Zügelmessung: Pferde wünschen sanfte Anlehnung

Stute Cascada: Balance-Probleme lösen

Der Zügelzug des Reiters kann die Bewegung des Pferds stören. CAVALLO hat den Zügelzug bei Pferd-Reiter-Paaren gemessen. Fazit: Pferde mögen Ruhe im Maul. Reit-Experten erklären, wie konstante Anlehnung funktioniert.

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CAVALLO Zügelspannung Foto: Lisa Rädlein
CAVALLO Zügelspannung Foto: Lisa Rädlein
CAVALLO Zügelspannung Foto: CAVALLO

 

CAVALLO Zügelspannung
Foto: Lisa Rädlein

Die erst fünf Jahre alte Trakehner-Stute Cascada sucht unter dem Sattel noch ihr Gleichgewicht. In allen Ritten für die Zügelmessung fehlen der Stute Takt und Losgelassenheit.

Ihre Besitzerin Anne Jäger-Klein reitet insgesamt mit einer eher leichten Zügelverbindung. Dabei versucht sie jedoch, der Stute mit tiefer Hand Sicherheit zu geben. Weil sie deswegen ihre Hände etwas zu tief trägt, blockiert sie sich und ihr Pferd ein wenig.

 

CAVALLO Zügelspannung
Foto: CAVALLO Trakehner-Stute Cascada lässt sich im Schritt nicht richtig fallen, auch nicht in der Messung mit niedrigem Zügelzug (o.). Als die Reiterin den Druck im Maul etwas erhöht, zeigt die Stute Spannung und Abwehr (u.). *BR* ∅-Zug kg: 1.3 / 1.2 / 1.5* *BR* ∅-Zugspitzen kg: 2.2 / 2.1 / 3.2 *BR* (* erste Zahl zeigt die Messwerte bei normalem Zügelzug, die zweite Zahl mit weniger Zug und die Dritte mit mehr.)

Auf der Suche nach Takt und Balance

Dr. Gerd Heuschmann: Wir sehen hier ein Reiter-Pferd-Paar, das vom Niveau und von der Harmonie deutlich über dem liegt, was in vielen deutschen Reitställen sonst üblich ist. Die Reiterin bemüht sich sichtlich, fein einzuwirken und ihrem Pferd nicht zu schaden. Doch damit kann sie die fehlende Grundbalance ihres Pferds nicht überwinden. In allen drei Videos hat das Pferd den Rücken in Abwehr gegen die Reiterin gespannt und gibt sein Genick nicht her.

In der Schrittsequenz des ersten Videos (normaler Zug) wirkt das Pferd mechanisch beigezäumt und verspannt. Es lässt den Hals nicht fallen, was auch an der falschen Handposition der Reiterin liegt. Im Trab geht das Pferd mit hoher Kruppe und hebt sich immer wieder raus. Es biegt sich nicht, sondern knickt am Widerrist ab; der Hals kommt nach innen, die Schulter geht nach außen.

Auch beim zweiten Ritt (weniger Zug) lässt sich das Pferd im Schritt kaum fallen. Dennoch sind Raumgriff und Takt hier etwas besser als im vorigen Video, vor allem auf der rechten Hand. Im Trab läuft das Pferd zunächst wieder flach und taktlos. Es ist aber weniger gespannt als im vorigen Video. Auf der rechten Hand entwickelt es dann im Leichttraben sogar ein wenig Takt.

Im dritten Durchgang (mehr Zug) wird das Pferd in Genick und Hals deutlich steifer und hebt sich, vor allem links, öfter heraus. Im Trab ist der Rücken erst ganz fest. Als die Reiterin leichttrabt, wird das etwas besser, aber das Genick bleibt steif.

Dr. Konstanze Krüger: Dieses Pferd zeigt in allen Sequenzen deutliche Taktfehler im Schritt und stets einen gebundenen Trab. Es wirkt auf mich durchgehend unzufrieden.

Die Befunde für den ersten Ritt (normaler Zug) gelten deshalb in weiten Teilen für alle drei Durchgänge. Der Schritt ist bei diesem Pferd fast permanent gestört und es hält sich im Rücken fest. Die Ohren gehen unruhig hin und her. Dazu schlägt es leicht mit dem Schweif und verwirft sich im Genick nach rechts. Beim Antraben schlägt das Pferd dann stark mit dem Schweif und richtet beide Ohren nach hinten. Das zeigt beides klar an, dass das Tier sich unwohl fühlt. Darauf weist auch das Sperren mit dem Maul hin. Zudem geht das Pferd gegen die Reiterhand und drückt den sowieso schon festgehaltenen Rücken weg. Beim Leichttraben lässt es dann den Hals zwar etwas fallen, kommt aber dafür mit der Stirn-Nasenlinie hinter die Senkrechte.

