Zügelmessung: Pferde wünschen sanfte Anlehnung

Stute Luna: Reagiert sensibel am Zügel

Der Zügelzug des Reiters kann die Bewegung des Pferds stören. CAVALLO hat den Zügelzug bei Pferd-Reiter-Paaren gemessen. Fazit: Pferde mögen Ruhe im Maul. Reit-Experten erklären, wie konstante Anlehnung funktioniert.

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CAVALLO Zügelspannung Foto: Lisa Rädlein
CAVALLO Zügelspannung Foto: Lisa Rädlein
CAVALLO Zügelspannung Foto: CAVALLO

 

CAVALLO Zügelspannung
Foto: Lisa Rädlein

Sie zappelt und trippelt, galoppiert an und ist sichtlich unzufrieden. Stute Luna ist am Messtag offenbar mit dem linken Huf zuerst aufgestanden. Ihre Besitzerin Nadine Rohde bleibt trotzdem locker, als sie ihre sensible Oldenburgerin durch die drei CAVALLO-Messrunden steuert.

 

CAVALLO Zügelspannung
Foto: CAVALLO Selbst bei verringertem Zügelzug fehlt der sensiblen Oldenburger-Stute Balance (oben). In der Messung mit höherem Druck verliert Luna dann zum Teil völlig den Takt (unten). *BR* ∅-Zug kg: 1.3 / 1.2 / 1.5* *BR* ∅-Zugspitzen kg: 2.2 / 2.1 / 3.2 *BR* (* erste Zahl zeigt die Messwerte bei normalem Zügelzug, die zweite Zahl mit weniger Zug und die Dritte mit mehr.)

Ein hektisches Pferd mit guter Reiterin

Dr. Gerd Heuschmann: Die Reiterin sitzt schön und trägt die Hände gut. Dennoch geht ihr Pferd in keiner Sequenz gut. Ihm fehlen Grundbalance und Gelassenheit.

Im ersten Video (bei normalem Zügelzug) zeigt das Pferd im Schritt durch Schweifschlagen und Maulsperren, wie unwohl es sich fühlt. Der Schritt ist sehr flach und eilig. Auch der Trab ist zu flach und kurz. Das Pferd widersetzt sich auf der linken Hand zudem deutlich dem Versuch, es zu biegen. Im Leichttraben wird die Situation etwas besser, aber das Pferd findet immer noch nicht in den Takt.

Auch im zweiten Video (mit weniger Zügelzug) ist der Schritt noch eilig. Dennoch wirkt das Pferd etwas gelassener und öffnet das Genick ein wenig. Es findet zwischendurch mehr Ruhe und schlägt weniger mit dem Schweif. Im Trab sind weiterhin deutlich Spannungen zu sehen. Zum Ende diese Sequenz, vor allem im Leichttraben, lösen die sich aber etwas. Hier können wir einen scheinbar paradoxen Effekt sehen, den ich häufig beobachte: Lässt die Spannung im Rücken nach, zeigen sich häufig Taktfehler. Das passiert auch hier. Die Taktprobleme sind in diesem Fall ein Zeichen von Entspannung, nicht von Verspannung.

Im dritten Video (stärkerer Zug) kommen im Schritt Spannungen und Unzufriedenheit zurück. Der Trab ist hektisch und gelaufen. Es gibt massive Störungen wie das Angaloppieren. Sie zeigen, dass die Spannung im Pferd wieder steigt. Im Leichttraben verbessert sich die Situation leicht, aber der Takt ist jetzt stark gestört.

Dr. Konstanze Krüger: In Video 1 (normaler Zug) zeigt das Pferd im Schritt deutliche Taktfehler. Es ist im Genick verworfen, Kopf und Ohren sind unruhig, es schlägt mit dem Schweif. Auch im Trab schlägt das Pferd mit dem Kopf und hat oft die Ohren hinten. Es sperrt das Maul auf, kaut nervös, verschiebt die Hinterhand nach links, geht gegen den Zügel und drückt den Rücken weg.

Auch beim zweiten Ritt (weniger Zug) ist das Pferd sichtbar nervös. Es geht keinen klaren Schritt, sondern trippelt und hält sich fest. Die Taktstörungen sind deutlich. Im Trab geht es zuerst taktrein mit mehr Dehnung im Hals und wird freier in der Schulter. Im Leichttraben kommen dann wieder Taktfehler und das Pferd sperrt im Maul.

Beim dritten Ritt (mehr Zug) geht sowohl im Schritt als auch im Trab der Takt total verloren. Das Pferd wirkt jetzt durchgehend extrem aufgezogen, unruhig und unwillig.

Andrea Bethge: Luna ist schwierig und sehr störanfällig. Am Messtag hatte sie einen schlechten Tag, in keiner der Sequenzen geht sie auch nur ansatzweise gut. Sie ist die ganze Zeit mehr oder weniger stark ge- oder verspannt, trabt flach und zappelig, zackelt im Schritt, hält Rücken und Oberlinie fest.

In der Sequenz mit weniger Zügelzug sehe ich im Schritt noch mehr Störungen, sie trabt mehrmals an. Ich finde die Sequenz nicht besser als mit normalem Zügelmaß.

Mit stärkerem Zügeldruck ist Luna aber deutlich am angespanntesten. Sie trabt nicht nur kurz, sondern auch ungleich und mit Taktfehlern. Diese Sequenz ist deutlich schlechter als die anderen beiden.

Niedrige Zugspitzen, starke Schwankungen

Dr. Parvis Falaturi: Bei diesem Pferd sehen wir insgesamt sehr niedrige Impulsspitzen. Auch beim Annehmen der Zügel landete relativ wenig Druck im Pferdemaul. Die Werte unterscheiden sind in den Messungen „normal“ und „leichter“ allerdings kaum (2,2 Kilo vs. 2,1 Kilo). Als die Reiterin mit höherem Zügelzug reitet, klettern die Zuspitzen auf 3,2 Kilo im Durchschnitt. Bei diesem Pferd-Reiter-Paar hat mich vor allem eins überrascht: In der zweiten Messung, also der mit weniger Zug, sehen wir deutlich stärkere Schwankungen als bei der vorigen Messung. Die Zügel werden offenbar etwas leichter geführt, dafür greift die Reiterin manchmal kräftiger zu als in der vorigen Messung.

Das sagt das Pferd: Die gestresste Luna entspannt sich etwas, als der Zügelzug nachlässt. Bei höherem Zug am Zügel reicht das Gewicht von zwei Joghurtbechern aus, um Takt und Schwebephase massiv zu stören.


15.02.2015
Autor: Melanie Tschöpe
© CAVALLO
Ausgabe 8 / 2014 /2014