Die Stute klebt förmlich am Boden, ihre Rückenlinie hebt und senkt sich in der Bewegung kaum noch. Der Grund dafür sind durchschnittlich 200 Gramm mehr Zug pro Zügel. Zwei kleine Joghurtbecher reichen aus, um einem 500-Kilo-Pferd den Gang komplett zu verderben.

Diese Erkenntnis stammt aus einem spannenden Experiment, das CAVALLO mit Hilfe von Reit- und Verhaltens-Experten startete. Wir wollten wissen: Wie schmeckt Pferden die Anlehnung am besten? Wie verändern sie sich, wenn ihre Reiter die Zügel strammer oder lockerer führen als gewohnt?

Die klassische Reitlehre fordert eine weiche, stetige Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul. Doch dieser leichte und stabile Kontakt ist ein Märchen. Das enthüllten schon vor gut zehn Jahren die ersten Zügelmessungen von CAVALLO. Die Messkurven zeigten mehr oder weniger wildes Auf und Ab anstatt konstanter Linien. Der Druck schwankte umso mehr, je schneller die Pferde unterwegs waren. Selbst Top-Dressurreiter griffen in manchen Momenten mit bis zu 10 Kilo in die Zügel, und die Anlehnung wurde mit zunehmendem Ausbildungsstand immer stärker anstatt leichter. Auch bei Westernpferden, die ohne Anlehnung geritten werden, herrscht keineswegs Ruhe im Maul.

Höchste Zeit also, mal die vom Zügelzug Betroffenen nach ihrer Meinung zu fragen. Wie viel Kilo im Maul sind okay? Weil Pferde über ihre Vorlieben nicht sprechen können, ritten drei Hobby-Reiterinnen eine kleine Aufgabe mit normaler, weniger und mehr Zügelspannung. Auf dem Hof von Dressurausbilderin Andrea Bethge im niedersächsischen Rehburg-Loccum wurden sie gefilmt und ihr Zügelzug gemessen. Danach beurteilten Verhaltensforscherin Dr. Konstanze Krüger und Biomechaniker Dr. Gerd Heuschmann die Pferde in den Videos, ohne zu wissen, was verändert worden war.

 

CAVALLO Zügelspannung
Foto: Lisa Rädlein Der Zugsensor schickt die Daten per Kabel an einen Rekorder, den die Reiterinnen am Bauch tragen.

So funktioniert der Versuch

Die Test-Ritte: Die Basis für das CAVALLO-Experiment zum Zügelzug lieferten drei Test-Reiterinnen. Nach etwa 15 Minuten Warmreiten absolvierten sie dreimal hintereinander eine kurze Dressur-Aufgabe. Das Programm dauerte ungefähr anderthalb Minuten. Die Teilnehmerinnen ritten dabei Schritt und Trab (Aussitzen und Leichttraben) auf dem Zirkel und ganze Bahn auf beiden Händen. Im ersten Durchgang blieb die Zügelverbindung so, wie die Reiter es gewohnt waren. Danach sollten sie im nächsten Durchgang mit deutlich weniger und im letzten mit deutlich mehr Kontakt als üblich reiten.

 

CAVALLO Zügelspannung
Foto: Falaturi Ausschnitt der Messungen von Stute Despina. Die schwarze Linie zeigt den normalen Zügelzug, grün den geringeren und rot den höheren Zug.

Technik und Datenanalyse: Während der Testritte zeichnete der promovierte Biologe und Biomechaniker Dr. Parvis Falaturi mit Zugsensoren auf, welche Kräfte zwischen Zügel und Gebiss wirkten. Vom den fein kalibrierten Metallfedern führte je ein Kabel zu einer kleinen Box. Dieser Datenrecorder zeichnete 100 Messwerte pro Sekunde auf. Die Reiterinnen trugen ihn unter einer breiten, elastischen Bauchbinde.

Die gesammelten Daten analysierte Falaturi mit einem speziellen Auswertungsprogramm. Die Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul ist ein ständiges Auf und Ab. Deshalb ist laut Falaturi die durchschnittliche Stärke der Druckspitzen der aussagekräftigste Messwert in diesem Versuch. Von diesen Druckspitzen gibt es pro Bewegungszyklus des Pferds zwei. Das heißt, in der Zeit, in der alle vier Pferdefüße einmal auffußen, gibt es zwei Kontakte im Pferdemaul.

Videoanalyse: Alle Ritte wurden auf Video aufgenommen. Tierarzt und Biomechaniker Dr. Gerd Heuschmann aus Münster sowie Verhaltensforscherin Dr. Konstanze Krüger von der Hochschule Nürtingen analysierten anhand der Aufnahmen das Verhalten der Pferde bei allen Ritten. Sie erfuhren erst nach der Beurteilung, worum es ging. Ihre Analysen beziehen sich auf die Video-Nummern. 1 war der Ritt mit normaler Zügelspannung, 2 zeigt den Ritt mit loseren Zügeln und 3 die Runde mit dem stärksten Zügelzug. Ausbilderin Andrea Bethge trainiert die Test-Reiterinnen und war bei den Messungen dabei.

Auch sie warf einen Blick auf die Videos.


15.02.2015
Autor: Melanie Tschöpe
© CAVALLO
Ausgabe 8 / 2014 /2014