Auf dem zweiten Video (weniger Zug) wird das Pferd im Schritt eng im Hals. Im Leichttraben versucht es dafür, etwas den Hals fallen zu lassen und seinen Rahmen zu öffnen. Ansonsten sehe ich keine wesentlichen Unterschiede zum ersten Video.

Beim dritten Ritt (mehr Zug) trägt die Reiterin nun eine Gerte. Ansonsten sehe ich wieder nur geringe Unterschiede zu Video eins und zwei. Der Zügel springt in diesem Video etwas öfter, das Pferd hat beide Ohren öfter nach hinten gerichtet und wirkt angespannt. Trab immer noch sehr gebunden und Pferd im Genick verworfen.

Andrea Bethge: Ich kenne Anne noch nicht sehr lange, sie hat bei mir gerade erst mit dem Reitunterricht angefangen. Für mich ist deutlich, dass die nicht optimale Zügelführung das Pferd in allen drei Sequenzen stört. Es ist deshalb schwer auszumachen, wo das Pferd wirklich am besten geht. Allerdings gefällt mir hier der Ritt mit dem geringeren Zügelzug tendenziell am besten. Das Pferd nimmt es sichtbar gut an, wenn der Zug am Zügel etwas weniger wird. Genau daran arbeiten wir momentan auch im Rahmen unserer Reitstunden. Anne konzentriert sich gerade stark darauf, die Zügel noch leichter zu führen.

Wenig Unterschied bei den Messreihen

Dr. Parvis Falaturi: Die Messdaten zeigen, dass es der Reiterin schwer fiel, die Stärke ihrer Zügelverbindung nennenswert zu variieren. Die Werte der drei Mess-Sequenzen liegen bei ihr dichter zusammen als bei den anderen beiden Reiterinnen.

Bei normalem Zügelzug lasteten im gesamten Durchschnitt der Messung 1,7 Kilo auf jedem Zügel. Die Druckspitzen waren durchschnittlich 2,6 Kilo stark. Als die Reiterin mit weniger Zügelkontakt reiten sollte, verringerte sich der Durchschnittswert pro Zügel gerade mal um knapp 100 Gramm auf 1,6 Kilo. Die Druckspitzen waren bei dieser Messung im Durchschnitt mit 2,8 sogar etwas höher als in der Normal-Messung.

Hier zeigt sich ein Phänomen, was im Experiment bei allen Reiterinnen ähnlich auftrat: Wenn sie die Zügel leichter führten, griffen sie in schwierigen Situationen, wo Korrekturen nötig waren, tendenziell etwas stärker zu. So landete zwar insgesamt etwas weniger Kraft im Pferdemaul, aber dafür waren die Druckspitzen manchmal höher. Wenn in einer Messung mehr Korrekturen erfolgten als in einer anderen, ließ das den Durchschnittswert für die Druckspitzen sofort ansteigen.

In der Messung mit erhöhtem Druck nahm die Kraft auf Cascadas Zunge im Durchschnitt gerade mal um 200 Gramm auf 1,9 Kilo pro Zügel zu. Die Druckspitzen stiegen im Durchschnitt auf 3,0 Kilo. Das ist nicht nennenswert höher ist als bei den anderen Messungen dieser Reiterin.

Auch die anderen Test-Reiterinnen haben den zur Verfügung stehenden Spielraum an den Zügeln nicht ansatzweise ausgenutzt. Die Differenz zwischen den niedrigsten und den höchsten Durchschnittswerten der Druckspitzen lag maximal bei 2,1 Kilo. Aus Zügelmessungen mit anderen Reitern wissen wir, dass die Werte noch deutlich niedriger und höher sein könnten.

Das Interessante dabei: Obwohl die Unterschiede oft nur im Huntertgrammbereich lagen, hatten die Reiterinnen trotzdem das Gefühl, sie hätten ihre Zügelführung erheblich verändert.

Das sagt das Pferd: Mit einer leichteren Zügelverbindung findet Cascada zu etwas mehr Balance und Takt. Bei höherem Zug wird sie fest und wehrt sich gegen den Zügel.


15.02.2015
Autor: Melanie Tschöpe
© CAVALLO
Ausgabe 8 / 2014 /2014