Zügelmessung: Pferde wünschen sanfte Anlehnung

Stute Despina: Balanciert und drucktolerant

Der Zügelzug des Reiters kann die Bewegung des Pferds stören. CAVALLO hat den Zügelzug bei Pferd-Reiter-Paaren gemessen. Fazit: Pferde mögen Ruhe im Maul. Reit-Experten erklären, wie konstante Anlehnung funktioniert.

Fotostrecke: Zügelmessung: Pferde wünschen sanfte Anlehnung

11 Bilder
CAVALLO Zügelspannung Foto: Lisa Rädlein
CAVALLO Zügelspannung Foto: Lisa Rädlein
CAVALLO Zügelspannung Foto: CAVALLO

 

CAVALLO Zügelspannung
Foto: Lisa Rädlein

Die Hannoveraner-Stute Despina (10) und ihre Reiterin kannten sich nicht. Daniela Frieße sprang kurzfristig ein, als eine andere Testkandidatin ausfiel und war in der Experiment-Situation entsprechend angespannt. Pferd und Reiterin hatten Mühe, miteinander klarzukommen, was sich auch in den Messwerten spiegelt. Sie liegen etwas höher als bei den anderen beiden Paaren.

 

CAVALLO Zügelspannung
Foto: CAVALLO Auf Despinas Zunge landen bei leichtem Zügelkontakt so viele Kilos wie bei den anderen Pferden bei stärkstem Zug. Die Stute zeigt dennoch Takt und Balance (oben). Sie verträgt offenbar mehr Druck. Aber auch sie wird bei mehr Zug fester (unten). *BR* ∅-Zug kg: 2.2 / 1.9 / 2.9* *BR* ∅-Zugspitzen kg: 3.9 / 3.2 / 5.0 *BR* (* erste Zahl zeigt die Messwerte bei normalem Zügelzug, die zweite Zahl mit weniger Zug und die Dritte mit mehr.)

Ein sicheres Pferd, das seinen Weg geht

Dr. Gerd Heuschmann: Diese Reiterin zeigt hier klare Sitzschwächen. Dennoch hat ihr Pferd eine bessere Grundbalance als die anderen Pferde. Sein Verhalten verändert sich in den drei Videos in meinen Augen am wenigsten. Vielleicht, weil die leichte Reiterin das große Pferd nicht so sehr stört.

Im ersten Video (normaler Zug) sieht man einen gebundenen Schritt mit hoher Kruppe und viel Unruhe im Schweif. Im Trab lässt das Pferd den Rücken zwar nicht wirklich los, zeigt aber dennoch erkennbar Takt, rechts mehr als links. Im Leichttraben wirkt das Pferd deutlich zufriedener, kippt aber immer mal wieder hinter die Senkrechte.

Der zweite Ritt (weniger Zug) beginnt im Schritt mit einem offeneren Genick und etwas weniger Abwehr beim Pferd, auch wenn es immer noch gelegentlich mit dem Schweif schlägt. Das Pferd kommt manchmal etwas über den Zügel. Das ist mir immer lieber, als dass ein Pferd mit der Nase hinter die Senkrechte kippt und zu eng wird. Im Trab sitzt die Reiterin besser als auf Video 1, der Takt ist gut. Unruhe im Schweif ist weiterhin da, aber das Pferd wirkt etwas zufriedener als zuvor. Allerdings fehlt mir hier jetzt Fleiß, das Pferd geht zu verhalten.

Im dritten Video (mehr Zug) nimmt das Schweifschlagen im Schritt wieder zu. Das Pferd versteift sich im Genick, hebt sich raus und geht gegen die Hand. Im Trab wirkt es zufriedener als im Schritt, wird aber im Hals enger und wirkt mechanisch beigezäumt.

Dr. Konstanze Krüger: Dieses Pferd zeigt Taktfehler in Schritt und Trab, es wirkt insgesamt eher unzufrieden. Im ersten Video (normaler Zug) ist der Schritt passartig gestört. Das Pferd ist fest in Rücken und Unterhals, es drückt gegen die Reiterhand und schlägt mit dem Schweif. Auch im Trab ist der Takt gestört. Das Pferd schnickt mit dem Kopf, ist unruhig im Maul, wendet die Ohren zurück, schlägt mit dem Schweif.

Beim zweiten Durchgang (weniger Zug) fällt im Schritt das unruhige Maul auf. Im Trab zeigt das Pferd eine Tendenz, den Hals fallen zu lassen und den Rücken herzugeben, doch der Takt ist immer wieder gestört.

Der dritte Ritt (mehr Zug) zeigt im Schritt ein enges Genick mit falschem Knick, die Nase kommt hinter die Senkrechte. Der Schritt ist passartig gestört. Im Trab sehen wir Taktstörungen. Das Pferd wird im Hals enger und kommt hinter die Senkrechte. Sein Gesichtsausdruck ist auffallend stumpf.

Andrea Bethge: Die Ausgangslage war ungünstig. Die Reiterin kannte das Pferd nicht und war angesichts der Situation unsicher. Bei weniger Zügelzug wurde das Pferd zunächst etwas lang, drückte auf die Hand, wirkte unsicher. Es scheint, als fehlte dem Pferd die Führung. Dann wurde die Stute jedoch deutlich besser, vor allem im Leichttraben. Im dritten Video mit mehr Zügelzug war die Stute dann völlig durcheinander und gestresst, ihr Gang war total kaputt.

Höchste Werte und stärkste Varianz

Dr. Parvis Falaturi: Dieses Pferd geht durchgehend mit dem stärksten Zügelkontakt in unseren Messungen. Aus meiner gesamten Messerfahrung kann ich allerdings sagen, dass diese Werte absolut im Normalbereich liegen. Viele, auch gute Reiter, haben noch deutlich mehr Gewicht am Zügel.

Ebenso wie bei den vorigen beiden Reiterinnen können wir bei den Messwerten von diesem Paar beobachten, dass die Schwankungen im Zügeldruck zunehmen, wenn die Reiterin mit weniger Zügelzug reiten will. Die leichte Hand führt hier bei allen drei Reiterinnen dazu, dass einzelne Impulse stärker kommen als in den Messungen, wo ein höherer Grundzug herrscht.

Das sagt das Pferd: Despina verträgt mehr Druck im Maul als die anderen Test-Pferde. Aber auch diese Stute zeigt: Weniger Zügelzug mag sie lieber, mehr Zug führt zu Stress.


15.02.2015
Autor: Melanie Tschöpe
© CAVALLO
Ausgabe 8 / 2014 /2014